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Mein lieber Schwan

Nach einem langen und erbitterten Kampf zwischen Mitgliedern der Gemeinde der Bobover Chassidim und ortsansäs‐ sigen Londonern soll jetzt der 250 Jahre alte Pub »The Swan« im Stadtteil Stamford Hill in eine Synagoge mit Gemeindezentrum umgebaut werden. Die Stadträte erteilten der Gemeinde vor Kurzem die Genehmigung für ihre Umbaupläne.
Im Januar war die Kneipe geschlossen worden, nachdem Rabbi Solomon Goldman von den Bobovern sie für umgerechnet 1,1 Million Euro vom ehemaligen Inhaber »Punch Taverns« gekauft hatte. Die bri‐ tische Gastronomiekette unterhält rund 8.000 Gaststätten und Kneipen im Vereinigten Königreich. »Eine Menge Pubs in der Gegend schließen wegen des Rauchverbots und veränderter Lebensgewohnheiten«, sagt Rabbi Goldman. Ähnlich argumentierte auch die britische Journalistin Laura Clout in der Londoner Abendzeitung Evening Standard: »Viele Gaststätten in der Hauptstadt sind bedroht durch Bauunternehmer, die Kreditkrise, die Auswirkungen des Rauchverbots und die niedrigen Alkoholpreise in Supermärkten.«

Angebot Nachdem die Bobover beobachtet hatten, dass die Geschäfte des Pubs immer schlechter liefen, machten sie Punch Tavern ein Kaufangebot. Einige Monate später wechselte das Haus seinen Besitzer. Nach dem Willen der neuen Inhaber soll das historische Gebäude in ein Gemeindezentrum mit Synagoge und Bibliothek umgewandelt werden.
Es gibt in Stamford Hill bereits rund 50 Synagogen, denn der Stadtteil ist bei orthodoxen Juden sehr beliebt. Die schwarz gekleideten Männer in Hüten und Frauen mit Scheitel sind auf den Straßen des Viertels kaum mehr zu übersehen. So nehmen viele an, dass der jüdische Charakter des Viertels auch zum Untergang des alteingesessenen »Swan« beigetragen hat, denn Juden zählen kaum zu den Besuchern der Kneipe.
Nachdem Punch Tavern vor etwa einem Jahr das Kaufangebot von Rabbi Goldman erhalten hatte, bildete sich die Bürgerbewegung »Save the Swan«, die gegen Verkauf und Umbau der Gaststätte protestierte. Etwa 100 Ortsansässige waren regelmäßig bei den Treffen der Gruppe anwesend. »Jeder ist willkommen im ›Swan‹«, entrüstete sich Sasha Johnson, Mitbegründer des Bündnisses. »Unsere Kunden sind Angehörige der verschiedensten Bevölkerungsgruppen – Weiße, Schwarze, gebürtige Londoner und Neu‐Ankömmlinge. Die Gaststätte ist auch die Stammkneipe des örtlichen Rugby‐Vereins. Kurz gesagt, es ist ein waschechter Londoner Pub.« Die Protestler betonten, dass es ihnen nicht darum ginge, die jüdische Gemeinde zu verscheuchen, sondern dass sie lediglich ihre Kneipe behalten wollten. »Wir wurden nicht gefragt«, fügte Johnson ärgerlich hinzu, »es ist also nur zu verständlich, dass die Leute sauer sind.«

nachfrage Trotz der Kampagne erfuhr das Vorhaben der Bobover überwältigende Unterstützung in der Bevölkerung. Mehr als 850 Bürger hatten Briefe an die Stadtverwaltung in Hackney geschrieben und sich für eine Errichtung der Schul ausgesprochen. 600 Schreiben stammten von Mitgliedern der Bobover Gemeinde. Gegen die Umbaupläne legten schließlich nur 38 Ortsan‐ sässige Beschwerde ein. Die Befürworter argumentierten, dass die Synagoge der Öffentlichkeit in Stamford Hill zugute käme und immens zur Verbesserung der Gegend beitrüge. Die Protestler wiesen auf den Verlust des Pubs als Gemeinschaftseinrichtung hin, außerdem nütze das Gemeindezentrum nur der jüdischen Bevölkerung und würde zu mehr Verkehr und Lärm führen.
Aber auch diejenigen, die jeden Tag im »Swan« saßen, hatten das Ende ihres Lieblingstreffs vorausgeahnt. »Als Stammgast dieses fantastischen Pubs muss ich anmerken«, sagt Andrey Robinson, »dass viele Anwohner aus einem mir unbekannten Grund in den letzten Jahren den ›Swan‹ nicht mehr oft besucht haben.« Stattdessen hätten viele ihr Bierchen lieber in einer anderen Kneipe getrunken, sagt er. Dass der Pub schließlich verkauft worden sei, habe ihn nicht überrascht. »Es ist zwar schade, aber wenigstens wird das herrliche historische Gebäude weiterhin genutzt.«
»Die örtliche jüdische Gemeinde freut sich, dass die Bobover mit ihrem Vorhaben erfolgreich waren«, sagt Chanoch Kesselman, Sprecher der Union of Orthodox Hebrew Congregations. »Jetzt, wo aus dem Pub eine Schul wird, dürfte sich das spirituelle Klima der Gegend noch verbessern.«

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