Freilassung

»Laßt sie frei!«

von Michael Reichmann
und christine Schmitt

Noch immer kein Lebenszeichen von Udi Goldwasser, Gilad Schalit, Eldad Regev. Nicht nur das: Den drei entführten israelischen Soldaten droht auch das öffentliche Vergessen. Den europäischen Medien scheinen die Namen nichts mehr zu sagen. Das politische Brüssel? Die EU? Keine Regung, keine öffentliche Forderung, die Männer freizulassen. Das tun an diesem Mittwoch in Brüssel andere. Auf den Grünstreifen der Rue de la Loi, der Hauptverkehrsstraße, die das Gebäude der Europäischen Kommission von dem des Europä- ischen Rates trennt, sind fast 3.000 Menschen gekommen. Aus zehn europäischen Ländern sind sie angereist, vor allem aus Belgien, Frankreich, Holland. Eltern und Angehörige der entführten Soldaten stehen gemeinsam mit Rabbinern und Vertretern jüdischer Organisationen auf dem kleinen Podium zwischen den mächtigen Bauten und verlangen die Freilassung der drei Entführten. Durch die Häuserschluchten des europäischen Regierungsviertels schallt der Ruf: »Libérez les otages, libérez nos camarades.« Laßt die Geiseln frei, befreit unsere Kameraden!
Es ist keine der üblichen Demonstrationen, wie sie so oft vor den Gebäuden der europäischen Institutionen stattfinden. Es ist ein traurig-trotziges Familientreffen. Schulkinder sind mit Bussen aus Amsterdam, Paris und Straßburg gekommen. Eltern und Großeltern stehen vor dem Podium und schwenken die israelische Fahne und die europäische Flagge. Zwölf Sterne auf blauem Grund. Sie sollen die zwölf Stämme Israel, die zwölf Monate des Jahres und die zwölf Stunden auf dem Zifferblatt symbolisieren. Hoffnung, daß die EU sich für die Entführten einsetzt. Dieser Hoffnung, dieser Forderung soll an diesem sonnigen Tag Nachdruck verliehen werden.
Doch Zweifel, Trauer und Enttäuschung prägen die Stimmung bei den Demonstranten. »Wir verlangen ja nur Gerechtigkeit. Wir verlangen ja nur, daß die EU auch die getroffenen Vereinbarungen unterstützt«, sagt Judith Krieger aus Brüssel, Mutter von drei Kindern. Das ist Tenor der gesamten Veranstaltung. Gerechtigkeit, immer wieder Gerechtigkeit. Die UN-Resolution 1701 verlangt die Freilassung der drei entführten Soldaten, damit der Wafffenstillstand gelten und der Friedensprozess eingeleitet werden kann.
An einer Ecke, an der Sicherheitsabsperrung, steht ein Mann, fernab vom Podium. Er hält ein Schild in der Hand mit dem Foto von Ehud Goldwasser. Darunter steht: »Laat hem vrij«, Niederländisch für »Laßt ihn frei«. Jacob de Jong ist 70 und kommt aus Delft. Er sagt: »Ich will, daß er freikommt, endlich freikommt. Von dem Europäischen Parlament, von der Europäischen Union erwarte ich nichts. Ich habe kein Vertrauen mehr.« Benjamin Abtan, Sprecher der jüdischen Studenten Frankreichs UEJF sagt: »Daß unsere Soldaten freigelassen werden, ist ein Test für Europa. Für seine Glaubwürdigkeit im Nahen Osten und die Fähigkeit der Europäischen Union, geltendes Recht durchzusetzen. Denn die Resolution 1701 trägt auch die Handschrift der EU.«
Langsam geht die Veranstaltung am Nachmittag ihrem Ende entgegen. Noch einmal ist vom Podium der Hilferuf der Eltern zu hören, ihre Söhne freizubekommen. Langsam löst sich die Menschenmenge auf. Einige gehen zur Metro, andere zu den wartenden Bussen. Im Regierungsviertel ist ein Lied zu hören. Jerusalem.

* * *

Die Kerzen wolltene einfach nicht brennen. Da kann sich Marat Schlafstein, der die Mahnwache für die entführten israelischen Soldaten in Berlin organisiert hat, noch so abmühen. Es ist zu windig auf den Treppen vor dem Gemeindehaus in der Fasanenstraße. Eigentlich sollten unzählige Kerzen unter dem Plakat leuchten, auf dem die Geiseln Gilad Shalit, Ehud Goldwasser, Eldad Regev und Ron Arad abgebildet sind. »Freiheit für die entführten israelischen Soldaten«, steht über den Portraitfotos. Etwa 80 Menschen sind in die Fasanenstraße gekommen, um an die Entführten zu erinnern. »Erst sollte ein Bus nach Brüssel zur zentralen Gedenkveranstaltung organisiert werden, aber die Entfernung ist doch zu groß und die Fahrt dauert einfach zu lange«, sagt Marat Schlafstein.
»Die Schicksale der Geiseln und deren Angehörigen sind menschenverachtend«, sagt Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Keine Worte könnten die betroffenen Familien der insgesamt acht Geiseln trösten, die Tag für Tag in Verzweiflung leben und Hilfe brauchen. »Ich möchte ihnen die Solidarität der Gemeinde aussprechen«, ruft der Vorsitzende. Einer sei vor 24 Jahren, ein anderer, Ron Arad, vor 20 Jahren entführt worden. »Wo sind sie?« fragt Joel Lion, Botschaftsrat und Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft. Seit fünf Monaten wissen die Familien der letzten beiden Entführungsopfer nichts über den Verbleib ihrer Söhne, sagt er. Die Angehörigen hätten keine Ahnung, wo sie untergebracht seien, ob sie genug zu essen bekommen würden, wie es ihnen ginge. »Aber die Söhne werden zurück nach Hause kommen«, sagt Joel Lion. Es ist eine Hoffnung. Er wolle nicht viel sagen, sagt ein ehemaliger israelischer Soldat. Nur: »Vergessen Sie bitte diese Namen und Menschen nicht.«

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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