Synagoge

Klausenburger Cocktail

von Laura Capatana‐Juller

Das Kulturzentrum Tranzit im rumänischen Siebenbürgen lockt heute nationale und internationale Kunst ans Ufer des Somesch‐Flusses. Ob aus Deutschland, der Schweiz, Ungarn oder Amerika – regel‐ mäßig treffen Maler, Sänger, Schauspieler, Schriftsteller, Journalisten oder Studenten hier zusammen. Daß das Kulturhaus eine renovierte Synagoge ist, sieht man sofort. Und die meisten finden es schick.
„Wir haben absolut kein Problem damit. Im Gegenteil – das Haus, so wie es jetzt ist, eignet sich hervorragend für Konzerte. Es ist ein neutraler Ort für Klausenburg“, sagt Richard Constantinidi, Manager der Rockband „Bitter Moon“ aus Ru‐ mänien. „Irgendwie ist diese Kombination extrem interessant – Synagoge und Party, der siebenarmige Leuchter und Champagner, Davidsterne und Rauchen. Verrückt und schick!“, wundert sich eine Studentin, die hier Stammkundin ist.
Die Davidsterne an den Fenstern, die Menora über dem Eingang und die mit jüdischen Symbolen bemalte Decke halten die Geschichte des Hauses lebendig. Die Tora und andere heilige Gegenstände sollen nach dem Zweiten Weltkrieg durch Moses Rosen, den damaligen Oberrabbiner von Rumänien, gerettet und als Geschenk nach Israel geschickt worden sein. Der Gebetsraum wurde freigeräumt und sieht bei jeder Veranstaltung anders aus. Die Vorderfront des Hauses wurde grellbunt angemalt, der jahrelang verwilderte Hof zum grünen Garten umgestaltet.
„Das Gebäude stand leer, hatte weder Wasser‐, noch Gasleitung, Strom, oder Toilette. Es war in einem unwahrscheinlich schlechten Zustand, als wir mit dem Tranzit‐Projekt angefangen haben“, erzählt Csilla Könczei, Leiterin der Stiftung. Dank ehrenamtlicher Helfer, dem Geld des Stiftungsfonds und später mit internationaler Unterstützung aus dem PHARE‐Fonds der Europäischen Union konnte sich das Tranzit‐Projekt über Wasser halten. Die Reparatur der Synagoge zog sich über mehrere Jahre hin. Immer wenn Geld da war, wurde weitergebaut, und ein Ende ist noch lange nicht abzusehen, denn die Decke der Synagoge ist beschädigt, der Putz mit den wertvollen Malereien droht abzubröckeln. Die Zeit drängt, mahnen Experten.
Rund 520 Juden leben noch in der Stadt am Somesch, knapp 0,2 Prozent der Bevölkerung, im Vergleich zu rund 18.000 vor der Schoa. Die meisten Gemeindemitglieder sind ältere Leute, wobei die wenigen Kinder aus Ehen zwischen Juden und Christen stammen. Obwohl das jüdische Krankenhaus, das rituelle Bad, der Sportklub mit eigenem Fußballfeld oder das Philharmonie‐Orchester heute nicht mehr existieren, zählt Klausenburg immer noch zu den bedeutendsten Gemeinden des Landes.
Sefardische, konservative und orthodoxe jüdische Gemeinden waren einst in Klausenburg vertreten – jede mit eigenen Synagogen. Heute treffen sich alle Juden des ganzen Kreises Klausenburg in der einzigen Synagoge, die heute noch zu religiösen Zwecken genutzt wird. Der „Tempel der Deportierten“ ist zu großen Festen sehr gut besucht. „Diese Synagoge und ein Gebetshaus reichen der Gemeinde vollkommen aus, und das Geld zum Reparieren der anderen Häuser fehlt“, sagt der Präsident der jüdischen Gemeinde, Gavril Goldner. Von den sechs Synagogen die in der Stadt vor dem Krieg standen, wurden zwei von den Kommunisten abgerissen, die anderen sind jetzt vermietet oder verkauft.
