Efim Margolin

»Leider fehlt mir Kapital«

Heute habe ich meine Firma beim Finanzamt angemeldet. Ich mache mich als Unternehmensberater selbstständig – und das mit 61 Jahren. So etwas ist in Deutschland selten. Ich lebe hier seit zehn Jahren, und da ich mich inzwischen auskenne, will ich Kontakte zwischen russischen und deutschen Firmen anbahnen. Besonders solchen aus der Energie- und Chemiebranche, denn das ist mein Fachgebiet. Ich bin promovierter Geophysiker und habe in Sibirien bei der Erforschung neuer Öl- und Erdgasvorkommen gearbeitet.
Die Existenzgründung hat mich acht Monate Vor-bereitung gekostet: Ich musste zig Anträge stellen, einen Businessplan schreiben und ihn bei einem Gründer-Workshop begutachten lassen. Es war manchmal ein Kampf gegen die Behörden, aber mein Berater von der Arge half mir sehr. Ich fange zunächst klein an. Da ich lange arbeitslos war, erhalte ich ein bis anderthalb Jahre lang Unterstützung von der Arbeitsagentur. In dieser Zeit muss ich meine Tätigkeit ausweiten, um ohne staatliche Hilfe auszukommen. Die Aussichten sind gut, und sie wären ohne die Finanzkrise noch viel besser.
Von den Grundlagen des Berufs habe ich nichts vergessen. Sogar konkrete Probleme, die uns Geophysiker damals in der 80er- und 90er-Jahren etwa bei der Datenbearbeitung beschäftigten, sind bis heute nicht gelöst, obwohl es inzwischen Riesenfortschritte bei der Rechnertechnologie gibt. Da habe ich noch einige Ideen und will sie demnächst in Russland mit Interessenten besprechen.
Auch wenn ich arbeitslos war, heißt dies noch lange nicht, dass ich untätig war. Seit Jahren bin ich Mit-glied im Erfinderklub »IWIS-Köln«. Wir sind 26 Personen, zumeist reifere Semester, viele wie ich russische Juden. Wir besprechen Ideen miteinander: Die Wahrheit entsteht in der Diskussion. Manch einer hatte zuerst Angst, etwas zu verraten, bevor es zum Patent angemeldet worden ist. Aber hier werden keine Ideen geklaut.
Da wir nur einen winzigen Raum und weder Labor noch Werkstatt zur Verfügung haben, können wir nur Berechnungen anstellen und Modelle basteln. Das Werkzeug und die Materialien besorgen wir oft auf Flohmärkten oder vom Sperrmüll. Immerhin hat uns ein Sponsor zwei Computer mit Internetanschluss hingestellt. Früher habe ich bis zu sechs Stunden am Tag im Klub verbracht, vor allem deswegen, weil sich Informationen und Kontakte am schnellsten im Internet finden. Dem verdanken wir auch unsere Deutschkenntnisse.
Zwei meiner Erfindungen wurden bei der Inter-nationalen Erfindermesse IENA in Nürnberg und beim Kölner Innovationspreiswettbewerb ausgezeichnet. Es geht um die Verwertung von alten Autoreifen: Heutzutage werden sie zum großen Teil verbrannt, das ist Verschwendung. Aus Russland habe ich eine Idee mitgebracht, wie man die Altreifen chemisch auflösen kann. Dabei entstehen Kohlenstoff, der Benzinbestandteil Toluol, hochwertiges Heizöl ohne Schwefel sowie Stahl. Es gibt ein positives Gutachten von der Uni Duisburg-Essen, sogar einen Businessplan. Aber es wäre ein Startkapital von 6,5 Millionen Euro nötig – selbst mit einem Bankkredit undenkbar, denn mindestens ein Fünftel müsste ich beitragen. Doch leider fehlt mir Eigenkapital. Woher soll ich eine Million nehmen? Ein deutscher Mittelständler wollte sich an dem Vorhaben beteiligen, aber auch für ihn war die Summe eine Nummer zu groß. So bleibt das noch in der Schwebe.
Eine einfachere Methode des Recyclings wäre, die Reifen in Streifen zu schneiden und zu Matten zu flechten. Komischerweise ist noch keiner darauf gekommen. Es sind sehr zähe Matten, die man auf Baustellen oder in Sumpfgebieten auslegen oder Dämme damit befestigen kann. Gleich nach der Veröffentlichung habe ich Anfragen aus Indien bekommen. Nur brauche ich ein bestimmtes Werkzeug, um die Reifen maschinell zu zerschneiden. Ich habe mich bei einem Werkzeugbauer erkundigt: Für 45.000 Euro würde er mir eins herstellen. Aber ich habe das Geld nicht. Wieder beißt sich die Katze in den Schwanz.
