Chanukkafest

Lichteffekt

von Rabbiner Berel Wein

Im vergangenen Jahr kaufte ich mir fertig gefüllte Schalen mit geliertem Olivenöl für die Mizwa des Kerzenzündens. Was könnte besser, bequemer und sauberer sein als ein solches Arrangement? Aber manchmal gehen sogar die ausgetüfteltsten Pläne gelehrter Rabbiner schief. Die blöden Dinger funktionierten nämlich nicht richtig.
Nachdem die erste Flamme endlich aufgeflackert war, erlosch sie gleich darauf wieder. Durch unermüdliches Herumspielen mit den Dochten gelang es mir, die Flamme in den meisten Fällen zurückzuholen, obgleich mir nicht durchweg Erfolg beschieden war. Die frohe Mizwa wurde aufgrund dieser Olivenölschalen, die an‐
geblich hundertprozentig kleckerfrei und kinderleicht zu handhaben sind, zu einem angespannten, frustrierenden, völlig unbefriedigenden Erlebnis.
Die Tatsache, dass offenbar jeder, der diese Marke von Ölschalen für das Kerzenzünden an Chanukka erstand, mit den gleichen Schwierigkeiten und Frustrationen zu kämpfen hatte, bot nur wenig Trost. Und nicht, dass sie preisgünstig gewesen wären!
Mir schien Chanukka ganz misslungen wegen dieser Ölschalen. Ich hätte Kerzen verwenden können, hatte aber keine Lust, am Ende wieder aus allem die unvermeidlichen Wachsflecken entfernen zu müssen. Denn aus jahrelanger Erfahrung weiß ich, dass es so etwas wie tropffreie Chanukka‐Kerzen auf diesem Planeten nicht gibt.
Außerdem ist mir Olivenöl als Brennmaterial für meine Chanukka‐Lichter so‐
wieso lieber. Das erklärt meine Hartnäckigkeit, mit der ich während Chanukka Nacht für Nacht die frustrierende Erfahrung mit den Ölschalen wiederholte.
Aber es gab einen Lichtstrahl, der aus dieser ganzen Frustration hervorleuchtete – dieses glänzende Etwas entsprang den dunklen Nischen meines Gehirns. Durch mühevolle und exakte wissenschaftliche Forschung fand ich heraus, dass der Fehler bei den Ölschalen nicht beim Öl lag, sondern bei den Dochten. Sie ziehen das Öl einfach nicht richtig. Und ganz gleich wie vollkommen das Öl ist, schlechte Dochte werden das Anzünden der heiligen Kerzen jedes Mal vereiteln.
Ich finde, das trifft auch auf unsere derzeitige jüdische Gesellschaft zu. Wir verfügen über beinahe unerschöpfliche Vorräte an großartigem Öl – Torawissen, Gelehrte, Talent und Menschen in großer Zahl. Aber das meiste dringt nie ans Licht. Es gibt keine effizienten Dochte – Lehrer, Rabbiner, Helden, Führungspersönlichkeiten –, die gewillt und fähig sind, das Öl aufzusaugen und es in Lichter zu verwandeln, die uns führen und erhellen.
Führerschaft kann zwar nicht gelehrt, aber sie kann gehegt und gefördert werden. Es muss einen Anreiz geben, die Ölschale nicht nur zu füllen und für sich selbst Torawissen zu erlangen. Genauso wichtig ist es, Docht zu werden und das Licht der Tora in einem Volk zu verbreiten, das in weiten Teilen seiner Tradition und glorreichen Vergangenheit und seiner anspruchsvollen Aufgabe gegenüber in Unwissenheit lebt.
Um das zu tun, müssen junge Gelehrte bereit sein, vordergründig einiges von ih‐
ren eigenen Plänen und geistigen Bedürfnissen zu opfern, um Gott und dem Volk Israel zu dienen.
Sorge um das geistige Wohl anderer Juden ist ein hoher Wert, der auf allen Ebenen unseres Bildungssystems fest verankert werden muss. „Wenn ich nur für mich selbst da bin, was bin ich dann?“ Hillel hatte Interesse nicht nur am Öl, sondern auch an den Dochten.
Die Kommentatoren weisen darauf hin, dass das Wunder der Chanukka‐Lichter im Tempel eine spätere Wiederholung des Wunders Elischas mit der Witwe des Propheten Ovadia ist. Elischa fordert die Witwe auf, Gefäße zu holen – in unbegrenzter Anzahl –, und dann das Öl aus der kleinen Flasche, die sie bei sich zu Hause hat, in diese Gefäße zu gießen. Er sagt ihr, sie solle bei der Beschaffung der Kannen und Schalen nicht geizig oder zurückhaltend sein.
Sie tat es, zumindest ihrem Verständnis nach und zu ihrer Zufriedenheit. Sie borgte von Nachbarn und Freunden große Mengen an Gefäßen, und auf wundersame Weise füllte die kleine Flasche Öl alle Gefäße, die sie gesammelt hatten. Aufgeregt sah sie zu, wie das Öl, das sie und ihre Familie vor Armut und Knechtschaft bewahren würde, in die Behältnisse floss. Als sie mehr Krüge verlangte, um sie mit Öl zu füllen, sagten ihre Kinder zu ihr, es seien keine mehr zu bekommen. Da hörte das Öl sofort auf zu fließen.
Es herrscht keine Knappheit an wundertätigem Öl im Besitz des jüdischen Volkes. Es mangelt nur an Gefäßen, an Dochten, die das Öl enthalten und anderen Menschen Licht und Glanz bringen. Auch das ist eine frustrierende Aufgabe: Menschen vom Altruismus zu überzeugen, der notwendig ist, um anderen zu helfen, Öl und spirituelles Licht in ihr Leben zu bringen. Aber ich glaube, das gehört zur Lehre, die die Hasmonäer uns vermitteln wollten. Mögen die Lichter von Chanukka unseren Lebensweg mit Güte und Gesundheit erhellen.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von rabbiwein.com

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