Sport

Körper‐Kultur

von Moshe Zimmermann

Sport ist mittlerweile zu einem ernsten Forschungsobjekt geworden. Will man bestimmte Prozesse der jüdischen Geschichte studieren, wie die Aufnahme von Juden in die Gesellschaft oder umgekehrt deren Diskriminierung und Ausschluß , bietet sich die Geschichte des Sports als besonders informativ an. Wir wollen zwischen drei »Kategorien« unterscheiden, die allein von der Selbstbestimmung ausgehen: Juden, die sich als Juden verstanden, ohne mit jüdischen Institutionen oder Organisationen in Verbindung zu stehen; Juden, die das Judentum als Schicksals‐, Religions‐ oder Kulturgemeinschaft, nicht aber als Nationalität empfanden und sich in Organisationen engagierten. Und Juden, die das Judentum primär als Nation begriffen, ohne aber ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft oder patriotische Einstellung zum Vaterland aufgeben zu wollen. Die Fechterin Helene Mayer hingegen darf als Gegenbeispiel gelten. Sie durfte 1936 als Jüdin an den Olympischen Spielen teilnehmen und gewann eine Bronzemedaille. Aber sie war weder nach der Halacha jüdisch noch nach ihrem eigenen Verständnis. Zur Jüdin wurde sie durch die Nürnberger Rassegesetze – was die Welt problemlos akzeptierte.
Lange kümmerte man sich kaum um jüdische Sportler, außer wenn es sich um Olympiasieger oder Nationalspieler handelte. Seit Historiker aber auch »Geschichte von unten« betreiben, kommen auch weniger glamouröse Karrieren zum Vorschein wie die Josef Pollacks und Gus Mannings, zwei Fußballer der ersten Stunde beim FC Bayern München. Im Museum des HSV ist eine Liste jüdischer Vereinsmitglieder einzusehen. Und in vielen der nun erscheinenden Vereinsgeschichten werden jüdische Karrieren aufgeführt. Auch die Ansichten von Sportfunktionären oder einfachen Sportfans werden intensiver beleuchtet. In einem Roman über Walther Bensemann, Gründer der Fußballzeitung »Kicker«, wird die Beziehung zwischen Jüdischsein und Sport eher indirekt dargestellt. Gerade aus der Sicht eines Juden schien signifikant, was Bensemann propagierte: »Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht heute das einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen«. Der amerikanische Kulturhistoriker Peter Gay wiederum äußert sich in seiner Autobiographie aus der Sicht des Fans. Die Zäsur der Machtergreifung durch die Nazis versuchte der damals Zehnjährige zu ignorieren, indem er weiter für Hertha BSC fieberte. Das »Fansein« wurde zur »Therapie« gegen das Trauma. Er konnte fortsetzen, was deutschen Juden verweigert wurde und die Zugehörigkeit zur »Volksgemeinschaft« indirekt aufrechterhalten.
Für Juden, die jenseits des jüdischen Kontexts im Sport ein Mittel fanden, um ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft zu demonstrieren, bedeutete das »Dritte Reich« das Ende dieses Traums. Die aktiven Sportler wurden aus den Vereinen ausgeschlossen, die jüdischen Fans aus der Fan‐Gemeinschaft. Wie dieser Ausschluß auszusehen hatte, formulierte der »Völkische Beobachter« kurz vor den Olympischen Winterspielen 1936: »In der Führung der Verbände machten sich Juden breit.(…) Ach, die Sportpresse! Juden, und Judenknechte. (…)Hier setzte unsere Arbeit ein. Ausmisten hieß die Parole!«
Eine beträchtliche Zahl deutscher Juden war Mitglied in jüdischen Organisationen. Diese hatten eine doppelte Funktion: Sie trugen zur Gestaltung der kollektiven jüdischen Sub‐Identität bei und förderten gleichzeitig die Aufnahme der Juden in die deutsche Gesellschaft.
Nach dem Ersten Weltkrieg und angesichts des erstarkenden völkischen Antisemitismus sahen Juden sich veranlaßt, ihren Anspruch auf Gleichberechtigung und die »Zugehörigkeit zum Deutschtum« mit Hilfe jüdischer Organisationen Nachdruck zu verleihen. So entstand der »Reichsbund jüdischer Frontsoldaten« (RjF), der den »Schmelztiegel‐Charakter« des Fronterlebnisses hervorheben wollte. Dementsprechend pflegte der RjF auch den Sport und gründete 1925 den Verein »Schild«. Nach »außen« sollten die jüdischen Sportler perfekte Deutsche sein, nach »innen« sollte das jüdische Selbstbewußtsein gestärkt werden. Sport war dabei ein wichtiges Element.
