Pessachfest

Mazze, Mehl und eine Flasche Wein

von Brigitte Jähnigen

»Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? In allen anderen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes, heute Nacht nur Ungesäuertes.« Vier Fragen stellt der Erstgeborene beim Seder. Ein Glauben, feste Speisevorgaben und Rituale vereinen das jüdische Volk an diesem Abend weltweit. Was aber, wenn die Hagada nur lückenhaft bekannt ist und es am Nötigsten auf dem Tisch fehlt?
Rabbiner Yaron Engelmayer hat für die religionsunsicheren Kölner Gemeindemitglieder ein probates Mittel. Mit einem »Übungsseder mit kompletter Sederschüssel« macht der Kölner Rabbiner seine Gemeindemitglieder mit den Ritualen des Pessach‐Vorabends bekannt. Seit vielen Jahren würden zudem Mazze kostenlos an Bedürftige verteilt, dazu ein wunderschöner Sederteller aus Israel, das habe sich »alles schön eingespielt«, erzählt der Geschäftsführer der Synagogengemeinde Köln, Benzion Wieber. Pessach sollte keiner allein bleiben müssen. So werden an allen vier Kölner Standorten der Gemeinde: in der Roonstraße, in der Ottostraße in Elberfeld sowie in den Begegnungszentren in Chorweiler und Porz Sederabende organisiert. »Wir kündigen alle Aktionen rechtzeitig im Gemeindeblatt an, zusätzlich gibt das Rabbinat eine 30‐seitige Sonderausgabe mit dem Ablauf des Sederabends in deutscher und russischer Sprache heraus«, gibt Benzion Wieber Auskunft. Auch die unentbehrlichen Zutaten eines Sedermenüs wie Salzgurken, Mazzeknödel, gefillte Fisch, Wein und Traubensaft seien zu unterschiedlichen Preisen bei einem ört‐ lichen Restaurant zu erwerben. Auch den Sederabend in der Gemeinde soll sich möglichst jedes Gemeindemitglied leisten können. Wer bedürftig ist, zahlt bei Nachweis seiner geringen Einkünfte einen niedrigeren Beitrag.
Auch in Leipzig laufen die Vorbereitungen für Pessach auf Hochtouren. »95 Prozent unserer Gemeindemitglieder stammt aus den Länder der GUS, da haben wir finanziell wenig Spielraum«, gesteht Ge‐ meindevorsitzender Küf Kaufmann. Selbstverständlich aber gäbe es einen gemeinsamen Sederabend zu einem angemessenen Preis. Wenn nötig, würden auch mehrere organisiert. »Ein Bankett haben wir freilich nicht«, sagt der Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschsaft zu Leipzig. Ihm geht es mehr um die Symbolik. »Als Menü kommt nicht mehr auf den Tisch, als unsere Tradition uns abverlangt«, sagt Kaufmann.
Die Familien, die schon die Toraschule besucht hätten, organisierten den Seder‐ abend in den Familien bereits selbstständig. »Schritt für Schritt« fänden sich die zugewanderten Gemeindemitglieder in ih‐ rem Glauben zurecht. »Wir haben Geduld, das jüdische Volk hat schon vieles hinter sich, ich hoffe, auch vor sich«, sagt der Wahl‐Leipziger aus Sankt Petersburg.
»Das Gebot des Teilens« ist für Juri Rosov ein wichtiges Stück jüdische Tradition. Und so hält man es in der Jüdischen Gemeinde Rostock eben auch zu Pessach mit dem Teilen. Seit 2004 hat die 700 Mitglieder zählende Gemeinde an der Ostsee ein neues Zentrum mit integrierter Synagoge. Dort werde »Seder in sehr moderater Weise« gefeiert, sagt Vorsitzender Rosov. Fünf Euro koste das Bufett, das könne sich jeder leisten. Ein Euro nur kostet eine Packung Mazzot. 95 Prozent der Gemeindemitglieder seien Zuwanderer, mehr als die Hälfte von ihnen sind ältere Menschen. »Auf sie müssen wir besonders achten«, findet Juri Rosov.
