Speisegesetze

Matjes und Mozzarella

von Sarah Dickmann

Die Gruppe um Rabbiner Julian Chaim Soussan folgt der Nase. Feine Gerüche ziehen vom Rheinufer herauf und locken aus der Altstadt auf den Fischmarkt. Kräftiger Matjesduft mischt sich mit der schweren Süße von Honiglakritz, über einem offenen Feuer gart rosafarbener Lachs, während ein paar Meter weiter Käse-Rudi lautstark seine Waren anpreist. Im dichten Gedränge zwischen den Holzbuden und Zelten schieben sich die Besucher aus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf über den Markt. Gar nicht so einfach, alle Teilnehmer zusammenzuhalten. Denn zum Rundgang mit dem Thema »Koscheres Essen« sind mehr als 30 Gemeindemitglieder gekommen: Junge Erwachsene und ältere Ehepaare, Familien mit Kindern und kleine Grüppchen aus Freunden und Bekannten.
Um sich für alle verständlich zu machen, steigt der Rabbiner zwischendurch auf eine Bank. »Wer weiß, was koscheres Essen ist?«, fragt er ganz allgemein in die Runde. Die Antwort kommt prompt und von vielen Seiten. »Säugetiere, Wiederkäuer und gespaltene Paarhufer.« »Sehr richtig«, sagt Soussan, möchte seine Zuhörer aber genauer informieren. »Denn wer weiß schon genau, welche Tiere zu diesen Gruppen gehören?« Der hoch gewachsene Mann spricht strukturiert und humorvoll über Rehe, Hirsche und Wachteln, Giraffen, Haie und Mozzarella-Käse.
Freundlich beantwortet er Fragen, denn nicht weniges von dem, was er erklärt, ist selbst denjenigen, die seit ihrer Kindheit koscher essen, unbekannt. Ob Giraffen koscher sind? »Die Frage stellt sich eigentlich nicht, denn es gibt keine Technik, wie sich dieses große Tier korrekt schächten ließe.« Und Mozzarella? »Der ist meist mit tierischem Lab gemacht und dann unkoscher.« Weingummi? »Das ist aus Gelatine hergestellt, und die besteht aus Schweineresten. Selbst wenn ich kein Jude wäre, würde ich wohl auf Gelatine verzichten«, sagt er und schmunzelt. »Ich habe im Fernsehen gesehen, was alles zu deren Herstellung verwendet wird – einfach eklig.«
Der Vortrag des Rabbiners entwickelt sich zu einem lebendigen Gespräch, in dem es unter anderem um Heuschrecken geht (»nur eine bestimmte Heuschreckenart ist koscher, aber man weiß leider nicht genau, welche«) und um einen Zettel in seinem Portemonaie, auf dem der Rabbiner alle Zutaten notiert hat, die im Supermarkt etwa in Brot enthalten sein können und nicht koscher sind. »Ich weiß, ich persönlich halte die Regeln sehr streng ein und verlange aber nicht, dass andere das genauso halten«, erklärt Soussan.
Vorbei an Korbflechtern, Bonbonständen, Marmeladengläschen und Kinderspielzeug führen er und Organisatorin Vanessa Rothe, Mitarbeiterin der Gemeinde, die viele solcher Aktivitäten organisiert, die Gruppe. »Probieren Sie unsere köstliche Wurst«, lockt die Verkäuferin vom Bauernlädchen. »Na, Rabbiner, dürfen wir hier mal halten?«, scherzt Teilnehmerin Carola Försheim. Lachend geht die Gruppe weiter, nachdem jemand der verdutzten Verkäuferin erklärt hat, warum diese Besucher die Salami, mag sie auch noch so köstlich schmecken, links liegen lassen.
Am Kinderkarussell macht die Gruppe halt. Denn schräg gegenüber steht Dirk Sicks mit seiner »Kota«, einer lappländischen Zeltküche. Julian Chaim Soussan nimmt ein Holzscheit und wirft es in die Flammen. »Man muss auf diese Weise am Essen mitwirken, wenn es ein nichtjüdischer Koch zubereitet«, erklärt er. Auf Rosenholzbrettern gart der Wildlachs über dem Feuer. »Er wird nur mit Wasser und Honig bespritzt, das hält feucht und schmeckt köstlich«, sagt Sicks, der früher Ein-Sterne-Koch war und schon für Luciano Pavarotti gekocht hat, bevor er sich auf den Gourmet-Stand konzentrierte und in einem Umkreis von 200 Kilometern um seine Heimatstadt Wuppertal Märkte besucht. Für die koschere Zubereitung verwendete er an diesem Tag fabrikneues Besteck und Geschirr. Persönlich serviert der Chef den Gästen den Lachs aus Schottland. »Schmeckt super, das können Sie mir glauben«, sagt er – und hat recht. Die Gruppe lässt es sich auf Holzbänken am Rheinufer schmecken.
»Mir hat’s super gefallen«, zieht Carola Flörsheim Resümee. »Der Rabbiner hat alles witzig und verständlich erklärt.« Der gleichen Meinung ist Lili Furman, Programmdirektorin für Deutschland von der amerikanischen Organisation »Joint«, die die Projekte von Vanessa Rothe zur Hälfte finanziert. »Die Kombination von eher schwierigen Themen und der lockeren Art, sie zu vermitteln, finde ich wunderbar.«
Organisatorin Vanessa Rothe liegt viel daran, die Menschen aus ihrer Gemeinde zusammenzubringen. Etwa zweimal im Monat organisiert sie für jung gebliebene Erwachsene Ausflüge wie diese. »Ich suche immer im Veranstaltungskalender, wo in und um Düsseldorf etwas los ist, und wie man das mit einem interessanten Besuch verbinden kann.« Auf diese Weise entstand auch die Idee zum Rundgang über den letzten Fischmarkt in diesem Jahr. »Mir ging es heute viel weniger darum, die Gemeindemitglieder über koscheres Essen zu belehren als darum, gemeinsam etwas Schönes zu unternehmen«, sagt Rothe.

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026