Buchwoche

Leseland

Wer ein wahrer Bücherwurm ist, der fürchtet nicht den Tod. Er findet es nur schade, dass er dann all das nicht mehr lesen kann, was noch unberührt auf seinem Nachtschrank liegt. Israelis können viel Lektüre neben ihren Betten stapeln. Durchschnittlich 14 neue Publikationen werden in dem kleinen Nahoststaat produziert – jeden einzelnen Tag. Pro Jahr sind es mehr als 5.000. Dass die Frauen, Männer und Kinder im Heiligen Land gern schmökern, beweisen sie jedes Jahr auf der Woche des hebräischen Buches: 45 Prozent der Bevölkerung schauen vorbei – und die meisten kaufen gleich mehr als nur ein Buch. In diesen Tagen findet sie wieder überall im Land statt.

Feiertag des Buches Die erste hebräische Literaturwoche dauerte nur einen einzigen Tag. Im Jahre 1926 flanierten die Menschen zum ersten Mal auf dem Rothschild‐Boulevard in Tel Avivs Zentrum entlang einiger lokaler Stände von Verlagshäusern. 1961 wurde die Buchwoche zur Institution mit jährlichen Veranstaltungen erklärt, heute wird dem gedruckten Wort zehn Tage lang in rund 50 Städten und Gemeinden von Metulla bis Eilat gehuldigt. Auf meterlangen Tischen türmen sich die Bestseller, Thriller, Ratgeber, Märchen, Krimis, Erzählungen, Geschichts‐, Koch‐, Kinder‐ und Jugendbücher. Amnon Ben‐Schmuel, Direktor der Vereinigung der israelischen Buchverleger (BPAI), nennt es den Feiertag des Buches. »Und der ist mittlerweile genauso untrennbar mit Israel verbunden wie Chanukka oder Pessach.«
Er ist nicht nur Organisator, sondern auch großer Fan der Buchwoche. Zwar gä‐
be es anderenorts ähnliche Veranstaltungen, doch würde kein anderes Land der Erde jedes Jahr die Literatur derart groß feiern. »Dabei haben viele gewarnt, dass es jetzt wegen der wirtschaftlichen Situation und dem Preiskampf unserer größten Ketten ein Flop werden müsse.« Tatsächlich aber sind schon nach der Hälfte der Woche 15 Prozent mehr Besucher gekommen als im Vorjahr. »Ein Rekord«, freut er sich.

Preiskrieg Seit Monaten liefern sich die Buchhandelsketten Steimatzky und Zomet Sfarim einen regelrechten Preiskrieg um die Gunst der Kunden. Teure Bücher werden verramscht, Autoren und Verlagshäuser sind entsetzt und wollen dem per Gesetz ein Ende bereiten. Noch ist nichts entschieden, doch Entwürfe für eine Preisbindung werden diskutiert. »Vor allem für die israelischen Autoren ist es schmerzlich, denn der Markt ist klein, es ist ihr Broterwerb«, so der BPAI‐Mann. Dabei hätte sich gerade in den vergangenen Jahren ein positiver Trend abgezeichnet. Während sich die hebräischen und übersetzten Publikationen noch vor zehn Jahren die Waage hielten, gibt es heute 80 Prozent israelische Literatur und nur noch 20 Prozent Übersetzungen. Ben‐Schmuel ist sicher: »Israelis sind immer noch das Volk des Buches.«
Auch 2009 sind sämtliche einheimischen Verlagshäuser, derer es in Israel weit mehr als 200 gibt, mit dabei und präsentieren ihre breite Palette. An prominenter Stelle der Auslagen in Kirjat Tivon liegt »Allenby« von Gadi Taub. Zwar ist es schon sein zehntes Buch, doch sein erster echter Bestseller. Mit der destruktiven Liebesgeschichte im Stripper‐ und Türstehermilieu von Tel Aviv landete der Geschichtsprofessor der Hebräischen Universität und ehemalige Fernsehstar im Kinder‐TV einen unerwarteten Hit. »Und doch werde ich nicht reich davon«, gibt er zu bedenken und lacht verschmitzt. Der Markt hierzulande sei verrückt und aggressiv. Es gebe jedes Jahr so wahnsinnig viele Neuveröffentlichungen, für die es gar nicht genug Menschen gäbe. Und das, obwohl die Israelis lesen würden wie verrückt.

trends »Glücklich in 30 Tagen«, »Expartner zurückgewinnen – mit Garantie«. Zwar füllen die mehr oder minder seriösen Le‐
bensratgeber im Heiligen Land noch keine ganzen Abteilungen, doch auch hier werden die Regale für die Lebenstipps in Schriftform immer länger. Besonders gern würden die Ratgeber mit jüdischem Inhalt gekauft, so Buchhändlerin Schachar Levi von Zomet Sfarim, etwa »Hühnersuppe für die Seele« von Jack Canfield. Nach wie vor im Trend sei auch alles, was mit Yoga und fernöstlicher Lebenseinstellung zu tun hat. »Oft suchen die Menschen Entspannungstipps für unser hektisches Leben hier.«
In Tel Aviv feiert die Buchwoche gleich den Geburtstag der Stadt mit. Auf dem Rabin‐Platz vor dem Rathaus tummeln sich die Menschen mit Buchpaketen unter den Armen. In einem speziell für die zehn Tage errichteten Cafés geben sich Bestsellerautoren, Poeten, große Literaten und solche, die es noch werden wollen, ein Stelldichein. Hila Ben‐Harusch hat an diesem heißen Junitag bereits reichlich Lesestoff ausgesucht. Darunter zwei Thriller von Harlan Coben, ein Meditationsbuch und ein Heftchen über das Leben des Poeten Pablo Neruda. Warum so viele? »Weil Lesen Spaß macht«, sagt die Studentin und freut sich über ihre Schnäppchen. »Ich mag die Buchwoche, es ist die beste Zeit im Jahr.«

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