Im Gegensatz zu den Zionisten betrachtete man in »assimiliatorischen« Kreisen die Diasporajuden nicht automatisch als körperlich schwach. Davon zeugten doch historische Beispiele wie die Makkabäer. In der Zeitung des »Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten« schrieb Felix Theilhaber 1924 unter dem Titel »Sport tut Not«: »Der schwache, verlachte Jude ist erwacht.« 1933 faßte ein Mitglied des »Schild« zusammen: »In der Diaspora wurde (…) der Sinn für Körperkultur und Heldenhaftigkeit erhalten.« Das war als Reaktion auf die antijüdische Politik des NS‐Regimes gemünzt und brachte eine Position zum Ausdruck, die im Kampf um Selbstbehauptung und gegen Antisemitismus in deutschen nicht‐zionistischen Kreisen herrschte. Daß es tatsächlich nicht um eine Randerscheinung ging, bemerkte das »Jüdische Familienblatt« im Jahr 1928: Die jüdischen Sportorganisationen seien »geistig und zahlenmäßig die stärkste Vereinigung jüdischer Men‐ schen« geworden. »Die Führer des Judentums müssen lernen, die sportliche Bewegung als eine Macht einzuschätzen.« Während der Weimarer Republik funktionierte das »Doppelprogramm« von »Schild« oder »Hakoah«: Man gehörte einem jüdischen Verein an, konkurrierte aber mit den anderen Vereinen als Teil der deutschen Sportbewegung.
Das wurde vom NS‐Régime zerstört. Für die in Vereinen organisierten jüdischen Sportler gab es einen gewissen »Trost«: Sie konnten ihre Aktivitäten im internen Wettbewerb weiterbetreiben und »durften« dazu noch die jüdischen Sportler aufnehmen, die aus den »deutschen« Vereinen ausgeschlossen worden waren. Zahlenmäßig konnten sich diese Vereine ab 1933 sogar regenerieren und mit den national‐jüdischen Sportvereinen konkurrieren. Doch es war eine Erholung kurz vor dem Ende. Daß die Hochspringerin des »Schild«, Gretel Bergmann, 1936 deutsche Rekordhalterin war, trug zwar erheblich zur Selbstachtung deutscher Juden bei. Aber an den Olympischen Spielen durfte sie nicht teilnehmen. Eine »Volljüdin« als deutsche Goldmedallien‐Trägerin war im »Dritten Reich« nicht akzeptabel.
Assimilierte Juden benutzten also den Sport, um über eine jüdische Kollektividentität den Anschluß an das deutsche Kollektiv herbeizuführen. Nationaljuden benutzten ihn, um über ihre sekundäre deutsche Identität hinaus die Zugehörigkeit zum jüdischen Kollektiv als Nation zu bestätigen. Beide fusionierten deutsche und jüdische Identitätsmerkmale im Sport, um ihre Ziele zu erreichen.
Für die nationaljüdische Turnbewegung hieß das Ziel von Anfang an: »Wir wollen… die alten jüdischen Ideale (…) wieder zur Geltung und zu Ehren bringen.« Turnen und Sport (sind) stets nur Mittel zum Zweck.« Nationaljuden beziehungsweise Zionisten hatten den relativen Vorteil des Sports noch höher geschätzt als Juden, die nicht der jüdischen Nationalbewegung angehörten. Für sie galt Sport als »Sprungbrett in die Zukunft«. 1909, noch vor dem Ersten Weltkrieg, war der legendäre Verein »Hakoah Wien« entstanden, dessen Fußball‐Mannschaft sich 1925 die österreichsche Meisterschaft holte. Ein Jahr zuvor war S.C. Hakoah Berlin gegründet worden, der innerhalb von vier Jahren auf 800 Mitglieder wuchs und dann zum Nationaljudentum »übertrat« und mit Bar‐Kochba Berlin fusionierte. Der Weg zur Umsetzung der nationaljüdischen Idee über den Sport schien höchst effektiv zu sein. Mit besonderer Begeisterung registrierte man Erfolge, die man auf deutsche Tugenden wie Kampfkraft zurückführte.
Es war eine bittere Ironie der Geschichte, daß das »Dritte Reich« dem zionistischen Sport und dem Zionismus in Deutschland womöglich Vorschub leistete, weil sich der Antisemitismus der Nazis von Anfang an die anti‐assimilatorische Tendenz des Zionismus hatte zu Nutzen machen können. Man hatte ja die eigenen Vereine, Organisationen und den internen Wettbewerb. Nun kam allerdings noch ein neuer Wettbewerb hinzu: gegen die nicht‐zionistischen Vereine. Es ging in diesem Wettbewerb vor allem um die Frage, wer die meisten aus den »arischen« Vereinen entfernten jüdischen Sportler aufnehmen konnte: »Schild« oder Makkabi? Beide erreichten bis 1935 eine Mitgliederzahl von etwa 20.000. Der Erfolg aber war ein Pyrrhus‐Sieg. Das Régime versuchte, Juden zu isolieren. Die Renaissance des jüdischen Sports wie des jüdischen Kulturlebens war nur eine Folge dieser radikalen Politik des Ausschlusses. Nach der Pogromnacht von 1938 gab es weder Illusio‐ nen noch jüdische Sportvereine.

Der Autor ist Direktor des »Richard‐Koebner‐Center for German History« an der Hebräischen Universität Jerusalem.

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