Johannes Gerster

Mainz bleibt Mainz

von Detlef David Kauschke

»Es ist eine moralische Pflicht der Deutschen, ein Stück Verantwortung für das Existenzrecht des Staates Israels zu übernehmen.« Nein, dieser Satz ist nicht von ihm. Obwohl er ihn häufig wiederholt. Dieser Satz stammt von Konrad Adenauer. Aber diesem Mann und dessen Gedanken fühlt er sich verpflichtet, und Verantwortung hat er übernommen: Johannes Gerster, Jahrgang 1941, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Landesvorsitzender der rheinland-pfälzischen CDU.
Neun Jahre lang war der gläubige Katholik sozusagen Adenauers Mann in Jerusalem, bis Mitte dieser Woche leitete er die Konrad-Adenauer-Stiftung Jerusalem.
»Kennen Sie meinen Lebenslauf?«, fragt Johannes Gerster. Und noch bevor sein Gesprächspartner antworten kann, hat er sich ein Zigarillo angezündet und plaudert über die Stationen seines Lebens und seiner politischen Karriere. Gerster ist Jurist. Er hat in Mainz, Freiburg und Bonn studiert. Seit 1968 mit Regina Gerster verheiratet, hat er drei inzwischen erwachsene Kinder. Johannes Gerster ist Onkel des ehemaligen Chefs der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, und der ZDF-Moderatorin Petra Gerster. 25 Jahre war er Parlamentarier in Bund und Land. 1996 kandidierte er als Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz. »Und mir war klar: Entweder wir gewinnen die Wahlen oder ich gehe«, erinnert sich der bullige Mann mit der Vorliebe für klare Worte. Er unterlag, Kurt Beck und die SPD machten das Rennen. »Das war der Zeitpunkt, als ich und meine Frau entschieden haben: Wir machen unseren Traum wahr und gehen nach Israel.« Mit der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde er sich schnell einig. Erst einmal für zwei Jahre sollte er den Posten in Jerusalem übernehmen. Helmut Kohl hatte ihm bei seinem Abschied gesagt. »Jetzt gehst du nach Israel, da wirst du dir ein schönes Leben machen.« Gerster schmunzelt: »Wenn der wüßte.«
Er selbst hatte sich eigentlich auch vorgestellt, daß er nach seinem Ausstieg aus der aktiven Politik etwas ruhiger angehen könnte. Aber wahrscheinlich ist er nicht der Typ dafür. Denn kaum in Jerusalem angekommen, legte er richtig los. Er sammelte Geld für den Bau des Konrad Adenauer Kongreßzentrums, hob das Konrad Adenauer Programm an der Universität Tel Aviv aus der Taufe. Besonders intensiv widmete er sich der Förderung von Beduinen in den Universitäten. Und auch in Zeiten von Gewalt und Terror war Gerster stets bemüht, Vertreter der israelischen und palästinensischen Seite zusammenzubringen – Lehrer, Wirtschaftsleute, Politiker, Journalisten. Das Jerusalemer Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert in-zwischen 250 Konferenzen, Seminare und Vorträge jährlich. »Ich bin Workaholic«, sagt Gerster über sich selbst.
Mit seiner Frau wohnte er im neunten Stock eines Hochhauses in der Jerusalemer Innenstadt. Täglich ging er im Pool der Wohnanlage schwimmen. Für Konzertbesuche und andere Hobbys blieb allerdings keine Zeit. Er sei immer auf Achse gewesen, sagt er. Viele Einladungen, Freunde, Termine.
Den Kontakt zur Heimat hat er nie abreißen lassen. »Es gab stets zwei feste Termine, zu denen ich in Deutschland sein mußte: Heiligabend im Mainzer Dom und am Rosenmontag im Zug.« Gerster ist Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde. Und auch seine karnevalistische Leidenschaft verbindet er mit seiner Liebe zu Israel. Freunden aus Jerusalem hat er schon das närrische Treiben in seiner Heimatstadt zeigen können. Und im Frühjahr vor zwei Jahren wollte er Mainzer Jecken ins Heilige Land bringen. »Ich hatte schon zweihundert Betten im Kibbuzgästehaus reserviert.« Weil die Stadt Tel Aviv ihren Purim-Umzug absagen mußte, fiel schließlich der gesamte Besuch ins Wasser.
In Israel schrieb Gerster 33 Briefe aus Jerusalem an seine Heimatstadt. Diese Bilanz seiner politischen Arbeit im Nahen Osten ist im November im Leinpfad Verlag als Buch erschienen.
Gerster verläßt das Land nun im Alter von 65 Jahren. Am Mittwochabend war die große Verabschiedung geplant. Dann der Flug. Und am Donnerstag hat er schon eine Veranstaltung in Berlin. Und so gehts weiter: »Ich habe bereits 60 feste Termin für das nächste halbe Jahr im Kalender.« In Mainz wird er wohnen, in Wiesbaden als Anwalt arbeiten und viel unterwegs sein. Auch Richtung Israel. Gerster kehrt dem Land nicht den Rücken. »Nur die Zeit in Jerusalem ist zu Ende, aber mein Engagement für Israel geht natürlich weiter.«

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