Russland

Medwedjews Rabbi

von Simone Schlindwein

Blau-weiße Fähnchen schmücken den Ostankino-Park im Norden Moskaus. Hebräische Popsongs schallen über die grünen Wiesen. Mehr als tausend Gäste genießen den warmen Frühlingstag. Die stetig wachsende jüdische Gemeinde in Moskau feiert das 60-jährige Jubiläum des Staates Israel. An Ständen erzählen Fotos und Bildreihen von der Staatsgründung, Bücher über die Geschichte werden verkauft. Kinder tollen in Hüpfburgen umher. Es ist ein Familienfest für alle Generationen.
Dennoch sind die Sicherheitskontrollen am Eingang des Parks strikt. Dies zeigt, dass in Russland nach wie vor die Angst vor antisemitischen Übergriffen umgeht. Auch wenn sich die Regierung unter Ex-Präsident Wladimir Putin um ein enges Verhältnis zu den jüdischen Organisationen bemühte.
Rabbiner Berel Lazar, Oberrabbiner von Russland und Vorsitzender der Chabad-Föderation Jüdischer Gemeinden, gilt als enger Vertrauter Putins. Die Medien bezeichnen ihn sogar als »Putins Rabbi«. Denn dieser ernannte Lazar vor drei Jahren zum Mitglied der Öffentlichen Kammer Russlands, in der Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen vertreten sind. Bald wird ihm voraussichtlich der Name »Medwedjews Rabbi« anhängen. Denn der neue Präsident Dmitrij Medwedjew besuchte das Chabad-Gemeindezentrum in Moskau bereits drei Tage, bevor Putin ihn zu seinem Wunsch-Nachfolger ernannte. Unter russischen Juden wurde dies als Zeichen gedeutet, dass auch Medwedjew einen engen Schulterschluss mit Lazar eingehen wird, erklärt der Amerikaner Matt Siegel, der in Moskau als Korrespondent für die jüdische Nachrichtenagentur JTA arbeitet.
Auch der russische Soziologe Wladimir Shlapentokh, der an der University of Michigan lehrt und sich mit dem Verhältnis zwischen der jüdischen Gemeinde Russlands und dem Kreml befasst, ist der Meinung: »Medwedjew wird Putin in seiner Politik gegenüber den Juden im Lande treu bleiben. Ob so aktiv wie Putin, das wird sich zeigen«, sagt er. Shlapentokh betrachtet diese Haltung des Kremls als eine Facette der Außenpolitik. »Um sich von jedem Anzeichen des Antisemitismus in Russland zu befreien«, wie er erklärt. Besonders gegenüber den USA und Israel sei diese Politik wichtig. Russland galt bislang als eines der Länder, in dem Antisemitismus nicht nur von rechten Gruppen innerhalb der Gesellschaft, sondern auch vom Staat geschürt wurde. Der staatliche Antisemitismus sei heute fast völlig verschwunden, sagt Shlapentokh.
Zu dieser Wahrnehmung hat die enge Beziehung Lazars zum Kreml gewaltig beigetragen. Dennoch ist die russisch-jüdische Gemeinde tief gespalten, was die Rolle Lazars betrifft. »Die Beziehung zum Kreml hat es ihm ermöglicht, sich selbst zum offiziellen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu ernennen«, sagt Alexander Osowtsow, ehemaliger Vizepräsident des Russischen Jüdischen Kongresses, der zweiten führenden jüdischen Organisation in Russland. Das hat zu Rivalitäten geführt. Die Chabad-Anhänger, die in den 90er-Jahren von Brooklyn nach Russland übersiedelten, stiegen unter der Schirmherrschaft Putins zur politisch dominierenden und finanziell einflussreichen Gruppe auf.
Vertreter des Russischen Jüdischen Kongresses vermuten dahinter eine politische Kampagne Putins gegen den einflussreichen Oligarchen Wladimir Gussinski, der einst den Vorsitz des Kongresses innehatte. »Putin betrachtete den Kongress als Bedrohung«, sagt dessen Mitbegründer Tancred Golenpolskij. Politische Schritte der Vergangenheit unterstreichen Golenpolskijs These, so scheint es: Noch am selben Tag, an dem die Polizei Gussinski verhaftete, wurde Lazar zum Oberrabbiner gewählt.
Für Matt Siegel, der als Journalist Lazars Aufstieg verfolgt, gilt der Oberrabbiner als Lobbyist des Kremls. In Jerusalem beispielsweise bezeichnete Lazar Russland als »eines der sichersten Länder für Juden in Europa« – eine Aussage, die viele Juden in Russland provozierte. Haben doch antisemitische Übergriffe, Vandalismus und Feindlichkeit gegenüber Minderheiten in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen.
Selbst Präsident Medwedjew wurde kurz nach seiner Ernennung zu Putins Nachfolger Zielscheibe einer antisemitischen Kampagne. Russische Nationalisten sind nach wie vor der Überzeugung, der neue Präsident habe jüdische Vorfahren. Sie starteten im Internet eine Offensive gegen ihn.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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