Trauerfeier

Lieber Paul, ...

von Christian Böhme

Sie sind zu Hunderten gekommen, um Abschied zu nehmen. Verwandte, Bekannte, Mitstreiter, Kollegen, Weggefährten, Gemeindemitglieder, viele Freunde und einige prominente Politiker: Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, Alt-Bundes- kanzler Gerhard Schröder mit Frau Doris, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Ex-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Unter den Trauergästen auch bekannte Fernsehleute und Künstler: die Showmaster Max Schautzer und Frank Elstner, die Sängerinnen Vicky Leandros und Dunja Rajter, WDR-Intendant Fritz Pleitgen, der TV-Talker Michel Friedman mit Bärbel Schäfer und der Publizist Ralph Giordano. Dazu Rabbiner sowie das Präsidium des Zentralrats der Juden mit Charlotte Knobloch und Salomon Korn an der Spitze. Sie alle wollen Paul Spiegel an diesem Donnerstag die letzte Ehre erweisen.
Die Synagoge in der Düsseldorfer Zietenstraße, ein halbrunder Bau mit hellen Holzbänken, ist bis auf den letzten Sitz gefüllt. Zusätzliche Stühle werden hereingetragen. Wer dennoch dort keinen Platz findet, muß mit dem Innenhof oder dem Leo-Baeck-Saal vorliebnehmen. Dort gibt es Leinwände, auf denen man die Trauerfeier verfolgen kann. Gut eine Stunde wird sie dauern. Eine würdevolle, sehr persönliche, ja warmherzige Stunde, die einem geliebten und beliebten Menschen gewidmet ist.
Die Reden ähneln sich denn auch. Sie erinnern an den »lieben Paul«, seinen Froh- und Familiensinn, seine Herzlichkeit, seine Zuverlässigkeit, seine Prinzipientreue, seine Verdienste. Kleine Begebenheiten und Anekdoten werden erzählt, von Freunden für Freunde. Als wäre er noch da. Tränen fließen, Taschentücher trocknen die feuchten Augen. Und wer vorne am Rednerpult steht, dem bleibt sekundenweise die Stimme weg, der stockt, muß schlucken, setzt wieder an. Den Blick auf Spiegels Frau Gisèle, die beiden Töchter Dinah und Leonie oder auf den einfachen Sarg gerichtet, der von einem schwarzen Tuch mit silbernem Davidstern bedeckt ist.
Gemeinderabbiner Julian Chaim Sous- san leitet die Trauerfeier. Er ist in gewissem Sinne Paul Spiegels Ziehkind. Der Zentralratspräsident war es, der Soussan nahelegte, Rabbiner zu werden. Nun schickt er seinen einstigen Mentor auf die letzte Reise, läßt dessen Leben Revue passieren, von der Geburt in Warendorf 1937 bis zum Tod in Düsseldorf nach schwerer Krankheit am 30. April 2006. Es ist ein Loblied auf den »besten Ehemann und Vater der Welt«. Und auf einen, der sich als Teil der deutschen Gesellschaft für das jüdische Leben engagierte. Auch der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, Esra Cohn, hebt Spiegels Leistungen hervor. Er habe sich vierzig Jahre lang um die Gemeinde verdient gemacht, »war immer zur Stelle, auch wenn es um die vermeintlich kleinen Dinge ging«. Hilfsbereit, das war Spiegel ganz sicher. Und er war fröhlich und sehr gesellig, wie Herbert Rubinstein vom Landesverband Nordrhein betont.
Nimmt es da wunder, daß man Spiegels Tod nicht wahrhaben will und kann? »Noch immer sträubt sich das Bewußtsein, noch immer wehren sich die Sinne – Paul Spiegel ist tot«, sagt Zentralratsvize Salomon Korn. Die Stimme des sonst so Wortmächtigen klingt verzagt. Und doch, so sagt er an die Familie gerichtet, gebe es einen Trost. »Tiefe Liebe lebt weiter und gibt Kraft.« Und er beendet seine Rede mit: »Lieber Paul, wir vermissen dich.«
Dann spricht der Rabbiner die letzten Gebete. Sechs Männer nehmen kleine Tücher in die Hand und tragen den Sarg aus der Synagoge hinaus auf die Straße und später auf dem Friedhof zum Grab. Als sie und die Trauergemeinde das Gotteshaus verlassen, strahlt die Sonne vom blauen Himmel herab. Ein Abschiedsgruß? Wie immer haben die Meteorologen dem Hoch einen Namen gegeben: Es heißt Paul.

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