england

Krisenstab

Die Wirtschaftskrise zeigt ihre Krallen. In den ersten fünf Monaten des Jahres ist die Zahl der Arbeitslosen in England um mehr als 50 Prozent gestiegen. Das bedeutet auch mehr Arbeit für das Londoner Employment Resource Centre (ERC).
Mehr als 700 jüdische Briten suchen mit Unterstützung des Zentrums derzeit eine Stelle. Die unabhängige Wohlfahrtsorganisation bietet seit 1991 einen in jüdischen Kreisen vermutlich einmaligen Service an: Menschen aus allen Berufen und Altersklassen, die gerade ihren Job verloren haben, nach der Kinderpause wieder einsteigen wollen oder vor Kurzem Studium oder Schule abgeschlossen haben, sie alle können sich vom ERC im Nord-Londoner Stadtteil Finchley kostenlos helfen lassen. Die Maßnahmen reichen von der Korrektur der Bewerbungsunterlagen und dem Sichten von Stellenanzeigen über Networking bis zum Einüben des Vorstellungsgesprächs und der Gründungsberatung für Selbstständige. Auch Unternehmen, die auf der Suche nach jüdischen Mitarbeitern sind, hilft das Zentrum, indem es geeignete Kandidaten vermittelt.

training Eine geniale Idee, die genau dort ansetzt, wo die Wirkung am größten ist: Menschen ohne Job haben meist kein Geld für Training, obwohl sie es vielleicht dringend benötigten. Professionelle Agenturen kommen also für viele Stellensuchende nicht in Frage, die Dienste des ERC kann dagegen jeder jüdische Brite in Anspruch nehmen, auch wenn er sich aufgrund von Arbeitslosigkeit in einem finanziellen Engpass befindet.

beratung Die Workshops, Einzelberatungen und Seminare des ERC sind sehr erfolgreich: Seit seiner Gründung hat das Zentrum rund 8.000 Menschen geholfen, eine neue Stelle zu finden. »Wir versuchen, unsere Arbeit so gut wie möglich zu machen«, erklärt Alan Sanders, Berater beim ERC. »Der Aufbau unserer Organisation gleicht dem einer professionellen Personalberatung. Außerdem lassen wir uns von zwei Mentoren unterstützen, die selbst im Personalwesen tätig sind.« Alle 53 Berater arbeiten wie Sanders ehrenamtlich. Die meisten kommen aus dem Geschäftsleben und verbringen rund vier bis fünf Stunden pro Woche im ERC. Jedem Stellensuchenden wird ein eigener Berater zugeteilt. Die freiwilligen Helfer werden regelmäßig trainiert. Neben den ehrenamtlichen Kräften sind zwei Vollzeit- und zwei Teilzeitmitarbeiter in den Büros des Zentrums tätig.
Nachdem sich die Interessenten telefonisch oder per E-Mail mit dem ERC in Verbindung gesetzt haben, findet zunächst ein persönliches Gespräch statt. Dann wird entschieden, ob das Zentrum helfen kann oder nicht. Anschließend nehmen die Jobsuchenden an einem zweitägigen Seminar teil, in dem Tipps und Tricks für eine erfolgreiche Stellensuche vermittelt werden. Später folgen in regelmäßigen Abständen persönliche Treffen.
Das ERC bietet außerdem PC-Training an. Den Jobsuchenden stehen in den Räumen der Organisation Computer, Fax, Tageszeitungen, Telefone und Literatur zum Thema zur Verfügung. Wer nicht in London wohnt, kann sich telefonisch beraten lassen und mithilfe einer speziell dafür angelegten Internetseite des ERC seine Jobsuche vorantreiben.
Die Idee für das ERC entstand während der schweren Rezession in Großbritannien Anfang der 90er-Jahre. Gegründet wurde das Zentrum 1991 von der britischen Wohlfahrtsorganisation Jewish Care (JC). Nach zwölf Jahren beschloss JC jedoch, die Finanzierung einzustellen, das Zentrum sollte geschlossen werden. Weil es bislang jedoch sehr erfolgreich gearbeitet hatte, nahm eine Gruppe Ehrenamtlicher die Sache selbst in die Hand. Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass es Wartelisten gibt.

eigeninitiative Der Service des ERC ist zwar kostenlos, doch müssen Büromiete, Telefongebühren, Material und die Gehälter für die Angestellten bezahlt werden. Das ERC hat ein freiwilliges Spenden-Komitee ins Leben gerufen. Das Team versucht, mit Benefizkonzerten, Filmvorführungen und Quizabenden Geld aufzutreiben.
Außerdem betreibt die Organisation eine Networking-Gruppe, die sich um Kontakte zu Unternehmen bemüht. Nachdem das Management des ERC vor drei Jahren erkannt hatte, dass die Agentur beim britischen Judentum nicht sehr bekannt war, rief sie ein Marketing-Team ins Leben. Seitdem arbeitet das ERC – mit wachsendem Erfolg – daran, sich in der jüdischen Geschäftswelt, aber auch bei Rabbinern vorzustellen.
Vor Kurzem ist das Zentrum in größere Büroräume umgezogen, denn die alte Unterkunft war viel zu klein geworden. »Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise müssen wir unserer Gemeinschaft weiterhin unsere Dienste anbieten und noch mehr Eigeninitiative zeigen«, sagt die ERC-Vorsitzende Trisha Ward.

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