Weltwirtschaftskrise

Kredit verspielt

von Oliver Marc Hartwich

Seit dem vergangenen Sommer ist die Weltwirtschaft ins Taumeln geraten. Der Zusammenbruch des US-Marktes für zweitklassige Hypotheken zieht wie ein Tornado über die Finanzmärkte, wo er eine Spur der Zerstörung hinterlässt. Weltweit mussten Banken Milliarden von Dollar abschreiben, mit denen sie im ehemals lukrativen amerikanischen Immobilienmarkt engagiert waren. Selbst Finanzhäuser, die zuvor als grundsolide galten, machten erstmals in ihrer Geschichte Verluste.
Zusammenbrüche von Banken konnten in Deutschland nur knapp verhindert werden. In Großbritannien gelang dies nicht. Dort standen Kunden der in Schieflage geratenen Hypothekenbank Northern Rock tagelang Schlange, um ihre Ersparnisse zu retten. Erst staatliche Garantien beendeten den ersten britischen »Bank Run« seit über 160 Jahren, der die Steuerzahler schätzungsweise 70 Milliarden Euro kosten wird.
Die Turbulenzen haben auch die Aktienmärkte längst erreicht. Von den Höchstständen des vergangenen Jahres sind die Indizes deutlich gefallen: der Dow Jones um 14, der DAX sogar um 16 Prozent. Als ob all dies noch nicht dramatisch genug wäre, kündigt sich in den Vereinigten Staaten eine Rezession an, deren Auswirkungen auch auf der anderen Seite des Atlantiks spürbar sein werden. Zudem bergen hohe Energie-, Rohstoff- und Nah- rungsmittelpreise Inflationsrisiken.
Angesichts der Dimensionen der aktuellen Krise nimmt es nicht wunder, dass das Vertrauen in Marktwirtschaft und Globalisierung erschüttert ist. Ob es jemals besonders verbreitet war, ist eine andere Frage. Aber selbst entschiedene Anhänger freier Märkte sind irritiert.
Klaus Schweinsberg, Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Capital, sieht in der offenkundigen Kapitalvernichtung bei den Banken den »finalen Todesstoß für die Globalisierung«. George Soros wiederum machte jüngst den »Marktfundamentalismus« für die Krise verantwortlich – eine Krise, die er für gravierender hält als alle anderen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auftraten. Dabei kennt sich Soros, der US-Investmentbanker ungarisch-jüdischer Herkunft, wie kein Zweiter mit Krisen aus. Sie sind Teil seines Geschäftsmodells, wie die Bank of England am
»Black Wednesday« 1992 schmerzhaft erfahren musste. Damals wettete Soros erfolgreich gegen das Pfund und trieb es schließlich aus dem Europäischen Währungssystem. Eine Demütigung für die Briten, aber ein Milliardengewinn für Soros.
Doch wie viel die jetzigen Verwerfungen im internationalen Finanzsystem tatsächlich mit dem Versagen von Banken und Märkten zu tun haben, ist fraglich. Eine Reihe von Ökonomen weist darauf hin, dass gerade staatliche Institutionen für die Probleme verantwortlich zu machen seien.
Am Anfang der Finanzkrise stand das Platzen der US-Hypothekenblase. Für gewöhnlich wird dies damit erklärt, dass sich viele Amerikaner sehr stark verschuldet hätten, um ihren Traum vom Eigenheim wahr werden zu lassen. Die Banken stellten ihnen dabei leichtfertig Hypotheken zu Niedrigzinsen zur Verfügung. Als die Zinsen später anstiegen, konnten die Hypotheken nicht mehr zurückgezahlt werden.
Für Thomas Sowell, Wirtschaftswissenschaftler an der renommierten Stanford University, greift diese Erklärung zu kurz. Er gibt zu bedenken, dass die Hauspreise nur deshalb so stark steigen konnten, weil in vielen amerikanischen Städten seit Jahren systematisch zu wenig Bauland freigegeben wurde. Der Grund: Stadtplaner und Kommunalpolitiker wollten der Zersiedelung der Landschaft entgegenwirken. Doch damit schufen sie unwissentlich das Fundament für steigende Immobilienpreise und immer gewagtere Hypothekenkonstruktionen.
Die großzügige Kreditvergabe wiederum war nur deshalb möglich, weil die amerikanische Notenbank lange eine laxe Geldpolitik betrieb. Sobald sich die Wirtschaftsaussichten einzutrüben drohten, reagierte die Fed mit Zinssenkungen. In der Folge des 11. September 2001 fiel der Leitzins bis auf 1,0 Prozent.
Besonders Ökonomen der sogenannten Österreichischen Schule sehen in dieser Praxis einen Hauptgrund für die gegenwärtigen Probleme. Die »Österreicher«, die von jüdischen Wissenschaftlern wie Ludwig von Mises, Murray Rothbard und Israel Kirzner maßgeblich geprägt wurden, machen die permanente Ausweitung der Geldmenge durch ungedecktes Papiergeld für systematische Verzerrungen der Wirtschaft verantwortlich. Damit versuchten die Zentralbanken allerdings vergeblich, die Symptome zu kurieren, die sie selbst hervorgerufen hatten. Aus dieser Perspektive erscheint der Kollaps der Finanzmärkte geradezu als logische Konsequenz der staatlichen Geldpolitik, nicht als Versagen der Märkte. Entsprechend kritisch bewertet die Österreichische Schule auch die Versuche, mittels neuerlicher Zinssenkungen eine Rezession zu vermeiden. Auf diese Weise, so argumentieren sie, würde die Krise nur verlängert und verschlimmert.
Der Tornado, der seit Monaten Kapital in kaum vorstellbarer Größenordnung und das Vertrauen in die Marktwirtschaft vernichtet hat, wird noch einige Zeit weiterziehen. Die Wettermacher aber sind eher in Politik und Zentralbanken zu finden als bei den Bankhäusern und Börsen.

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