koschere Wettkochshow

Leichte Kost

von Kerstin Schweighöfer

Mit einer steilen Stirnfalte über der Hornbrille inspiziert Max de Wolf eine Tüte getrocknete Aprikosen. Konzentriert zerdrückt er eine Frucht nach der anderen zwischen den Fingern und prüft nach, ob sich Insekten darin befinden. „Die sind alle in Ordnung!“, brummt der 57‐Jährige zufrieden und greift zur nächsten Tüte. Weißer Kittel, silberschwarze Kippa, strenger Blick: Kein Zweifel, de Wolf nimmt seinen Job sehr ernst. Der kleine gedrungene Mann ist Maschgiach der jüdischen Gemeinde in Amsterdam, er bewacht die Kaschrut.
An diesem Morgen kontrolliert er im Auftrag des Amsterdamer Rabbinats ein Kochstudio, das der Joodse Omroep, der Jüdische Rundfunk der Niederlande, für die Produktion einer Infotainment‐Kochshow gemietet hat. Egal, ob in England, Deutschland oder Holland: Fernseh‐Kochprogramme werden seit einigen Jahren in ganz Europa immer beliebter. Diesem Trend ist nun auch der Joodse Omroep gefolgt mit der Show GoGo, Koscher! Jeden Monat treten zwei Teams gegeneinander an, um vor den Augen einer strengen Jury innerhalb von 30 Minuten das leckerste koschere Gericht zuzubereiten.
Jedesmal steht ein anderer jüdischer Feiertag im Mittelpunkt. Heute ist es Purim. Im kommenden März soll die Sendung ausgestrahlt werden. Alles ist fröhlich geschmückt mit Luftballons und Girlanden. Die Studiogäste erscheinen verkleidet, und selbst der Rabbiner aus der Jury setzt einen verrückten Hut nach dem anderen auf.
Ziel der neuen Show ist es, das Programm mit leichter Kost aufzulockern. „Viele denken bei orthodoxem Judentum nur an schwarze Mäntel und Hüte. Mit diesem Klischee wollen wir aufräumen“, erklärt die Direktorin des Senders, Annet Betsalel. Der Joodse Omroep hat pro Monat vier Stunden Sendezeit, 30 Minuten davon sind nun für GoGo, Koscher! reserviert, das einmal im Monat sonntags um 12 Uhr ausgestrahlt wird. Gleich die erste Folge erzielte höhere Einschaltquoten als üblich: „Normalerweise erreichen wir um diese Zeit fünf Prozent aller Fernsehzuschauer, aber es waren mehr als sieben!“ Die meisten sind Nichtjuden, denn die jüdische Gemeinschaft in den Niederlanden ist klein, sie besteht aus nur 45.000 Menschen.
„Endlich hat der Sender ein Programm, bei dem sich nicht mehr nur alles um Krieg, Elend und Trauma dreht!“, findet auch Gastro‐Kritiker Awraham Meijers. Als Vorsitzender der GoGo, Koscher!-Jury hat er auf dem großen Plüschsofa gegenüber den Küchenblocks Platz genommen. Manche Kandidaten hätten tatsächlich das Zeug zu kulinarischen Höhenflügen, sagt er. „Aber es gibt auch Teams, bei denen wir uns fragen, warum wir so viel leiden müssen!“
Selbst kocht der der 66‐jährige Meijers zu Hause nicht koscher: „Ich denke gar nicht daran, mir das Leben so schwer zu machen!“ Aber gleich werden der Amsterdamer Rabbiner Raphael Evers und eine mollige jüdische Mamme neben ihm auf dem Jury‐Sofa Platz nehmen. „Die rühren keinen Bissen an, wenn sie sich nicht sicher sind, dass alles koscher ist!“, erklärt Meijers den Fernsehzuschauern mit einem Blick auf Sjoemer Max, der für seine Kontrollen wie ein Wiesel zwischen Küchenblöcken, Scheinwerfern und Kameraleuten hin‐ und hereilt und wie durch ein Wunder nicht über ein Kabel stolpert.
