Gemeinde

Klein, fein, Bahrain

von Larry Luxner

Wenn man die einzige Synagoge im Persischen Golf sehen will, kommt man nach Bahrain – das winzige Insel‐Königreich, das durch den 25 Kilometer langen King Fahd Causeway mit Saudi‐Arabien verbunden ist. Man sollte jedoch nicht erwarten, in diesem Land der Moscheen und Minarette koschere Restaurants und Jeschiwas vorzufinden: Lediglich 36 der 700.000 Einwohner Bahrains sind Juden.
Das ist nicht viel, doch diese drei Dutzend Menschen sind die einzige bekannte jüdische Gemeinde in allen sechs Ländern, aus denen der Golf‐Kooperationsrat (GCC – Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi‐Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate) besteht. »Die Gemeinde lebt recht glücklich«, sagt die 31jährige bahrainische Jüdin Nancy Khedouri. »Die Menschen sind sehr freundlich. Ich bin hier zur Schule gegangen, und alle meine Kindheitsfreunde leben hier. Sie haben mich immer als Jüdin respektiert. Es ist eine sehr offene Gesellschaft.«
Bahrain, der kleinste der 22 Mitgliedstaaten der Arabischen Liga, ist etwas kleiner als New York City. Seinen Wohlstand verdankt es den riesigen Erdölvorkommen. Die Hauptstadt Manama ist eine moderne, verkehrsreiche Metropole, mit glitzernden Bürotürmen, Banken und Ein‐ kaufspassagen. Das Pro‐Kopf‐Einkommen liegt bei stabilen 19.000 Dollar im Jahr. Das ist allerdings weniger als in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, den reicheren Nachbarn, denen es eher gelungen ist, ihre Wirtschaft durch die Sektoren Tourismus und finanzielle Dienstleistungen zu diversifizieren.
In den GCC‐Ländern lebt zwar eine unbekannte Zahl ausländischer Juden, die für die Regierung oder Privatunternehmen arbeiten, doch die einzige jüdische Gemeinde, die es im Golf je gegeben hat, ist die in Bahrain. Bahrainische Politiker sind stolz auf diese Tatsache und wiesen während vorbereitender Gespräche für ein Freihandelsabkommen mit den USA eigens darauf hin. Um die Zustimmung zu erhalten, erklärte sich Bahrain 2004 damit einverstanden, den Boykott von Firmen, die geschäftliche Beziehungen nach Israel unterhalten, aufzuheben.
Nancy Khedouri, die an einem Buch über das jüdische Leben in Bahrain schreibt, berichtet, daß früher bis zu 1.500 Juden in Bahrain lebten, die fast alle aus dem Irak gekommen waren. Den Anfang machte in den 1880er Jahren die Familie Yadgar. Die Yadgars brachten es durch den Handel mit Textilien zu Wohlstand. Eine weitere prominente jüdische Familie, die Nonoos, machte ihr Vermögen im Bankgeschäft, und die Khedouris sind Bahrains führender Importeur von Tischdecken und Bettwäsche. Der Elektronik‐Fachhändler Rouben wurde 1954 in eine sephardische jüdische Familie aus Bagdad geboren. »In den 1930er‐ und 1940er Jahren hieß die Gegend um die Al‐Mutanabi Road ‚Judenstraße‘, weil es viele Läden mit jüdischen Besitzern gab«, erzält Rouben. »Am Samstag waren alle Läden wegen des Schabbats geschlossen.«
Die Lage änderte sich 1948 mit der Gründung des Staates Israel. Es kam zu Krawallen, die Synagoge wurde angezündet, und die meisten Juden aus Bahrain wanderten nach Großbritannien aus. Noch in den 1960‐ er Jahren lebten 200 bis 300 Juden im Land. Doch nach 1967 – als in Folge des Sechstagekriegs erneut antiisraeliche Krawalle ausbrachen – endete die jüdische Gemeinde und das Gemeindeleben in Bahrain.
Heute versammeln sich die Juden des Landes nur noch selten, sagt Khedouri. Die letzte jüdische Beerdigung war im Jahr 2001, und sie schafften es gerade, dafür einen Minjan zusammenzubekommen. »Die Gemeinde stirbt aus«, sagt sie. »Wir haben keinen Rabbiner, daher müssen alle religiösen Zeremonien im Ausland stattfinden. Die meisten jüdischen Menschen, die noch in Bahrain leben, sind ledig. Sie können hier keinen Partner finden, und es gibt nur sehr wenige Fälle von Mischehen zwischen Juden und Arabern.«
