Ukraine

Leben auf Knochen

von Andriy Vovk

Bereits im vergangenen Jahr wurde in der Nähe der ukrainischen Hafenstadt Odessa ein bislang unbekanntes Massengrab jüdischer Naziopfer entdeckt. Aber erst vor Kurzem gelangte die Information darüber in die Nachrichten. Bauarbeiter stießen damals bei der Verlegung einer Gas-Pipeline auf menschliche Überreste. Daraufhin informierte der stellvertretende Leiter der Kreisverwaltung, Mychajlo Panchenko, die jüdische Gemeinde Tikva-Ohr-Sameach in Odessa über den Fund. Gleichzeitig bildete die Ortsleitung eine spezielle Kommission und wandte sich an ukrainische und russische Archive, wie Jewhen Wolokin, Redakteur des Gemeindeblattes von Tikva-Ohr-Sameach mitteilte.
Aus den Archiven sandte man Kopien von Akten der Außerordentlichen Kommission, die nach der Befreiung des Gebietes von den deutschen und rumänischen Besatzern deren Verbrechen unter- suchte. Die Akten bestätigten, dass die Nazis im November 1941 im Dorf Gvozdavka ein Konzentrationslager errichteten. Nach offiziellen Angaben und Augenzeugenberichten waren 4.772 Menschen in diesem Lager interniert. In den darauffolgenden Jahren wurden hier Deportierte aus Bessarabien, aus den Gebieten Odessa und Shytomyr, sowie Juden des Kreises Lyubaschew, die bis zum Krieg die Hälfte der Einwohner stellten, ermordet. Bis heute konnten lediglich von 93 der umgekommenen Juden die Namen ermittelt werden.
Unter den Archivunterlagen befinden sich Augenzeugenberichte und Daten medizinischer Untersuchungen, aus denen hervorgeht, dass etwa die Hälfte der Opfer erschossen wurde, die anderen aber an Hunger oder den Folgen von Typhus starben. »Es ist jedoch noch zu früh, über die genaue Zahl der gefundenen Leichen und die Anzahl der umgekommenen Juden zu sprechen«, ergänzt Evhen Volokin, Mitglied der Untersuchungskommission. »Uns war bekannt, dass in diesem Gebiet Juden ermordet wurden, wir kannten aber nicht den Ort des Massengrabes.« Allein im vergangenen Jahr fand man in verschiedenen Dörfern des Kreises sechs bisher unbekannte Stellen, wo ermordete Juden verscharrt wurden. Der Odessaer Vertreter der Jerusalemer Gedenkstätte »Yad Vashem«, Leonid Dusman, selbst ehemaliger KZ-Häftling, berichtet zudem, dass außer dem Konzentrationslager in Gvosdavda ein jüdisches Ghetto im Dorf Jasenevo existiert hat. Bereits in den Jahren 1993 und 1994 hat Dusman gemeinsam mit einem weiteren Holocaust-Forscher, Boris Gidalevych, drei Ge-
denkstelen an offiziell verzeichneten Orten der Massenvernichtung aufgestellt: an der Ziegelei im Dorf Lyubashevka, wo ca. 350 Menschen begraben sind, am Ortsrand des Dorfes Gvozdavka (100 Menschen) und im Steinbruch des Dorfes Jasenevo (100 Menschen).
Fast täglich werden die Anwohner auch noch heute an die ermordeten Juden erinnert. Der Vorsitzende des Dorfrats von Gvozdavka sagt, dass die ganze Gegend von Knochen übersät sei. Häufig bei Regen oder wenn die Erde umgegraben wird, finden die Bewohner menschliche Überreste. Die Knochen werden in Kartons gelegt und in einer Garage hinter dem Gebäude des Dorfrates aufbewahrt. Was weiter damit geschehen soll, ist noch unklar. Deshalb plant die Dorfleitung gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde in Odessa, eine Gedenkstätte für die in diesem Gebiet von den Nazis ermordeten Juden zu errichten. Dies könnte zum Beispiel ein Mahnmal am Ort des ehemaligen Lagers sein, wie ein Antrag des Dorfrates an das ständige Komitee der Europäischen Konferenz der Oberrabbiner (CER) in Odessa vorsieht.
Derzeit befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen KZs ein Fabrikgebäude und ein Sägewerk, einige hundert Meter von der Dorfmitte entfernt. Der Oberrabbiner des Gebietes Odessa, Shlomo Baksht, sicherte zu, dass sich die jüdische Gemeinde in Odessa an diesem Projekt sowohl organisatorisch als auch materiell beteiligen will. Gleichzeitig äußerte sich nach Angaben der jüdischen Nachrichtenagentur der Oberrabbiner von Odessa und der Südukraine, Abraham Wolf, in einer Ansprache zu dem Fund: »Die jüdische Gemeinde ist schockiert von dem, was geschehen ist«, heißt es. »Wir sind der Orts-
leitung dankbar für ihr Entgegenkommen, diese Anstrengungen sind aber bei Weitem nicht genug.«
Die Gesetze, die die Beisetzung von in Massengräbern gefundenen Überresten regeln, sind sehr kompliziert. Deshalb hat die jüdische Gemeinde Chabad-Shomrey- Shabos Spezialisten aus Israel und Europa eingeladen, um bei der Ermittlung der Ausmaße des Massengrabes zu helfen und alles dafür zu tun, damit diese Menschen ordnungsgemäß begraben werden. »Das ist nicht nur wichtig für die Toten. Das ist in erster Linie wichtig für die Lebenden. Für alle Menschen, ohne Unterschied in Nationalität und Glaubensbekenntnis«, betonte Wolf in seiner Ansprache.

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