Duisburg

Leben in einem Kunstwerk

von Zlatan Alihodszic

Während ganz Deutschland nur die Zahl 60 im Kopf hat und schwarz‐rot‐gold eingefärbt ist, begeht auch die Jüdische Gemeinde Duisburg‐Mülheim‐Oberhausen ein Jubiläum – kleiner, aber genauso bunt. Vor zehn Jahren eröffnete das Gemeindezentrum am Duisburger Innenhafen, am Sonntag gab es ein Fest.
Jacques Marx will feiern, „alles mögliche“, wie der Vorsitzende fröhlich erklärt. Den Geburtstag des Hauses, die Entwicklung der Gemeinde, auf Zuruf des Rabbiners auch Rosch Chodesch, den ersten Tag des Monats Siwan. Und so singt er zur Eröffnung des Festakts: „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“ Es ist tatsächlich ein schöner Tag, an dem aber auch die Rückschläge der letzten zehn Jahre am neuen Standort nicht verschwiegen werden.
Wie groß diese Rückschläge schon vor dem Einzug in das nun gefeierte Haus waren, zeigt Marx’ Erinnerung an den Tag der Eröffnung. „Am 30. März 1999 hat der Architekt Zvi Hecker mir die Schlüssel gegeben. Die Hand habe ich ihm nicht gereicht“, sagt der Vorsitzende kühl. „Wegen der Sachen, die uns hier stören.“ Die werden gerade immer gewaltiger. Viel Geld fließt in die Renovierung des jungen Baus. Geschäftsführer Michael Rubinstein musste vor wenigen Wochen sein Büro räumen, weil das Wasser unter seinem Schreibtisch hervorquoll. Die Verwaltung musste umziehen, der Boden erneuert werden, Wände weisen noch immer Risse auf. „Wir haben ein sehr schönes Gebäude“, betont Rubinstein. „Aber es ist auch ein Kunstwerk, und im praktischen Gebrauch ist das nicht immer optimal.“
Von außen betrachtet, von den Spazierwegen im viel besuchten Innenhafen, ist das Gemeindezentrum jedoch einfach beeindruckend schön. Mit diesem überwältigenden Anblick, das gibt Jacques Marx offen zu, hatte er nicht gerechnet. Vor dem Umzug saß die Gemeinde an der Kampstraße in Mülheim. Es war das ehemalige Wohnhaus des damaligen Vorsitzenden Salomon Lifsches, das für Gottesdienste umgebaut worden war. 30 Jahre lang nutzte man es als Synagoge mit 72 Sitzplätzen.
Die steigenden Mitgliederzahlen – Ende der 90er‐Jahre waren es durch die russisch‐jüdische Zuwanderung mehr als 1.300 – war ein Umzug unvermeidlich, aber schwer zu realisieren. Die Städte Duisburg, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen beteiligten sich an den Kosten für das jüdische Gemeindezentrum. Dafür sorgte der damalige Ministerpräsident von Nordrhein‐Westfalen, Johannes Rau.
Besonders gesträubt hatten sich die Duisburger. Die finanziell klamme Stadt leistete ihren Anteil schließlich durch die Bereitstellung des Grundstücks. „Herr Krings, mit Ihnen war es am schlimmsten“, erinnert Jacques Marx dann auch den ehemaligen Duisburger Oberbürgermeister. „Sie hatten kein Geld und haben uns ein Brachstück angeboten.“ Inzwischen hat sich das Stadtquartier zu einem touristischen Anziehungspunkt entwickelt, böse ist der Gemeindevorsitzende dem Oberbürgermeister deshalb längst nicht mehr. Nur den Architekten, nun, den mag Marx wohl noch immer nicht so recht.
Doch auch wenn das Gebäude oft Grund für schlechte Nachrichten ist, das Gemeindeleben blüht darin. „Wir sind angekommen, etabliert in dieser Stadt. Wir fühlen uns jetzt hier zu Hause“, versicherte Marx. Unter diesem Motto „angekommen und daheim“ steht an diesem Sonntag auch das Jubiläum. „Das passt“, sagte Michael Rubinstein dazu. „Auch für die breite Öffentlichkeit sind wir normal“, und bei „normal“ zeichnete er mit seinen Fingern Anführungszeichen in die Luft. Die Mitglieder sind noch nicht in allen Bereichen des Gemeindelebens angekommen, wie der Geschäftsführer zugeben muss. „Auf sozialer und kultureller Ebene erreichen wir die Menschen. Aber wir haben drei Säulen. Die dritte ist die Religion, und die darf nicht wackeln. Wir können nicht damit zufrieden sein, wie wenig die Religionsschule besucht wird.“ Doch daran arbeiten die Duisburger.
Dennoch freut man sich dieser Tage über eine neue Baustelle. Am Montag, einen Tag nach dem Jubiläum, wurde der erste Spatenstich für einen jüdischen Kindergarten nahe der Gemeinde gefeiert. 34 Plätze werden dort ab August dieses Jahres angeboten. Die Räumlichkeiten eines ehemaligen katholischen Kindergartens werden dafür ausgebaut.
Die Entwicklung der Kinder‐ und Jugendarbeit ist für Michael Rubinstein auch die größte Erfolgsgeschichte der letzten zehn Jahre. Das Jugendzentrum Tikwatejnu („Unsere Hoffnung“) gestaltete bei den Feierlichkeiten am Nachmittag auch den größten Teil des Programms. In Zukunft soll die Arbeit noch ausgeweitet werden. Dafür bedarf es aber zunächst wieder: einer Baustelle. Die zweite Etage des Gemeindezentrums wird umgebaut, um den Kindern und Jugendlichen mehr Raum bieten zu können.
Man ist „angekommen und daheim“ in Duisburg, aber noch längst nicht fertig. Den Festakt, von Jacques Marx musikalisch eröffnet, beschloss die Klezmer‐Band Rosenthal & Friends. Balsam auf die geplagte Seele waren die Dankesworte von Boris Rosenthal: „Danke an die beste jüdische Gemeinde in der Bundesrepublik.“ Am Sonntag widersprach ihm niemand.

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