Wenn ich als Unternehmensberater eines Tages genug verdiene, schaffe ich es vielleicht, das zu stemmen. Wenn es geht, will ich Tag und Nacht arbeiten – bis auf die paar Stunden Schlaf. Wegen der Zeitzonen haben wir zwischen Deutschland und Sibirien eine Differenz von vier Stunden, zu Moskau sind es zwei. Um also mit sibirischen Organisationen verhandeln zu können, muss ich um sechs Uhr aufstehen und mich an die Arbeit machen. Theoretisch mache ich um 17 Uhr Schluss, aber spätabends muss ich unbedingt noch meine Mails checken. Klar, meine Frau ist nicht glücklich darüber. Mit den Gedanken bin ich immer bei der Arbeit – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.
Mein Büro ist zu Hause. Seit einem Jahr habe ich Internet und falle dem Erfinderklub mit meinen Recherchen nicht mehr zur Last. Auch meine Telefondrähte laufen manchmal heiß. Deshalb habe ich eine Flatrate: Zwar ist die Pauschale ziemlich hoch, aber ich kann innerhalb Deutschlands und mit Russland so viel sprechen, wie ich will. Diese Woche geht es endlich zu den ersten konkreten Verhandlungen nach Sibirien.
Arbeiten werde ich bis zum Ende meines Lebens. Stillstand wäre der Tod. Da sind mir die älteren Klubmitglieder ein Vorbild. Mit meinen 61 Jahren bin ich noch ein grüner Junge im Vergleich zu ihnen. Dass bei uns die Köpfe stets auf Hochtouren laufen, schützt uns vor dem Alter und der Demenz.
Ich teile gern meine Erfahrungen mit anderen. Zum Beispiel, dass es sich lohnt, seine Rechte zu kennen und darum zu kämpfen. Dazu folgende Geschichte: Meine Frau und ich haben die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Zunächst mussten wir uns die notwendige Gebühr zusammensparen, davor durften wir die Prüfungen nicht ablegen. Im Mai 2007 waren wir soweit, brachten das Geld hin und ließen uns prüfen. Dann hieß es warten. Drei Monate später bekamen wir die Nachricht: Das Einbürgerungsgesetz wurde geändert und ist rückwirkend in Kraft getreten. Nach dem neuen Gesetz müssten wir weitere, noch kompliziertere Tests überstehen. Das wurde mir zu bunt, und ich reichte eine Petition beim Bundestag ein. Nach langen Debatten bekam ich teilweise recht. Unsere Sprachkenntnisse sind als ausreichend anerkannt worden.
Vor knapp zwei Jahren hatte ich einen leichten Herzinfarkt. Mir wurde ein Stent, ein medizinisches Implantat, eingesetzt, und die Ärzte schickten mich zur Fitnesskur. Ich habe Kurse über Ernährung und Bewegung besucht, die von der Krankenkasse bezuschusst wurden. So habe ich entdeckt, dass Sport meiner Gesundheit wirklich guttut. Um abzunehmen, sind geringe Belastungen ausreichend, aber über längere Zeit. Ich habe angefangen, intensiv zu trainieren, habe mir ein Übungspaket zusammengestellt und konnte rund 15 Kilo abspecken. Die Ärzte haben mir bei der letzten Untersuchung bessere Werte attestiert als vor fünf Jahren.
Das ist jetzt mein Hobby und meine Therapie zu-gleich. Trotz meines geringen Einkommens: An der Gebühr für das Fitness-Studio spare ich nicht. Mir ist es auch gelungen, meine Frau dafür zu begeistern. Auch sie hat sich inzwischen um einige Kilo erleichtert. Uns geht es gut, mehrere Wehwehchen sind weg. Wir sind fünf- bis sechsmal pro Woche im Studio. Da stellen wir uns aufs Laufband für anderthalb Stunden, in gemächlichem Tempo, aber bergauf. Eine einfache Lösung aller Probleme.
Ab und zu besuchen wir die Kinder. Wir haben vier Enkel, der älteste ist acht. Manchmal nehmen wir die Kleinen mit zum Spielen oder machen einen Ausflug. Die Enkel scheinen klug zu sein, wachsen zweisprachig auf. Wir streben natürlich an, ihnen den Ehrgeiz zum Lernen zu vermitteln. Zweisprachigkeit ist wichtig, weil sie das Denken anspornt. Sonst hat jeder seine eigenen Talente: Der eine malt schön, der andere ist musikalisch, der dritte wird wohl ein guter Sportler. Das muss man alles fördern. Wenn es soweit ist, dass ich sie in Mathe oder Physik unterstützen soll, will ich das gern tun. Mal sehen, ob einer von ihnen Erfinder wird.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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