Purim

Knapp daneben

null Foto: Ben Gershon

Für den zwölfjährigen David ist Purim eines der schönsten jüdischen Feste. Die ausgelassene Stimmung, das Verteilen der Geschenke und die Kostüme treffen genau seinen Geschmack. Vor allem die Verkleidungen haben es ihm angetan.

An jedem Purim findet in der Synagoge nach dem Gottesdienst eine Gemeindefeier statt. Die schönste Verkleidung wird mit 200 Euro prämiert. Dieses Jahr hat sich David für die Comic-Figur »Sasuke Uchiha« entschieden, eine Gestalt aus dem Manga-Universum. Allein am Schwert hat David 20 Stunden gebastelt. Für die Schminke ist seine ältere Schwester zuständig. Die unterbricht dafür sogar ihre stundenlangen Telefongespräche: »Du, ich muss kurz unterbrechen. Süß, ich helfe meinem kleinen Brüderchen beim Schminken!«

An Purim geht die ganze Familie nachmittags in die Synagoge. Dort wird die Megillat Esther gelesen, und dann tragen ein paar Männer runde Tische in den Saal. Davids Familie sitzt neben Familie Orowitsch. Herr Orowitsch, ein kräftiger Russe, sagt zu Davids Vater: »Komm Matthias, trink Wodka – es ist Jom-Tov!«. Der Vater guckt ängstlich zur Mutter hinüber. Die verschränkt ihre Arme und schaut missbilligend weg. Sie ist ehrenamtliche Präsidentin in einem Hilfsprogramm für Alkoholiker. »Ja, ich trinke«, zischt er zu Herrn Orowitsch, »es ist Jom-Tov!« Leider hat er mehr getrunken, als er verträgt.

David ist das peinlich. Jetzt bemerkt er auch die Tochter von Herrn Orowitsch: Mascha. Sie ist als Königin Esther verkleidet. Ein billiges Kleidchen umspannt ihren massigen Körper. David sieht, dass die beiden oberen Knöpfe dem Druck nicht standgehalten haben und abgesprungen sind. Verlegen blickt er auf den Boden. Da flüstert seine Mutter: »Oh, guck David, da ist ja Mascha aus deiner Religionsklasse.« – »Ich weiß, Mutti, lass das bitte!« Seine Mutter will ihm nämlich immer jüdische Freundinnen aussuchen. Dabei ist er eigentlich schon ein bisschen in Sarah verliebt. Schade, dass sie heute nicht da ist.

Nur Mascha ist da und sitzt ausgerechnet ihm gegenüber! Sie guckt ihn die ganze Zeit verstohlen an. Wie das Mädchen halt so machen. Doch David umklammert fest sein Schwert und wartet sehnsüchtig auf die Preisverleihung. Doch das dauert!

Inzwischen ist Davids Vater beim dritten Wodka angelangt. Er sollte jetzt wirklich langsam Schluss machen. Doch er scheint in Herrn Orowitsch einen neuen Freund gefunden zu haben. Der kippt den Wodka wie Wasser runter, doch Davids Vater fängt langsam an zu lallen. Der wird zu Hause was zu hören bekommen!

Sasuke Uchiha alias David mustert derweilen die Kostüme der anderen. Sein kleiner Bruder ist als finsterer Haman verkleidet, Michael als Polizist, Jonas als Rabbiner und Frau Orowitsch als Kopfsalat (wie peinlich!). »Sieht gut aus für mich«, denkt sich David. Mit den 200 Euro will er ein neues Handy und eine neue Grafik-Karte für den Computer kaufen.

»Rabotaj – Liebe Gäste!«, wird David in seinen Gedanken unterbrochen, »der Rabbiner möchte sich kurz an Sie wenden«. Auf der Bühne steht der kleine Rabbiner und spricht zur Gemeinde. Sie sollen bitte nicht nur an Purim in die Synagoge kommen, sondern das ganze Jahr hindurch. Ob seine Worte vernommen werden? Die Wodka-Flaschen scheinen beliebter zu sein als das Beten.

Endlich steigt der Gemeindevorsizende mit einer roten Nase auf die Bühne. Gleich wird er den Gewinner bekannt geben und ihm 200 Euro aushändigen: »Liebe Anwesende. Wie jedes Jahr möchten wir am Ende der Veranstaltung die Verkleidungen prämieren. Auch dieses Jahr war es wieder sehr schwierig, einen Gewinner oder eine Gewinnerin zu ermitteln. Eigentlich haben ja alle gewonnen. Doch wir haben uns für Mascha Orowitsch, die bezaubernde Königin Esther, entschieden – Masel Tov!«

»Was?!« David kann es nicht fassen. »Diese Presswurst in dem 10-Euro-Kostüm?« Davids Vater blinzelt ihm zu: »Na, siehste, Sohnemann, Frauen gewinnen immer. Das gehört zur Ungerechtigkeit des Lebens!« David muss rausgehen und Luft schnappen. So ein Beschiss! Er nimmt sein Sasuke-Uchiha-Schwert und stößt den Papierkorb um. Da läuft ihm der kleine Jonathan entgegen: »Mama, mach ein Foto von mir und dem Indianer da!« – »Ich bin kein Indianer, sondern Sasuke Uchiha«, schnauzt David ihn an. Aber er lässt sich dann doch bereitwillig ablichten. Und schon kommen der siebenjährige Yves, der sechsjährige Moritz und, und, und.

Langsam scheint es ihm zu gefallen. Er blickt finster in die Kameras und wirft sich in Pose. »Keine 200 Euro gewonnen«, denkt sich David, »aber den Publikumspreis habe ich sicher.« Ein wenig stolz geht er an den Tisch zurück. Doch mit anzusehen, wie Mascha mit dem 200-Euroschein in der Luft rumwedelt, tut ihm weh. »Na warte«, denkt er sich, »dann komm ich nächstes Jahr halt auch wieder als Mordechai.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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