Sunday School

Mathe mit Eis

von Zlatan Alihodzic

Die Sonne steht über dem Duisburger Innenhafen, satt blau leuchtet der Himmel schon um 10.30 Uhr, von einem Frühlingsmarkt wehen Stimmen und Musik hinüber bis zu den Toren der jüdischen Gemeinde, darunter mischt sich Lachen vom Abenteuerspielplatz gleich nebenan. Doch die etwa ein Dutzend Kinder, die an diesem Sonntag kurz vor dem Spielplatz abbiegen und an der Hand ihrer Eltern das Gemeindehaus betreten, sehen deshalb nicht traurig aus. Auch hier werden sie gleich lachen und ihren Spaß haben können. Obwohl sie an einem freien Tag in die Schule gehen, in die »Sunday School«, denn die ist nichts anderes als ein Spielplatz zwischen Zahlen und Buchstaben.
»Wir versuchen den Kindern hier zu geben, was sie sonst nirgendwo bekommen«, sagt Oleg Tartakowski vom Jugendzentrum der Gemeinde. Ist das zu dick aufgetragen? Wenn man an die Situation in den meisten Schulen denkt, ist es wohl doch nur wahr. »In einer normalen Klasse sind 20 bis 30 Schüler. Wie soll sich der Lehrer um einzelne Schüler kümmern?«, fragt der 24-Jährige, der sich noch gut an seine eigene Schulzeit erinnern kann. »Da gibt es keine individuelle Förderung. Wer zurückbleibt, der bleibt zurück.«
In den kleinen, bunt geschmückten Räumen in der zweiten Etage des Gemeindehauses verläuft der Unterricht anders. Und auch die Fächer sind ob des Alters der Kinder ungewöhnlich. Die jüngsten Schüler der »Sunday School« sind gerade einmal vier Jahre alt. Auf ihrem kurzen Stundenplan stehen Mathe/Physik, Englisch und Russisch. »Das wird bei uns aber sehr weit gefasst«, betont der Jugendleiter. In der halben Stunde, in der sich die Kinder mit Mathematik beschäftigen, nähern sich die kleinsten gerade den Zahlen und erkennen sie im Alltag. Sie zählen die Kugeln in ihrer Eistüte und malen sie mit Buntstiften aus. Das machen zumindest drei. Ein Mädchen sitzt lieber noch ein bisschen auf dem Teppich und spielt mit einem Auto. Als sie ihre Freundin animieren möchte, es ihr gleichzutun, bleibt diese lieber am Tisch, zählt und malt. Schnell liegt deshalb das Auto allein auf dem Boden und die kleine Lerngruppe ist wieder vollständig. »Die Kinder haben den Spaß am Lernen noch nicht verloren, ihre Neugierde ist noch groß. Für sie ist es nur ein Spiel«, erklärt Oleg Tartakowski.
Olga Kalinchenko gehört zu den drei Lehrern, die in der Sonntagsschule unterrichten. Sie ist überzeugt vom Konzept. »Je früher die Kinder anfangen zu lernen, desto besser«, sagt sie. Sie unterrichtet Englisch. »Zu Hause sprechen sie russisch, im Kindergarten deutsch. Dort haben sie keine Wahl, aber wir können ein Spiel daraus machen«, und machte es vor: »Hello, I’m Olga.« – »Hello, ich bin Gabi.« Fast richtig. Der zweite Versuch klappt.
Auch David muss zunächst etwas geholfen werden. »Hello, I’m David«, flüstert ihm die Lehrerin zu. »Gar nicht«, erteilt der Junge ihr einen abschlägigen Bescheid. Nach 15 Minuten läuft es schließlich bei allen Kindern rund. Sie wissen, wer »Boy« oder »Girl« ist, wie alt sie sind, stellen sich gegenseitig vor und schreien hüpfend: »I can jump and play.« Als sie dann an den Schreibtisch wechseln, um gemeinsam Buchstaben zu malen, rutschen ihnen noch immer englische Sätze heraus, die in den Köpfen hängen geblieben sind.
»Eine Mutter hat mir erzählt, dass ihre zwei Kinder am Abend nach dem Unterricht zusammen in der Badewanne saßen und sich weiter mit den gelernten Sätzen angesprochen haben«, sagt die Sozialpädagogin Olga Kalinchenko. Sieben Jahre lang war sie in der Ukraine Lehrerin, seit Anfang des Jahres ist sie ehrenamtlich in der »Sunday School« engagiert.
»Unser Ziel war es, nur mit ausgebildeten Pädagogen und Lehrern zu arbeiten«, sagt Oleg Tartakowski. »Das ist auch als Zeichen an die Eltern wichtig, dass die Bildung der Kinder ernsthaft betrieben wird. Die Mentalität der meisten Väter und Mütter aus der ehemaligen Sowjetunion ist doch so: Die Kinder sollen nützliche Dinge tun und etwas lernen, mitnehmen. Und wenn die Kinder dann hier sind, zeigen wir, dass das auch mit Spaß geht.«
Am Lehrplan der gerade fünf Monate alten Schule wird noch gefeilt. Bald sollen neue Fächer aufgenommen werden. Wobei die Definition von Fach weit gefasst bleibt. Zum Beispiel beim Kulturunterricht. Er wird in einem Block von wenigen Wochen ein anderes Fach ersetzen. »Da sollen die Kinder dann mit den verschiedensten kulturellen Angeboten in Berührung kommen«, erklärt Tartakowski. »Warum zum Beispiel nicht auch mal mit einem Ausschnitt aus einer Oper? Hebräisch oder jüdische Geschichte würden wir auch gerne als Fach einführen. Aber da ist das Interesse der Eltern noch nicht vorhanden, Mathe und Englisch sind ihnen wichtiger.« Wenn Oleg Tartakowski einen Deutschlehrer findet, wird auch dieses Fach in den Stundenplan aufgenommen.
Zwei der drei kleinen Lerngruppen haben um 12.10 Uhr ihre letzte halbe Stunde Unterricht hinter sich gebracht. In einem Raum holt sich Olga Kalinchenko noch ein »Bye, Olga« ab. Zum richtigen Spielen ist jetzt auch noch genug Zeit. Oder hat es tatsächlich schon begonnen?

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