Mit fünf Euro Eintritt ist man auch in der Jüdischen Gemeinde Stadt Potsdam am Sederabend dabei. »Wir sind, was die Bedürftigkeit unserer Mitglieder angeht, ein bisschen empfindlich«, gesteht Mi‐ chael Tkach. Vom Geld, das die 400 Mitglieder zählende Gemeinde aus dem Staatsvertrag bekäme, finanziere man die Miete. Das Personal arbeite ehrenamtlich, so der stellvertretende Vorsitzende. Dennoch kaufe die Gemeinde koschere Waren in Berlin und serviere zum Sederabend selbst gekochte und aus Israel eingeflogene Gerichte. »150 Gemeindemitglieder können kommen, wir sind vorbereitet. Es ist unsere Pflicht«, sagt Michael Tkach.
Ein subventioniertes Pessachpaket mit einem großen Paket Mazzot, mit Mazzemehl und einer Flasche Wein oder Traubensaft gibt es auch in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW). »Es ist für alle zu haben, wir möchten nicht trennen zwischen sozial besser und weniger gut Gestellten«, sagt Angelika Jung‐Sattinger vom Vorstand der IRGW. Einen ganzen Container Waren habe die Gemeinde aus Israel holen lassen. Zwei Sederabende werden in Stuttgart angeboten. Einen gestaltet Landesrabbiner Netanel Wurmser, den anderen Kantor Arie Moses. »Es ist bei uns Usus, dass besser Verdienende ein Kontingent Eintrittskarten kaufen und wir diese dann über die Sozialabteilung oder den Landesrabbiner an Bedürftige weitergeben«, erklärt Angelika Jung‐Sattinger die Stuttgarter Gepflogenheiten. Alles sei »extrem subventioniert, aber dem Pessach‐Gedanken angemessen.«
2.851 Mitglieder zählt die Jüdische Gemeinde Hamburg. »Etwa 70 Prozent sind russischsprachige Zuwanderer. Vielen ist in ihrem Herkunftsland die Tradition verloren gegangen«, sagt David Tichbi. Drei Sederabende würden in Hamburg organisiert, einer davon in russischer Sprache. Zehn Euro koste der Eintritt, und weil Kinder und Jugendliche an diesem Abend eine besondere Rolle spielen, bekommen sie Ermäßigung, sagt Vorstandsmitglied Tichbi. Mazzot werden kostenlos verteilt und auch zu den nicht mobilen Menschen ins Altenheim gebracht. »Durch die Gemeinschaft eines Sederabends wird die Gemeinde gestärkt«, ist David Tichbi überzeugt.
Die Düsseldorfer Gemeinde feiert ihren Sederabend mit einer Gala im gerade renovierten Leo‐Beck‐Saal. »Derzeit sammeln wir, damit wir niemanden ausschließen müssen«, erzählt Michael Szentei‐Heise. Das Menü mit Wein und Dessert kostet in Düsseldorf 15 Euro. Ein Betrag, den man auch mal im Schnellimbiss loswerde, so der Verwaltungsdirektor der etwa 7.000 Mitglieder zählenden Gemeinde. »Wir möchten nicht an die große Glocke hängen, wie wir finanziell nicht so gut gestellten Familien helfen«, sagt Michael Szentei‐Heise. Er wolle niemanden beschämen.
Und alle Gemeinden folgen dem Spruch: »Siehe das Brot des Elends! Das haben unsere Väter in Ägypten gegessen. Jeder, der Hunger hat, soll kommen und essen. Jeder, der bedürftig ist, soll kommen und Pessach feiern. Dieses Jahr hier, kommendes Jahr in Israel. Dieses Jahr Sklaven, kommendes Jahr Freie.«

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