Elegy

»Liebe und Sterblichkeit«

Isabel Coixet, wie kam es zu dem Film?
coixet: Ich habe den Roman »Das sterbende Tier« gelesen, als er veröffentlich wurde, weil ich ein großer Fan von Philip Roth bin. Ich dachte mir, irgendwann wird jemand den Film dazu machen. Es wird ein ganz schwieriger Film sein. Dann riefen vor knapp zwei Jahren Produzenten an und fragten, ob ich ihn machen wolle. Sie schickten mir das Drehbuch, das mich sehr beeindruckte. Es fasst in intelligenter, kurzer und subtiler Weise das Thema des Buches zusammen.

Fand Philip Roth das auch?
coixet: Er hat das Skript nicht gelesen. Aber ich habe lange mit ihm gesprochen. Am Tag vor Beginn der Dreharbeiten rief er mich um Mitternacht an und sagte: »Isabel, denke immer daran, dass der Körper sich an mehr erinnert als das Gehirn.«

Penelope Cruz, Sie spielen eine Studentin, die sich in Ihren alternden jüdischen Professor, gespielt von Ben Kingsley, verliebt. Eine Ihrer schwierigsten Rollen, wie Sie selbst sagen.
cruz: Ja, die Rolle hat mir sogar Angst gemacht, aber das meine ich im positiven Sinne, weil sie mich emotional ungemein herausforderte. Ich hatte das Buch schon vor dem Filmprojekt gelesen, vor sechs Jahren. Der Roman war für mich wie eine Bibel. Er hat mich damals richtig aufgewühlt. Es war nicht einfach, das zu spielen. Aber darüber freuen wir uns als Schauspieler ja gerade.

Ist »Elegy« nur die klassische Geschichte der Verbindung einer jungen Frau mit einem älteren Mann?
cruz: Nein, darum geht es eigentlich nicht so sehr. Im Mittelpunkt steht, dass beide Angst haben. Er aufgrund des Alters. Sie wegen Ihrer Brustkrebserkrankung. Einmal sagt sie: »Ich habe das Gefühl, ich bin älter als du.« Da entsteht ein Konflikt, der beiden Figuren die Augen öffnet. Sie stellen fest, dass sie sich auf der gleichen Ebene befinden. Intimität, Vertrauen und Liebe überwinden viele Unterschiede. Andere Erfahrungen werden irrelevant. Wer ist das sterbende Tier in diesem Film? Ist er es oder sie?

Ben Kingsley, was für ein Mensch ist Ihr David Kepesh?
kingsley: Er ist ein einsamer Wolf, ein Mann, der lange Zeit jegliche Form von Intimität vermieden hat. Kepesh hat Beziehungen zu Studentinnen und eine langjährige Geliebte, die in der Gegend herumfliegt, also nicht viel von ihm verlangt. Er ist einer dieser Männer, die Angst haben vor Beziehungen und vor Nähe, die Distanz vorziehen und ihre Emotionen immer intellektualisieren. Denn Intimität heißt, sich verwundbar machen. Ich kann ihn verstehen.

Roths Roman enthält eine Fülle von Sex-szenen. Wie haben sie die eingearbeitet?
kingsley: Sexszenen sind immer delikat und ein Wagnis, müssen mit Sensibilität inszeniert werden. Ich sage immer, die Schauspielerin soll die Szene nach ihren Vorstellungen entwickeln, sie muss sich wohl fühlen und in Sicherheit wiegen. Deshalb überlasse ich ihr gerne die Führung bei diesem Tanz.
cruz: Ich hatte davor eigentlich noch nie erotische Szenen gedreht. Aber Isabel Coixet war sehr behutsam. Diese Einstellungen waren nun mal im Skript. Es gibt im Roman auch Szenen, die im Film nicht enthalten sind, aber nicht deswegen, weil wir uns vor der Sexualität gescheut hätten. Es war einfach nicht relevant. Consuela wird im Buch zum Beispiel einmal von David gebissen; aber das ist für die Story nicht wichtig.
coixet: Die erotischen Szenen waren im Buch viel deutlicher. Wir haben genommen, was notwendig und schön war. Wir haben uns da recht frei gefühlt. Die Szene, in der Penelope mit Ben Kingsley Fotos macht, etwa. Ich erinnere mich an diesen Tag. Es war ganz still am Set, wie in einer Kirche. Das ist eine sehr lange Einstellung. In dieser Stille, in diesem Frieden ist alles enthalten, was man wissen muss.

Der Film handelt von Alter, Krankheit und Tod. Keine leichten Themen.
cruz: Für mich geht es in dem Film nicht primär darum, sondern um Liebe, um Schönheit, auch um den Verlust von Schönheit, um Sterblichkeit.

Im Fall Ihrer Figur Consuela um Brustkrebs in jungen Jahren.
cruz: Ich habe während der Dreharbeiten viel Zeit mit krebskranken Frauen verbracht. Sie haben mir sehr geholfen, zu verstehen, wie man mit so einem Schicksal umgeht. Diese Frauen sind durch die Hölle gegangen, aber alle hatten genug Glück, diese schreckliche Krankheit zu überleben. Ich möchte diesen Film diesen Frauen widmen, die so großzügig waren, so private Erfahrungen mit mir zu teilen. Sie haben mir ungeheuer geholfen.

Das Gespräch führte André Weikard.

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