Kulturtage

Klesmer in Chemnitz

von Uwe Rechtenbach

Mehr als 35 Veranstaltungen bestimmen das Programm der derzeit laufenden 17. Auflage der Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz, die an diesem Donnerstag gleich mit vier Angeboten aufwarten. Während am Nachmittag eine thematische Führung zu 60 Jahren Israel in den Fundus der Chemnitzer Stadtbibliothek lädt, wird am Abend im jüdischen Restaurant Schalom die Frage geklärt, was sich hinter dem Begriff der koscheren Küche verbirgt. Dazu lässt sich gleich noch testen, wie das erste sächsische koschere Pils namens Simcha (Freude) schmeckt.
Wer sich für das Jüdische in der Literatur interessiert, kann sich zu einem Vortrag des Judaisten Peter Ambros im Chemnitzer Evangelischen Forum einfinden. Cineasten dürfen sich auf eine Veranstaltung zum Thema Israel im Spiegel seines Kinos freuen. Dieses Programm spiegelt in den Augen von Uwe Dziuballa, Vorsitzender des Chemnitzer deutsch‐israelisch‐jüdischen Vereins „Schalom“, all die Möglichkeiten, wie man sich mit jüdischem Leben in und außerhalb Deutschlands beschäftigen kann. Er sei auch im 17. Jahr der Tage der jüdischen Kultur noch längst nicht ausgeschöpft, sagt Dziuballa.
Wohl auch deshalb sind Nachfrage und Neugier der mehr als 7.000 erwarteten Gäste ungebrochen und fast alle Veranstaltungen bereits im Vorfeld ausgebucht. Für Egmont Elschner, Mitglied der mitverantwortlichen Deutsch‐Israelischen Gesellschaft, ist es nicht nur eine Freude, zu sehen, wie erneut Tausende zu den Veranstaltungen strömen, sondern auch zu beobachten, dass sich seit der Erstauflage viel an Inhalt und Ausgestaltung des jährlich wiederkehrenden Events verändert hat. Denn auch wenn weiterhin vor allem Klesmer‐Klänge einen Großteil der Veranstaltungen bestimmen, haben sich Aspekte aus Geschichte, Politik, Kunst und Religion inzwischen als ebenbürtige Themen etabliert. Und so ist es für Elschner auch kein Wunder, dass der Auftakt am Vortag der Eröffnung der Tage der jüdischen Kultur so viel Publikum anlockte, dass nicht genügend Platz für alle geschaffen werden konnte, die dem Podiumsgespräch mit Justin Sonder und dem ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Chemnitz, Siegmund Rotstein, beiwohnen wollten. Die zwei Chemnitzer Juden des Jahr‐ gangs 1925 gehören zu den wenigen verbliebenen Zeitzeugen, die die Haft in den Konzentrationslagern der Nazis überlebten und nach Chemnitz zurückkehrten.
Zudem sieht auch der Chemnitzer Ex‐Oberbürgermeister Peter Seifert einen Wandel der von ihm vor Jahren mit angeschobenen Veranstaltungsreihe: „Es ist uns gelungen, die immens gewachsene Jüdische Gemeinde Chemnitz zur aktiven Mitgestaltung zu bewegen, was dazu geführt hat, dass die Veranstaltungen im Gegensatz zu den Anfangsjahren bedeutend mehr lokale und regionale Charakterzüge tragen“, so Seifert. Das lässt sich nicht zuletzt am Beispiel der heute anstehenden Ausstellung „Mein Schtetele“ illustrieren, bei der Chemnitzer jüdische Künstler und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion Malerei und Grafik zum Thema Chemnitz in der Galerie artEck präsentieren. Auch das viele Jahre bei der Organisation und Ausrichtung der jüdischen Kulturtage federführend agierende Evangelische Forum Chemnitz konnte seine Arbeit mehr und mehr an jüdische Partner delegieren.
Dennoch wäre der heutige Stand ohne den verstorbenen Chemnitzer Pfarrer Mathias Wild nicht denkbar, der es sich zu einer Lebensaufgabe gemacht hatte, die Tage der jüdischen Kultur zu einem festen Bestandteil des Chemnitzer Kultur‐ und Geisteslebens werden zu lassen. Neu in der Riege der Organisatoren ist der jüngst gegründete Verein „Judentum begegnen“, der sich zurzeit vor allem aus Lehrern zusammensetzt und sich künftig stark an der Organisation und Finanzierung der „jüdischen Tage“ beteiligen will.
Auf positives Echo stieß die Rückkehr der Eröffnungsveranstaltung in die Chemnitzer Kunstsammlungen (derzeit Bob‐ Dylan‐Ausstellung), nachdem die Orte in den Vorjahren mehrfach gewechselt hatten. Diese Heimkehr nutzte das Haus gleich dazu, Arbeiten des ehemaligen Chemnitzers Hans Günter Flieg zu zeigen, der 1939 nach Brasilien emigrierte und mit seinen Werken zu den bedeutendsten deutschstämmigen Fotografen zählt. Er wird seiner Heimatstadt allerdings erst im April einen Besuch abstatten.
Ebenfalls fest in die Tage der jüdischen Kultur integriert: die neue Chemnitzer Synagoge, die Bestandteil des 2002 eingeweihten jüdischen Gemeindezentrums ist. Dort wird am Freitag auch zu einem Gottesdienst und am Samstag sowie Sonntag zu einem wissenschaftlichen Symposium geladen, das sich mit dem Thema „Erinnerungen an nicht Erlebtes – die zweite und dritte Generation nach der Schoa“ beschäftigen will. Bis dahin werden dann auch das Chemnitzer Opernhaus, Schauspielhaus sowie das Kulturkaufhaus Tietz Gastgeber für klassische Werke des Komponisten Arnold Schönberg, ein Kaleidoskop zum Schaffen der Poetin Mascha Kaleko sowie einen Schnupperkurs für Hebräisch gewesen sein. Das Abschlusskonzert bestreitet am Sonntag der Chor der heute weit mehr als 600 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde Chemnitz, der hebräische, jiddische, russische und deutsche Lieder zu seinem Repertoire zählt. Wirklich zu Ende ist die Begegnung mit dem Judentum damit aber noch nicht. Denn schon einen Tag darauf gastiert der Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano mit einer Autorenlesung im Kulturkaufhaus Tietz.

Nähere Infos: www.tdjk.de

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