Saul Friedländer

Lob des Wissenwollens

von Ingo Way

Der Applaus ist anfangs verhalten. Dann stehen einige Zuhörer aus den ersten Reihen von ihren Plätzen auf, der Rest des Auditoriums folgt nach, um dem israelischen Historiker Saul Friedländer an diesem Sonntag nach seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche zu applaudieren. Kein Vergleich zu den geradezu frenetischen Ovationen für Martin Walser 1998, als der Schriftsteller über die »Auschwitzkeule« geklagt hatte, die von ominösen Kräften dazu benutzt werde, den Deutschen ein »normales« Leben zu verleiden. Nur Friedrich Schorlemmer, Ignatz und Ida Bubis hatten sich damals nicht von ihren Sitzen erhoben.
Ida Bubis war auch diesmal wieder unter den Anwesenden, nebst zahlreicher Prominenz, von Bundespräsident Horst Köhler bis zur Sexualtherapeutin Ruth Westheimer. Er wolle »keine Polemik« betreiben, sagte Friedländer, wohl in Anspielung auf die Erwartungen, er werde sich noch einmal mit Walser auseinandersetzen. Das hatte bereits der Germanist Wolfgang Frühwald in seiner Laudatio besorgt, als er sagte: »Wer dies (die Erzählung von der Vernichtung der Juden) – wie die stereotype Formel lautet – nicht mehr hören kann, der hat es noch nie wirklich gehört«. Szenenapplaus.
Friedländer selbst entschied sich an diesem warmen Herbsttag in der sonnendurchfluteten Paulskirche für eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Art einer Preisrede – die angesichts seines Schaf-fens aber so ungewöhnlich nicht war. Wie in seinem zweibändigen Hauptwerk Das Dritte Reich und die Juden gab er in seiner Rede den Opfern eine Stimme, indem er aus Briefen vorlas, die seine Eltern, seine Tante und Freunde der Familie in der Zeit der Schoa geschrieben haben. Friedländer war als Kind mit seinen Eltern aus Prag nach Frankreich geflüchtet. Um der Deportation nach Deutschland zu entgehen, versuchten die Eltern, in die Schweiz zu gelangen. An der Grenze wies man sie ab: Nur Familien mit Kindern wurden ins Land gelassen. Die Friedländers hatten ihren Sohn Pavel jedoch zuvor in einem französischen katholischen Knabeninternat untergebracht, wo er getauft und christlich erzogen wurde. Nach dem Krieg, als er von der Ermordung seiner Eltern in Auschwitz erfuhr, entschied er sich wieder für seine jüdische Identität und den Vornamen Saul.
Die Lesung aus den Briefen war für das Publikum genau wie für den Vortragenden sichtlich bewegend. Scheinbare Alltagsbanalitäten illustrierten die verzweifelte Situation der aus all ihren Lebens- zusammenhängen Gerissenen. So schrieb Friedländers Mutter 1942 an seine Großmutter, die nach Schweden geflüchtet war: »Eure Pakete sind natürlich ein Lichtblick ... Bezüglich der Sardinen wollte ich noch sagen, dass sie alle in Tomatensauce sind. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, Ölsardinen zu schicken, so wären die natürlich viel erwünschter, denn Hans darf zum Beispiel Tomatensauce überhaupt nicht essen. Auch sind die anderen ja viel nahrhafter. Wenn man das Recht hat, anstatt Sardinen anderes zu schicken, wäre mir das überhaupt noch lieber. Denn die Sardinen sind, schon was das Gewicht anbelangt, nicht sehr rationell zum Verschicken ... Die Bonbons, besonders die Karamellen, sind eine großartige Sache. Ginge nicht Kondensmilch?« Das Schmunzeln in Teilen des Publikums geht in Bestürzung über, als Friedländer aus einem weiteren Brief seiner Mutter zitiert: »Es ist doch ein großer Trost, dass die Betroffenen (die Verwandten meiner Großmutter) in There- sienstadt sind und nicht wie viele andere in Polen. Das ist ja sicher noch viel ärger.«
Briefe wie dieser zeigen, dass die Opfer sehr wohl wussten, was in den Lagern vor sich ging. Sollte neben den Tätern und den Opfern ausgerechnet den Zuschauern das alles verborgen geblieben sein? Das scheint heute kaum mehr glaubhaft. Das anhaltende Interesse am »Dritten Reich« und an Auschwitz hat deshalb – auch darauf wies Friedländer in seiner Rede hin, in Anspielung auf das Gerede von einer »Holocaust-Industrie« – nichts mit Medienmanipulation zu tun, sondern mit einem tatsächlich vorhandenen Wissenwollen, nicht nur in Deutschland und Israel. Ein Wissenwollen, das in der Schwere und Relevanz des Themas selbst begründet liegt.
Friedländers Beharren, die Perspektive der Opfer in die Geschichtsschreibung über die Nazizeit einzubringen, führte ihn in den 80er-Jahren zu einem Streit mit dem deutschen Historiker Martin Broszat. Der hatte dafür plädiert, das Dritte Reich zu »historisieren« und von einer moralisierenden Haltung wegzukommen. Die Sichtweise der Opfer und ihrer Nachkommen, schrieb Broszat in seinem Briefwechsel mit Friedländer, sei sicher legitim, es handle sich dabei allerdings um eine »mythische«, keine wissenschaftliche Form der Geschichtsbetrachtung.
Friedländers Bücher widerlegen dieses Verdikt. Gerade in der Montage von Briefen, Tagebucheintragungen, Notizen und anderen authentischen Quellen entsteht ein realistisches Bild jener Zeit, das sämtlichen geschichtswissenschaftlichen Ansätzen, die Naziverbrechen strukturell oder als historische Zwangsläufigkeit zu erklären, überlegen ist. Gerade indem es die Perspektive der betroffenen Individuen in die Erzählung hineinholt, die eben keine passive Verfügungsmasse waren, sondern bewusst Handelnde. Das gilt im Übrigen auch für die Täter. Darauf hat im Jahr 1998 Jan Philip Reemtsma aufmerksam gemacht, als er die Laudatio zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Friedländer hielt – kurz nach der Friedenspreis-Rede von Martin Walser. Friedländer, sagte Reemtsma, bringe die Dimension der Freiheit in die Geschichtsschrei- bung zurück. Die Täter taten, was sie taten, nicht, weil sie nicht anders konnten – zahlreiche Beispiele belegen, dass es sehr wohl möglich war, anders zu handeln –, sondern weil sie sich dazu entschieden hatten, so zu handeln, wie sie es taten. »Nicht, weil sie Getriebene gewesen sind, sondern weil sie Menschen gewesen sind, die von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht haben«, so Reemtsma. Alles hätte anders kommen können, wenn die Täter es anders gewollt hätten. Eine Erklärung – aber kein Trost.
Saul Friedländer, der in Prag geborene deutschsprachige Jude ohne religiösen Bezug, der nach dem Krieg von Frankreich nach Israel und später in die USA ging, verlor seine Eltern, weil sie eine Entscheidung getroffen haben, die sie für die richtige hielten, die sich aber als falsch herausstellte. Diese traumatische Erfahrung, die das Dilemma des freien Willens aufzeigt, mag Friedländers Methode der Geschichtsschreibung mehr als alles andere beeinflusst haben.

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