Eli Harnik

»Meine Gene müssen rheinisch sein«

Früher war ich immer Eli. Aber seitdem ich in Deutschland lebe, heiße ich plötzlich »Herr Harnik«. Es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen, obwohl ich schon fast fünf Jahre hier bei meiner deutschen Lebensgefährtin wohne.
Ende der Woche fliege ich nach Israel, weil mein Sohn seinen Militärdienst beginnt. Da möchte ich dabei sein. Ansonsten verbringe ich den größten Teil des Jahres in Deutschland. Wir leben in einem kleinen Ort im Siebengebirge. Den kennt keiner. Deshalb sage ich »Bonn«, wenn man mich nach meinem Wohnort fragt. Wenn ich es jemandem in Israel erklären muss, sage ich: Köln wie Kölnisch Wasser.
Da, wo wir wohnen, gibt es Wälder und schöne Naturwege. Wir gehen viel spazieren. Dass ich das kann, ist gar nicht so selbstverständlich. Nach meiner Scheidung wurde ich nämlich sehr krank durch ein Virus, das die Nerven in den Beinen befallen hatte. Ich konnte ein Jahr lang nicht laufen. Der Arzt meinte: Es hängt von mir ab, ob ich die Welt für immer auf halber Höhe, vom Rollstuhl aus, sehen werde. Ich musste das Gehen neu lernen. Das war mühsam, aber ich habe es geschafft. Jetzt merkt man mir die Behinderung fast nicht mehr an.
Wir haben viele Freunde hier. Einige von ihnen sind Jäger, die haben ihre eigenen speziellen Rituale, zum Beispiel beim Ausnehmen der geschossenen Tiere. Sie laden uns ein, und wir gehen mit Freude hin, aber nicht zum Jagen, sondern mehr zum Essen. Dass ich gern esse, sieht man mir an.
Gemäß meiner Aufenthaltsgenehmigung darf ich nicht arbeiten. Ich lebe von meiner israelischen Pension. Nach dem Studium der Archäologie und der Wissenschaft des Mittleren Ostens war ich 30 Jahre lang Reiseleiter für deutsch- und englischsprachige Touristen. Ab und zu organisiere ich noch Reisen nach Israel, aber nur für Freunde. Ich lebe ein ganz normales Leben wie ganz viele Menschen: Ich stehe auf in der Früh, esse etwas, gehe einkaufen, fahre in die Stadt. Überhaupt fahre ich viel herum, denn Deutschland ist für mich ein neues unbekanntes Land mit wunderschöner Natur. An Neujahr zum Beispiel, da waren wir am Tegernsee: Da lag viel Schnee. Alles war ganz weiß, so etwas hatte ich als Israeli bisher nur im Kino gesehen.
Fast jeden Tag setze ich mich an den Computer und schreibe ein paar Stunden. Ich versuche, meine Gedanken und Erinnerungen festzuhalten. Schon fast 300 Seiten habe ich geschrieben, Tagebuch oder Memoiren, ich weiß nicht, wie ich es genau nennen soll. Oft gehe ich alte Grabsteine fotografieren. Das beschäftigt mich im Moment am meisten: Ich möchte die Inschriften der jüdischen Gräber in Bonn und Umgebung übersetzen. Da habe ich schon ein paar pikante Sachen gefunden. Im 16. und 17. Jahrhundert durften Juden keine Steinmetze sein. Also konnten sie die Platten nur bei christlichen Steinmetzen in Auftrag geben. Diese kannten die Sprache nicht, und so haben sich viele Fehler eingeschlichen. Ein kleiner Strich kann die Bedeutung des ganzen Wortes verändern.
Als ich noch jung war, habe ich freitagnachmittags mit Freunden ein bisschen gekickt. Manchmal habe ich mir auch internationale Spiele angeschaut. Aber Fußball ist in Israel kein großes Thema. Doch seit ich hier lebe, bin ich ein Fan des 1. FC Köln geworden. Ich muss zwar nicht bei jedem Spiel dabei sein, aber ich bin oft im Stadion. Die Fans, die Lieder, die ganze Atmosphäre – das ist mehr Kult als Fußball. Unser Verein ist nicht immer auf dem ersten Platz und nicht einmal in der ersten Liga. Es macht trotzdem Spaß. Zur Karnevalssitzung des 1. FC Köln habe ich mich als Fan verkleidet: im Frack und mit rot-weißem Schal und Hut. Meine Frau und ich, wir lieben den Karneval. Wir gehen zu den Sitzungen, aber es ist auch sehr interessant, einfach in den Brauhäusern zu sitzen und sich die Leute anzuschauen. Deshalb sage ich manchmal, ich hätte rheinische Gene – obwohl meine Eltern aus Österreich stammen.
