Heine

Mein Heine, dein Heine

von Klaus Bittermann

»Du bist Deutschland«? Keiner ist es so wie Heine, spekuliert der Spiegel diese Woche lustig drauflos, denn niemand weiß besser als das Hamburger Magazin, was der Dichter heute denken und schreiben würde. Heine wäre wahrscheinlich Feuilleton-Chef beim Spiegel. Keiner hätte mehr »Spaß an diesem unverkrampften, friedlichen Land in der Mitte Europas, in dem jeder alles sagen darf und es auch noch drucken.«
Heinrich Heine ist seit 150 Jahren tot. Er kann sich gegen seine Nachrufer nicht wehren. Jeder darf alles über ihn sagen, und es wird auch noch gedruckt, denn dies ist ein freies Land. Die einen wollen Heine mit Deutschland versöhnen, die anderen reklamieren ihn für den Sozialismus. Die kommen im Spiegel naturgemäß nicht so gut weg, denn der Bezug auf den klassenkämpferischen Heine gilt hier selbstverständlich als borniert, und wahrscheinlich stimmt das sogar. Aber daß der »wirklich spannende Heine derzeit jener ist, der sein Deutschland über die Grenzen hinweg liebt«, mag nur jemand so finden, der seine eigene Gesinnung auf Heine überträgt und der sich seine eigene Liebeserklärung an Deutschland durch den Dichter bestätigen lassen möchte, um ihr mehr Gewicht und Bedeutung zu verleihen.
Das Schöne an Heine ist, daß er für jeden etwas zu bieten hat. Feuilleton, Satire, Glossen, Reisebeschreibungen, Gedichte, Schmonzetten, Balladen, Rezensionen, Analysen. Die Bandbreite seiner Themen war groß, seine Meinungen änderten sich mit der Zeit. Er war zu klug, um sich bloß mit einer zufrieden zu geben. Heute wird deshalb jeder bei Heine fündig. Der lang umstrittene Autor ruft keine Kontroversen mehr hervor, sondern ist zum Schutzheiligen mutiert, vor allem für jene, die ihre ideologischen Grabenkriege mit ihm im Gepäck ausfechten.
Dazu sind nicht immer zwei Parteien notig. Der multimediale Wolf Biermann schafft das in einer Person. Er war »mit Heine für den Kommunismus, und heute ist er mit Heine dagegen«, bemerkt der Spiegel und läßt Biermann darüber schreiben. Daß der Berliner Bänkelsänger immer wieder seine Irrtümer hinausposaunt, hat ihn merkwürdigerweise nicht unglaubwürdig gemacht, sondern qualifiziert ihn erst dazu, ein weiteres Mal aufgeregt wetternd seine Abneigung gegen den »Totschlag«-Kommunismus kundzutun, die kaum jemanden, selbst wenn er dem Raunen des Feuilletons nur wenig Interesse entgegenbringt, entgangen sein dürfte. Der arme Heinrich Heine wird schonungslos mit »dem verlorenen Frieden im Irak« konfrontiert, mit »Chinas blühendem KZ-Kapitalismus« und sogar mit »der galoppierenden Schwindsucht der EU-Erweiterung«. Die Belästigung des toten Autors kennt keine Grenzen. »Was das mit Heine zu tun hat?« Biermann tut so, als ob ihn das an Heine tatsächlich interessieren würde, und antwortet so kryptisch wie larifari: »Ich denke: alles!« Das ist schön nichtssagend und kaschiert die Lüge, die in nur zwei Worten enthalten ist: Ich denke.
Da Heine trotz Skepsis gegenüber dem Kommunismus nie dem »Himmelreich auf Erden« abgeschworen hat und auch noch kurz vor seinem Tod vom »Freiheitskriege« schrieb, von Biermann als ein »pathetisches Bekenntnis-Gedicht« abgetan, muß Biermann seltsame Verrenkungen vollführen, um Heine für die kleine heile Biermann-Welt zu retten: »Das, was Heine so martialisch den Freiheitskrieg nennt, wird in Metamorphosen dauern, solange wir dauern.« Wer mag, kann da viel hineingeheimnissen.
Zu seinem 150. Todestag ist Heinrich Heine zum Selbstbedienungsladen für alles und jeden geworden. Der »Rabenclan e.V., ein Arbeitskreis für Heiden in Deutschland« feiert »Heines Freundschaft mit den Heidengöttern« in einer Textsammlung. Die Betriebsnudel Alice Schwarzer wird von der offensichtlich völlig geistverlassenen Heinrich-Heine-Gesellschaft im Düsseldorfer Opernhaus mit einer »Ehrengabe« bedacht, was sich nur als Beleidigung des Namensgebers verstehen läßt, ausgesprochen von Leuten, die den Unterschied nicht kennen zwischen Verfolgung und Exil einerseits und lebenslanger medialer Selbstvermarktung auf Dirk-Bach-Niveau andererseits. Dann doch lieber Heine als Teddybär, der in einer Pfote den Reclam-Band Deutschland – ein Wintermärchen hält (s. Seite 22). Der Dichter als Brummbär ist jedenfalls eine angenehmere Vorstellung als ein mit Heine aufpoliertes »Du bist Deutschland«, eine Parole, mit der schon die Nazis ihre Parteigänger um sich scharten.

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