Fußball

Literatur kickt

von Frank Rothert

Normalerweise stehen sie auf ganz anderen Spielfeldern. Ein Dutzend israelische Autoren betritt am Montagmorgen das Hertha‐Amateurstadion, um gemeinsam für ein Fußballspiel zu trainieren. Die Mannschaft um Kapitän Assaf Gavron besteht erst seit zwei Monaten und hat noch nie ein Spiel bestritten. Das Match gegen die deutsche Autorenauswahl am darauffolgenden Tag wird ihre Première sein. „Wir wollen gewinnen“, sagt Eli Eliahu, der in Israel zwar bislang nicht als Fußballer bekannt wurde, sich aber sehr wohl als Lyriker einen Namen gemacht hat.
Nach den Israelis kommen die deutschen Autoren auf den Rasen. Taktisch klug bleiben die Israelis noch ein wenig über die vereinbarte Zeit auf dem Platz, um den Gegner zu beobachten. Der vorbeigehende Physiotherapeut, den Hertha zur Verfügung gestellt hat, gibt zu bedenken, dass es bei der deutschen Mannschaft erkennbare Mängel geäbe, da sei bis morgen noch einiges zu tun, lacht er. Während sich Moritz Rinke, Ralf Bönt und ihre Kollegen an diesem herrlichen Maitag auf dem Rasen abquälen, bestätigt Yehezkel Nafshy, dass es hier um mehr geht als nur um ein Fußballspiel: „Es hat eine symbolische Aussagekraft, was die Verständigung zwischen Israelis und Deutschen angeht. Ich finde, dies ist sehr wichtig“, sagt der 31‐Jährige und Autor des Buches Opening Now am Nachmittag nach dem Training.
Zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels haben das Auswärtige Amt und die Kulturstiftung des Deutschen Fußball‐Bundes Anfang der Woche deutsche und israelische Autoren nach Berlin eingeladen, gegeneinander Fußball zu spielen und miteinander auf Lesetour zu gehen. Vier deutsch‐israelische Autorenpaare und ein Trio waren an Berliner Schulen zu Gast.
Jan Brandt und Assaf Gavron machen sich auf den Weg in den Südosten der Stadt, wo sie in der Hannah‐Arendt‐Schule vor rund 50 Neunt‐ bis Zwölftklässlern aus ihren Werken lesen. Assaf Gavron, der Bestsellerautor aus Israel, beginnt auf Hebräisch mit der Passage seines Buchs Ein schönes Attentat, die von der Minibuslinie „kleiner Neuner“ erzählt. Die meisten Schüler in diesem Raum hören zum ersten Mal Hebräisch. Danach liest Jan Brandt den Text auf Deutsch.
Im Raum ist es still, die Schüler blicken gebannt nach vorn. Nach einer Weile dürfen sie die beiden Autoren befragen, doch die Jugendlichen sind still. Ist das Thema Bombenanschläge zu weit entfernt und nicht vorstellbar? Assaf sagt später, das sei normal, und es passiere ihm auch in anderen Ländern, es hätte eher damit zu tun, dass es manchen peinlich sei, vor einer Gruppe Fragen zu stellen. Im zweiten Teil liest Jan Brandt aus dem Buch Titelkampf. Die Schüler hören die Passage, wo es darum geht, dass jemand in einer Schule eine Hakenkreuzschmiererei mit weißer Farbe überstrichen hat und deswegen Probleme bekommt. Unter den Jugendlichen ist eine erste Regung spürbar. Doch auch jetzt nehmen sie das Angebot, Fragen zu stellen, nur zögerlich an. In der Fußballsprache würde man jetzt von einer schlechten Chancenverwertung sprechen. Nach der Veranstaltung wird die Lehrerin den beiden Autoren erzählen, dass in der Nachbarschaft einige rechtsgesinnte Menschen leben und dass unter den Schülern auch drei NPD‐Mitglieder seien.