Mein großes Hobby ist allerdings die Zauberei, das heißt, Zaubertricks. Schon als Kind habe ich mich gefragt: Wie macht er das? Inzwischen weiß ich es. Ich habe Kurse besucht, und jedesmal, wenn ich ein Spezialgeschäft finde, gehe ich hin. In Tel Aviv gibt es mehrere solcher Läden, in New York ebenfalls. Einen oder zwei habe ich auch in Köln entdeckt. Heutzutage kann man vieles aus dem Internet lernen. Doch zu kapieren, wie es gemacht wird, das reicht bei der Zauberei nicht. Man muss vor dem Spiegel oder für sich allein üben und immer wieder üben. Ich mache das für die Familie oder die Enkelkinder unserer Bekannten. Vor Kurzem hat eine Freundin von uns ihren 60. Geburtstag gefeiert: Da habe ich ihr zu Ehren einige Tricks vorgeführt.
Dienstags und donnerstags verbringe ich die Nachmittage jetzt meistens im »Kleinen jüdischen Lehrhaus« in Bonn. Das ist unser Privatmuseum über die Geschichte der rheinischen Juden. Wir zeigen, wie die kleinen Leute gelebt haben. Meine Frau sammelt seit 20 Jahren Bücher und kleine Gegenstände. Ich habe auch einiges von meinen Eltern und Großeltern geerbt. Und regelmäßig stöbern wir bei Antiquitätenhändlern, manches haben wir auch bei eBay ersteigert. Im Museum haben wir jetzt einen Platz, um unsere Sammlung zu zeigen.
Wir haben alles mit eigenem Geld und durch Spenden finanziert. Da ist kein Cent öffentlicher Mittel geflossen. Und weil ich handwerklich geschickt bin, habe ich fast die ganze Beleuchtung selbst angebracht und die Regale zusammengeschraubt. Wir haben das Museum im Januar eröffnet, und es waren schon über 350 Besucher da. Aber es gibt immer noch viel zu tun. Demnächst treffen wir uns mit Nachkommen rheinischer Familien, die jetzt in Israel leben. Sie wollen uns auch einige Dinge schenken.
In der Vitrine sind zwei Bilder, die meinem Vater gehört haben. Er war in Auschwitz, und diese Bilder hat sein verstorbener Freund dort gemalt. Meinem Vater ist es gelungen, sie zu verstecken und zu erhalten. Als Kind durfte ich sie nur ganz selten sehen. Meine Eltern wollten nicht über die Schoa reden, sie sagten nur: Das wirst du nie verstehen! Für mich war es damals okay. Als junger Mensch interessiert man sich nicht so sehr für Geschichte. Aber später will man doch mehr wissen. Als ich deutsche Reisegruppen nach Yad Vashem führte, habe ich manchmal über die Älteren gedacht: Was die wohl während der Nazizeit getan haben? Aber der Staat hat ihnen ein Einreisevisum gegeben, also ist es nicht an mir, über sie zu urteilen. So habe ich meinen Frieden damit geschlossen.
Manchmal gehe ich in die Synagoge. Das ist etwas, was ich in Israel fast nie gemacht habe. Wir feiern auch alle Feiertage: jüdische und christliche, denn meine Frau ist katholisch. Wir waren beide Mitglieder der Bonner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Doch da sind jetzt andere Leute am Ruder. Es hat sich vieles geändert, und wir sind ausgetreten. Ich bin sehr für das Gespräch zwischen Christen, Juden und Muslimen. Man darf aber nicht versuchen, die Menschen zu einer anderen Religion zu überreden. Ich habe davon gehört, dass der Papst weiterhin für die Erleuchtung der Juden beten möchte. Ich finde, man soll den Menschen ihre Religion lassen. Ich kann sehr gut mit meiner Frau zusammenleben, auch wenn sie katholisch ist und ich jüdisch bin. Jeder hat seine Meinung. Sie will nicht jüdisch werden und ich nicht christlich. Denn dann würde sie nicht Gabi sein und ich nicht Eli.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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