Reformjudentum

Lob und Lorbeer

von Heinz-Peter Katlewski

Pirouette hieß der Saal im Wiener Hotel »Imperial Riding School«, einer ehemaligen k.u.k.-Militärreitschule, in dem das Dinner serviert wurde. Eingeladen hatte die Europäische Sektion der World Union for Progressive Judaism. Und tatsächlich, bevor die rund 250 Delegierten der jüngsten Konferenz der liberalen jüdischen Gemeinden aus ganz Europa am vergangenen Wochenende beschwingt Hora tanzten, führten die Rektoren des Londoner Leo-Baeck- Colleges und des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs kunstvolle Pirouetten in Honneurs vor.
Das Leo-Baeck-College feierte seine 50-jährige Geschichte und würdigte Absolventen mit gesetzten Worten, verlieh Fellowship-Titel und Urkunden in schweren Bil- derrahmen für 25 Dienstjahre im Rabbinat. Das noch nicht zehn Jahre alte Geiger-Kolleg erhob im Gegenzug den Präsidenten der europäischen Sektion der liberalen Weltunion, Andrew Goldstein, zum Senator und verlieh ihm Gelehrtentalar, Schärpe, Urkunde und Titel.
Die meisten Studienbewerber der beiden auf der Bühne so vornehm rivalisierenden Rabbinerseminare kommen von dort, wo gegenwärtig der aufregendste Aufbruch ihrer Strömung zu beobachten ist: aus Osteuropa. Allein in der Ukraine haben sich rund 40 Gemeinden für das progressive Judentum entschieden, berichtet in Wien Mykhaylo Kapustin, Reformrabbiner in Simferopol. Die Gleichberechtigung von Män- nern und Frauen in der Synagoge scheine junge Leute auf der Suche nach einer modernen jüdischen Identität anzuziehen, sagt Kapustin. Er müsse viel reisen, denn es gibt nur zwei Reformrabbiner im ganzen Land. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind es insgesamt nur sechs. Einer sitzt in Minsk, einer in Sankt Petersburg und zwei in Moskau. Die drei russischen Rabbiner betreuen 85 Gemeinden.
Alexander Lyskovoy, der Senior unter ihnen, ein studierter Grafikdesigner mit Rab-binerdiplom vom Leo-Baeck-College, leitet das Machon, ein Vollzeit-Studienprogramm der World Union for Progressive Judaism. Dort erwerben junge Männer und Frauen innerhalb von zwei Jahren grundlegende theoretische und praktische Kenntnisse in Tora, Liturgie, Religionspädagogik und Seelsorge. Seit der Perestroika seien Gemeinden wie Pilze aus dem Boden geschossen, sagt Lyvkovy. Vom Aufbruch dieser Jahre wurde auch Tanya Segal angesteckt. Früher Schauspielerin am jüdischen Theater in Moskau ist sie heute eine der beiden liberalen Rabbiner in Polen. Die jugendlich wirkende 50-Jährige ist die erste Rabbinerin in der Geschichte des Landes überhaupt. Bislang hat Beit Warzcawa, die Reformgemeinde in der polnischen Hauptstadt, zwar nur 200 Mitglieder, aber an ihr orientieren sich weitere 1.000 Menschen in Initiativen im ganzen Land. Segal ist mal in Chelm zum Schabbat, mal in Danzig, Krakau, Lublin, Stettin oder Breslau.
Auch Tom Kucera, einer der drei ersten Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs, betreut nicht nur die liberale Gemeinde Beth Shalom in München, sondern verbringt ein Wochenende pro Monat in seiner Heimat. Mal in Prag, mal in Liberec, mal in Decin feiert er mit den dortigen Reformgemeinden Schabbat und gibt Religionsunterricht.
Bei weitem nicht alle, die jetzt wieder jüdisches Leben suchen, sind auch halachisch jüdisch, berichten etliche osteuropäische Rabbiner auf der Wiener Konferenz. Kinder jüdischer Väter, Neugierige mit jüdischen Vorfahren und solche, deren Mutter ihnen irgendwann unvermutet offenbarte, jüdisch zu sein, fangen an, ihre jüdische Identität zu suchen. Manche führt das schließlich auf den Weg des offiziellen Übertritts. Nach Jahrzehnten, in denen jüdisches religiöses Leben aus Osteuropa verbannt war, ist das ein natürlicher Prozess, glaubt die progressive Weltunion. Rabbiner Joel Oseran, Vizepräsident der Organisation stellte bei der Konferenz in Wien fest: »Heute leben mehr Juden in Europa als jemals zuvor in den vergangenen 50 Jahren.«
Nicht überall in Europa trifft dieser Aufbruch auf freundliche Aufnahme unter der nichtjüdischen Bevölkerung. Antisemitischen Reflexen zu begegnen, fühlen sich die Liberalen aber gerüstet. Schon während des Studiums müssen Rabbinerkandidaten im Rahmen von Studienwochen mit Christen und Muslimen Texte lesen und diskutieren. Sie sind Gast bei deren Gottesdiensten und lassen diese im Gegenzug die Schönheit des Schabbats erleben. Nicht immer funktioniert das. Der Moskauer Rabbiner Lyskovoy findet zum Beispiel bei der russisch-orthodoxen Kirche kaum Anknüpfungspunkte, während sein Kollege Kapustin immerhin über Ansätze der Zusammenarbeit unter den Religionsführern auf der Krim zu berichten weiß. Echte Dialoge, sagen beide, funktionieren bei ihnen am besten mit den Muslimen.
Rabbiner Mark Winer aus London ist überzeugt, dass es zum interreligiösen Gespräch keine Alternative gibt. Der international engagierte Dialogdiplomat ist ein Freund der Symbolik. Er erzählte, wie er an Sukkot den Papst in Rom mit einem Lulav überraschte. Theologische Rückschritte wie jetzt bei der Revision der Karfreitagsfürbitte schrecken Winer nicht ab. Wir dürfen das Gespräch nicht abreißen lassen, meint er. Vor allem aber müssen wir mit denen reden, die es suchen – weil sie ihre eigene Religion öffnen und von Engherzigkeit und Intoleranz befreien wollen.

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026