Auch die Kandidaten sind inzwischen eingetroffen, gekleidet in rote und grüne Schürzen. In den ersten Folgen spielten zwei Jugendclubs und zwei Familien gegeneinander. Auch traten die Mitglieder eines Aerobicstudios gegen die Bewohner eines jüdischen Altersheimes an – wobei die Alten haushoch gewannen. Dieses Mal treffen die Teams von zwei jüdischen Schulen aufeinander: zwei Lehrerinnen gegen zwei Schülerinnen, angesport von zwei Klassen. Die Schülerinnen geben sich äußerst selbst‐ und siegessicher: „Wir haben viel geübt und mehrmals zusammen gekocht“, erklärt Fabienne, eine 16‐Jährige mit fröhlich wippendem Pferdeschwanz, dem Fernsehpublikum. Bei ihr zu Hause werde nur koscher gekocht: „Das sitzt bei uns einfach im System.“
Koscher kochen sei nicht schwerer als normal, sagt Sjoemer Max in die Kamera: „Alles eine Frage der Organisation! Ich stehe nicht länger in der Küche als Sie!“ Dennoch spricht er den vielen nichtjüdischen Beteiligten dieser Fernsehproduktion ein großes Lob aus: „Für die war es doch ganz schön schwer, sich in unsere Welt einzuleben! Die haben mich 20 Mal pro Tag angerufen und um Rat gefragt, nur damit sie nichts verkehrt machen.“ Neben Aprikosen kontrolliert Max de Wolf heute auch getrocknete Pflaumen. Denn die beiden Lehrerinnen wollen mit persischem Couscous aufwarten. Bei den Schülerinnen steht Steak in Weinsoße auf dem Menü, mit süßen Kartoffeln und Haman‐Taschen.
„Sie sind benannt nach Haman, dem Hitler aus dem Jahre 500 vor Christus“, erklärt Rabbiner Evers im Infoteil der Show mit einem gehörnten Wikingerhut auf dem Kopf. „Doch auch ihm ist es nicht gelungen, uns auszurotten, und das feiern wir an Purim!“ Die Schulkinder beginnen, laut zu tuten und zu rasseln, und dann ruft der Moderator endlich zum Countdown auf: „Fünf, vier, drei, zwei eins … Go, go Koscher!“, brüllen die Schüler, worauf die Kandidaten hinter ihren Küchenblöcken aktiv werden.
Dreißig Minuten Zeit haben sie, und während bei den zwei Schülerinnen alles nach Schema verläuft, geraten die Lehrerinnen sichtlich ins Schwitzen. „Noch fünf Minuten“, ruft der Moderator. „Noch eine Minute.“ Dann kommt der zweite Countdown: „Drei, zwei, eins – Stopp!“ Lachend schwenken die Lehrerinnen ihre Topflappen: „Wir kamen nicht mehr dazu abzuschmecken!“, rufen sie mit geröteten Wangen. „Wir haben am Schluss einfach alles Pi mal Daumen untergerührt!“ Die Schülerinnen hingegen zeigen sich immer noch siegesge‐ wiss: „Wir hatten alles unter Kontrolle!“
Die Jury lobt dann zwar ihre „wunderschön aussehenden Kartöffelchen“; auch die Weinsoße sei durchaus gelungen – aber Sieger werden trotz „Pi mal Daumen“ die Lehrerinnen: Laut Jury haben sie mehr geschmackliches Gespür bewiesen. „Macht nichts!“, meint Fabienne, als sie ihre Schürze ablegt. „Wir hatten einen Riesenspaß.“ Und noch wichtiger: „Vielleicht haben wir zur Wiederbelebung jüdischer Traditionen und Feiertage beigetragen.“ Es könnte doch durchaus sein, dass Leute auf den Geschmack kommen und beim Zugucken denken: „Oh ja, das sollten wir in Zukunft auch wieder so machen!“

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