William Cooper

Leidensgenosse

von Hannah Miska

William Cooper war Tausende Kilometer von Deutschland entfernt, als er am 11. November 1938 die Zeitung aufschlug und unter der Schlagzeile »Vergeltungsorgie« einen Artikel über die sogenannte Reichskristallnacht sah. Er lebte in Australien, in einem kleinen ärmlichen Haus in Melbourne. Cooper war ein »Halb-Aborigine«. Er war 1861 als Sohn eines »weißen« australischen Arbeiters und einer Aborigine geboren, das fünfte von acht Kindern. Er lebte mit seiner Familie für kurze Zeit in einer der christlichen Missionen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Aborigines zu »zivilisieren« und sie zum Christentum zu bekehren. Es herrschte ein strenges paternalistisches Regime, aber William lernte Lesen, Schreiben und Rechnen. Der Missionsleiter erzählte den Kindern von der englischen Demokratie, und William studierte die Bibel. Er war beeindruckt: In einer Demokratie galt gleiches Recht für alle, und auch vor Gott waren alle Menschen gleich.
Wie viel anders war es doch offenbar in einer englischen Kolonie: Seit die englischen Siedler ihren Fuß auf den Kontinent gesetzt hatten, wurden die Aborigines verfolgt und diskriminiert. Sie waren von ihrem Land verjagt, in blutigen Auseinandersetzungen zusammengeschossen und in Reservate gezwängt worden, und sie besaßen keinerlei Rechte. Auch Williams Familie musste die Mission verlassen und in ein Reservat ziehen, bevor der Junge von seinen Eltern und Geschwistern getrennt und gezwungen wurde, erst als Viehhirte für Farmer und später als Kutscher in Melbourne zu arbeiten.
Mit Entsetzen las Cooper den Artikel. Da war von einer Orgie ungeahnten Ausmaßes gegen die Juden in Deutschland die Rede, von brennenden Synagogen, geplünderten Läden, verhafteten Juden. Er wusste: Hier werden unschuldige Menschen verfolgt.
Cooper hatte sich als Erwachsener weitergebildet, er las viel und war gut informiert. Aufmerksam verfolgte er die internationale Politik, und er beobachtete auch die politische Entwicklung in Deutschland. Er wusste, dass die Nazis Juden und andere Minderheiten in Konzentrationslager steckten, er wusste von den Nürnberger Gesetzen, die Juden in Voll-, Halb-, Viertel- und Achteljuden einteilten und Mischehen untersagten.
Seit geraumer Zeit hatte sich Cooper der Vergleich zwischen der Situation der Juden in Deutschland und der Situation der Aborigines in Australien aufgedrängt. Auch ein australisches Rassegesetz regelte, wer Voll-Aborigine und Halb-, Viertel- oder Achtel-Mischling war. Voll-Aborigines wurden als steinzeitliche Rasse betrachtet. Sie fristeten ihr Dasein in Reservaten, am Leben gehalten von rationierten Essenszuteilungen. Die Mischlinge hingegen sollten assimiliert werden und mussten die Reservate verlassen: Familien wurden unter Zwang auseinandergerissen, Eltern von ihren Kindern getrennt.
Cooper gründete 1936 die Australian Aborigines League, die erste organisierte Vertretung der Aborigines. Er kämpfte für den Erhalt aller bürgerlichen Rechte, für die Vertretung der Aborigines in den Parlamenten, für das Recht auf Grund und Boden.
Am 6. Dezember 1938 marschierte Cooper mit einer Abordnung der Aborigines League zum deutschen Generalkonsulat in Melbourne, um eine Protestnote an die deutsche Regierung zu überreichen. Doch der deutsche Konsul Walther Drechsler machte die Tür nicht auf.
Es blieb der einzige öffentliche Protest in Australien. Die Regierung verhielt sich still. Sie sorgte sich, wie man dem zu erwartenden Ansturm an jüdischen Flüchtlingen am besten Einhalt gebieten könnte.
William Cooper starb 1941 bitter enttäuscht und von den Australiern so gut wie vergessen. Nicht vergessen hat ihn das Jüdische Holocaust Museum in Melbourne. In einer Feierstunde mit Aborigines brachte es kürzlich im Museum eine Plakette an, die an Coopers Protestmarsch gegen Nazi-Deutschland erinnert.

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