Der inoffizielle Wortführer der Gemeinde ist Abraham David Nonoo, der auch Mitglied des 40‐köpfigen parlamentarischen Rats Bahrains, al‐Schura, ist. Nonoo, der für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, hat vor nicht langer Zeit die Renovierung der Synagoge aus eigenen Mitteln finanziert. »Als das Dach einzustürzen begann, beschlossen wir, die Synagoge innen und außen zu renovieren«, sagt Rouben. »Es hatte eine Zeit gegeben, als die Gemeinde das Gebäude für einen anderen Zweck verwenden oder einer Wohltätigkeitsorganisation schenken wollte, doch das ließ die Regierung nicht zu. Sie bestand darauf, es als Synagoge zu erhalten.«
Das Gebetshaus zu finden ist nicht leicht, weil nichts darauf hinweist, daß es sich um ein jüdisches Gotteshaus handelt. Selbst Khedouri hatte Schwierigkeiten, das unauffällige beige Gebäude an der Sasa’ah Avenue in einem ärmlichen Geschäftsviertel von Manama auszumachen.
Tatsächlich ist das einzige Zeichen ein blau‐weißer Aufkleber an der Eingangstür der Synagoge mit dem arabischen Wort »la« – »nein« quer über der US‐amerikanischen und israelischen Flagge und einer Botschaft auf Arabisch: »Jeder Dinar, den man für amerikanische Waren ausgibt, bezahlt für die Tötung eines Palästinensers. Jeder Dinar, den man für das palästinensisches Volk ausgibt, hilft, seine Rechte wiederherzustellen.«
Ladenbetreiber beobachteten den Reporter misstrauisch, als er von der Synagoge Aufnahmen macht. Das Gebäude ist – genau wie der jüdische Friedhof am Rand der Stadt – stets verschlossen. Der linksgerichtete Knessetabgeordnete Yossi Sarid allerdings hatte beiden Orten in den frühen 1990er Jahren, als eine Lösung des arabisch‐israelischen Konflikts unmittelbar bevorzustehen schien, einen Besuch abgestattet. Ohne großes Aufheben hatte der jüdische Staat in Oman und Katar, zwei moderaten arabischen Ländern, die reif für den Frieden schienen, Handelsvertretungen eröffnet.
»Dann begann die Intifada, und die Entwicklung kehrte sich um«, sagt Rouben. Er berichtete, daß die Handelsvertretung in Oman in Folge der Feindseligkeiten schloß, das israelische Büro in Katar aber für interessierte Geschäftsleute geöffnet blieb. Rouben, der in seinem Laden in der Innenstadt Fernseher, DVD‐Player, Kopierer, Faxgeräte und Küchengeräte verkauft, meinte: »95 Prozent meiner Kunden sind Bahrainer, und die Regierung ist unser wichtigster Großkunde. Ich habe niemals irgendeine Art von Diskriminierung erfahren.«
Sein 19jährige Neffe Daoud Rouben, studiert Architektur am Massachusetts Institute of Technology. Von Daouds beiden Schwestern studiert eine in Cambridge, die andere besucht mit Hilfe eines Stipendiums der bahrainischen Regierung die London School of Economics. »Ich glaube, viele Menschen haben die Vorstellung, der Nahe Osten sei voller Spannungen zwischen Arabern und Juden«, sagt Daoud Rouben, der auf Besuch zu Hause ist. »Aber wenn ich hier die Straße entlang‐ gehe, wissen die Menschen nicht, wo ich herkomme. Sie halten mich einfach für einen Bahrainer.« Die einzige Einschränkung, sagt der ältere Rouben, bestehe darin, daß er nicht nach Israel reisen darf. Er behauptet aber, er würde sowieso nicht reisen wollen, solange zwischen Arabern und Juden kein Frieden herrsche. Khedouri meint, sie fühlte sich genauso. »Wir waren noch nie in Israel, wir kennen niemanden dort, und mit unseren bahrainischen Pässen dürfen wir nicht nach Israel fahren«, sagt sie. »Was uns betrifft, so tun wir nichts, was die Regierung nicht zuläßt. Wir sind gesetzestreue Menschen.«
Rouben sagt, daß er selbst während des jüngsten Kriegs zwischen Israel und der Hisbollah keine Schwierigkeiten hatte. »Wir sind eine so kleine Gemeinde, und jeder weiß, wer wir sind. Sie könnten mir den ganzen Reichtum der Welt schenken, ich würde dieses Land nicht verlassen. Für mich ist es Heimat.« Zögernd fährt er fort: »Die Regierung sagt nicht: ‚Du bist Jude, du darfst dieses nicht tun, du darfst jenes nicht tun.‘ An dem Tag, an dem sie es sagt, werde ich meine Koffer packen.«

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