Kohanim

Kleider machen Priester

von Rabbinerin Irith Shillor

»Und du sollst heilige Gewänder für deinen Bruder Aaron machen, zur Ehre und zum Schmuck ..., daß sie die Gewänder Aarons machen, um ihn zu weihen, daß er mir als Priester diene, ... und du sollst damit deinen Bruder Aaron bekleiden und seine Söhne mit ihm, und sollst sie salben und in ihr Amt einsetzen und sie weihen, daß sie mir als Priester dienen.« (2. Buch Moses 28; 2, 4, 41)
Die Priester – Kohanim – scheinen besondere Gewänder bekommen zu haben. An ihrer Kleidung widerspiegelt sich der Mischkan mit seinen Ausschmückungen, so daß die Priester mit ihrer Umgebung verschmelzen. Der Mischkan sticht durch seine einzigartige äußere Gestaltung hervor, und dasselbe gilt auch für die Erscheinung der Priester. Ist diese Parallele nur Zufall? Die Anweisungen für die Bekleidung der Priester werden gleich zwei Mal wiederholt, woraus wir schließen müssen, daß sich hier eine tiefere Bedeutung verbirgt. Überdies wird Moses’ Name in jedem Abschnitt der letzten vier Bücher der Tora genannt, mit einer einzigen Ausnahme: dem Abschnitt dieser Woche, Tetzaweh. Moses war der unbestrittene Führer der Israeliten in der Wüste, und dieser Wochenabschnitt unterstreicht, indem sie seinen Namen vollständig ausspart, daß die Priester die unbestrittenen »heiligen Gefäße« der jüdischen Gottesverehrung sind.
Wir wissen nichts von den Priestern, nur von Aaron hören wir. Selbst von seinen beiden Söhnen, die ihm als Priester nachfolgten, wissen nicht mehr als ihre Namen. Die Kohanim gehören zur Aristokratie, da sie ihr Amt nicht auf der Basis von Verdiensten erhalten, sondern als Erbe übernehmen. Wir wissen nicht, ob sie weise waren oder Führungsqualitäten besaßen. Nach allem, was wir wissen, hätten sie auch völlig ungeeignet für ihr Amt sein können! Wir wissen nur, daß sie zum Priesterstamm, dem Stamm Levi gehörten. Um ihre Individualität noch weiter zu verbergen, verschmelzen sie durch ihre Gewänder mit der Umgebung.
Die Priester werden zu »Werkzeugen des Gottesdienstes« (klei avoda), wie Samson Raphael Hirsch in seinem Kommentar lehrt. Er hält Folgendes fest: Erstens bedeutet lechahano li – mir zu dienen (2. Buch Moses 28, 1-4) immer, daß jemand in das Amt des Priesters eingesetzt wird, nicht, daß jemand Priester ist. Zweitens sind bigdei kodesch – heilige Gewänder – (28, 2) »Gewänder des Heiligtums« und weisen ihre Träger als im Dienst des Heiligtums stehend aus. Drittens bezieht sich der Ausdruck lekawod – zur Ehre in der Regel auf den spirituellen und moralischen Einfluß, den eine Person auf andere ausübt (da »Ehre« und »Gewicht« – hier im Sinne von »Einfluß« – dieselbe Wurzel k-w-d besitzen), und hier liegt denn auch der »wirkliche Charakter der Gewänder«. Der mittelalterliche Kommentator Ramban führt den Tanach an, um zu zeigen, bei welchen Gelegenheiten Könige und andere hochgestellte Persönlichkeiten ähnlich wie die Hohepriester gekleidet waren. Er kommt zu dem Schluß, der Sinn der Gewänder des Kohen habe schlicht und einfach darin gelegen, diesem in den Augen des Volkes Israel Würde zu verleihen.
Wenn der Priester im Mischkan als Individuum erkennbar ist, könnte das von seinem Dienst, avodat hakodesch, ablenken? Ein Priester könnte seiner Arbeit seinen eigenen Stempel aufprägen, was eindeutig nicht wünschenswert wäre. In diesem Fall würden sich die Betenden nicht auf den Mischkan oder auf das Ritual, sondern auf den Priester konzentrieren. Sie würden im Ritual durch die Persönlichkeit des Priesters Bedeutung erblicken und nicht durch die Konzentration auf das Ritual selbst. Die Priester sind aber nur Werkzeuge, nicht Gegenstände der Verehrung.
Wie sieht es nun mit dem Rabbiner aus, der vor der Gemeinde steht? Den Tempel gibt es nicht mehr, und das Priesteramt auch nicht. Sind Rabbiner die Priester unserer Tage? Die Antwort auf diese Frage lautet eindeutig nein. Erstens ist die Synagoge nicht eine Art kleiner Tempel, sie hat vielmehr eine ganz andere Funktion. Die Synagoge soll als Versammlungs- und Studienort dienen. Sie dient der Gottesverehrung nicht nur durch das Ritual.
Der Rabbiner ist auch kein Kohen, sondern in erster Linie ein Lehrer. Wir alle sind von außerordentlichen Lehrerpersönlichkeiten inspiriert worden, und Rabbiner sind nichts anderes. Bei ihnen suchen wir Anregung und Ermutigung. Die Priester waren der Geburtsadel des Volkes, und es bestand immer die Gefahr, daß man sie über die Normalsterblichen erhob. Deshalb trugen sie Gewänder, die sie anonym machten. Rabbiner sind ganz gewöhnliche Menschen, die, wie wir hoffen, durch Verdienst führen. Sie mögen gebildet und kenntnisreich sein, aber sie sind Menschen wie wir. Vielleicht aus diesem Grund sieht man heute nicht mehr so oft Rabbiner in Roben.
Schließlich haben sich die Menschen geändert. Wir sind nicht mehr die Israeliten, die Gott mit Opfergaben verehrten und dafür Priester brauchten. Wir sind Juden, die bei ihren Rabbinern Inspiration suchen. Für uns macht nicht die Kleidung den Rabbiner, und seine Kleidung verbirgt ihn uns auch nicht. Wir wollen unseren Rabbiner gern kennen, mit ihm diskutieren, von ihm lernen. Ist uns nichts lieber als ein gutes Argument – und mit wem lassen sich besser Argumente austauschen, als mit jemandem, der fast so viel über das Judentum weiß wie wir selbst?

Tezawe: 2. Buch Moses 27,20 - 30,10

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