Am Dienstag zeigt der Himmel über Berlin den Gästen aus Israel, dass die Sonne dieser Tage im Mai auch hier Stammgast ist. Die Fußballer laufen hinter den beiden Länderfahnen Israels und Deutschlands auf den Platz. Jeder Spieler hat ein Kind an der Hand, und während die Nationalhymnen erklingen, glaubt man, es handele sich um ein großes Länderspiel. Es ist 14 Uhr, Highnoon im Hertha BSC‐Amateurstadion.
Während die Partie mit den ersten Spielszenen bereits läuft, spricht Bundesaußenminister Frank‐Walter Steinmeier zu Journalisten über die Bedeutung dieser Veranstaltung: „Ich habe von mir aus die Schirmherrschaft angeboten, denn ich finde, es ist eine wunderbare Idee, dass Sport und Literatur zur Völkerverständigung beitragen können. Ich wünsche mir, dass viele junge Menschen nach Israel reisen, um sich selbst ein Bild von diesem beeindruckenden Land zu machen.“ Eine ZDF‐Reporterin fragt ihn, wie lange es noch dauern würde, bis sich die Spannungen zwischen Israel und Deutschland legen. Und während Steinmeier geduldig kluge und dumme Fragen beantwortet, nimmt das Spiel Fahrt auf.
Ralf Bönt verhindert eine 0:0-Partie mit seinem ersten Tor. Bald darauf legt Moritz Rinke mit dem zweiten Tor für Deutschland nach. Damit haben die beiden organisatorischen Köpfe der Autorennationalmannschaft auch auf dem Platz frischen Einsatzwillen gezeigt. Auf der Tribüne sitzen vor allem junge Menschen, unter ihnen viele Schüler aus den Lesungen des Vortags. Sie sehen den verwandelten Elfmeter von Daniel Siemens und das 4:0 durch einen Superheber von Ralf Bönt. Doch dann legt Israel nach, und Lior Garty schießt das erste Tor.
Nach der Pause darf auch Sönke Wortmann auf das Spielfeld. Wegen Dreharbeiten fehlte er beim Training. In der zweiten Hälfte des Spiels werden die Israelis stärker. Nach dem 4:2 durch Uri Sheradsky macht sich in der deutschen Mannschaft Nervosität breit. Die Spieler versuchen, sich gegenseitig zu beruhigen. Doch die Zeit reicht den Israelis nicht, und es bleibt beim 4:2.
Moritz Rinke ist nach dem Spiel wie gelöst: „Uns ist etwas ganz Besonderes gelungen, ich bin sehr glücklich.“ Er sei froh, „dass wir den Planungsaufwand auf uns genommen haben“. Ein Rückspiel in Israel ist bereits vereinbart.
Abends im Deutschen Theater sitzen die beiden Mannschaften auf der Bühne. Sie sind nicht mehr verschwitzt, und sie sind keine Gegner mehr. Bundesaußenminister Frank‐Walter Steinmeier bedankt sich ausdrücklich für die Teilnahme von Nachum Petchenik, dem es so schwer fiel, nach Deutschland zu kommen. Der tritt wenig später ans Pult und liest aus den Aufzeichnungen seiner Gedanken während der letzten Tage. Er erzählt von seinem inneren Konflikt im Vorfeld der Deutschlandreise und während seines jetzigen Aufenhalts, von seinen Bedenken, seinem Schmerz. Er spricht von Vergangenheit, Zukunft, Versöhnung und wiegt dabei seinen Körper nach vorn und nach hinten, wie beim Gebet. Es fällt ihm sichtlich schwer. Er spricht von einer inneren Stimme, die zu ihm gesprochen habe und ihm letztendlich dazu geraten habe, hierher zu kommen. Nachum Petchenik befreit diese Veranstaltung von ihrem Eventcharakter. Dies ist kein Fußballspiel und keine Lesung, es ist ein Angebot. „Ich habe die Pflicht, aus der schrecklichen Vergangenheit in die Zukunft zu blicken“, sagt er. Und dann erzählt er, warum er bis heute Angst vor Hunden hat. Es ist absolut still im Saal. Das Klicken der Kameraauslöser verstummt.

Dieser Moment tut weh. Der Dolmetscher schaut verstört hin und her. Manche der Zuhörer haben einen erhöhten Wimpernschlag und suchen einen Punkt im Nichts.

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