Die „Poalei Tzedek“-Synagoge wurde 1921 vom Verein jüdischer orthodoxen Handwerker aus Klausenburg gegründet. Sie war Teil eines architektonischen Komplexes, zu dem auch ein Altenheim für Handwerker und deren Familien gehörte. Die Synagoge, die wie eine lange Lagerhalle aussieht, verrät, daß das Gebäude ursprünglich für industrielle Zwecke errichtet worden ist. Es wurde dann jedoch als Gotteshaus eingeweiht. Ihre Geschichte ist jedoch turbulent. Bereits ein Jahr nach der Errichtung wurde „Poalei Tzedek“ durch eine Überschwemmung fast gänzlich zerstört. Sie wurde wiederaufgebaut, dann aber 1927 von antisemitischen Studenten schwer beschädigt.
Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde die Synagoge von einer großen Gemeinde besucht, die das kulturelle und ökonomische Leben der Stadt geprägt hat. „Betreut wurde die Gemeinde vom orthodoxen Oberrabiner aus Klausenburg, Akiba Glazer, der auch in den anderen drei orthodoxen Synagogen der Stadt predigte“, erzählt Benjamin Müller, Kultus‐Berater der jüdischen Gemeinde. „1944 wurden Juden aus der ganzen Umgebung in eine Ziegelfabrik gebracht und dann in die Konzentrationslager deportiert. Nicht einmal 1200 sind zurückgekehrt“, berichtet Müller weiter.
„Poalei Tzedek“ ist von den wenigen Juden, die den Holocaust überlebt haben und in die siebenbürgische Stadt zurückgekehrt sind, noch bis 1974 verwendet worden. Die Gemeinde wurde immer kleiner und die Synagoge schloß ihre Turen. Das Gotteshaus war dem Verfall preisgegeben, wie im Falle vieler anderer Synagogen im Land. In den 80er Jahren wurde das Gebetshaus zum Lagerhaus für Kostüme und Dekorationen des Ungarischen Stadttheaters. Danach haben Tauben ihr Heim hier gefunden, der Regen sickerte in die Wände ein, das Dach wurde undicht. Ohne die Tranzit‐Stiftung wäre das Haus wohl endgültig zugrunde gegangen.
Die jüdische Gemeinde, weiterhin Eigentümer der Synagoge „Poalei Tzedek“, hält deshalb zu ihren ungewöhnlichen Mietern. Es gibt die Auflage, das Tranzit‐Haus nur zu kulturellen Tätigkeiten zu nutzen und ein dezentes, respektvolles Benehmen zu bewahren. „Der Vertrag sieht vor, daß in der Synagoge nicht geraucht und kein Alkohol konsumiert werden darf. Bisher gab es keine Probleme“, erzählt Gavril Goldner.
Daß bei Veranstaltungen die Sektgläser klingen oder sich die eine oder andere Nikotinwolke durch die Menschenmenge hochkämpft, wo vor Jahrzehnten aus der Tora gelesen wurde, übersieht er vornehm. Offiziell ist Rauchen und Trinken nur im Hof erlaubt. „Man kann ein Auge zudrück‐ ken, nicht zwei, aber eins“, sagt Goldner lächelnd. Die Tranzit‐Stiftung denkt sogar darüber nach, die Immobilie zu kaufen, kann sich dies aber derzeit nicht leisten. So soll zumindest der im kommenden Jahr auslaufende Mietvertrag um weitere zehn bis 20 Jahren verlängert werden.
„Die Bar des Internetcafes haben wir durch eine falsche Wand vom Gebetsraum abgetrennt. Wir schätzen das Judentum und pflegen die jüdische Kultur“, versichert Stiftungsleiterin Csilla Könczei. Beleg dafür ist das jüdische Kulturprogramm des Tranzit‐Hauses. Konzerte des lokalen „Talmud Tora“-Chors oder der „Di Naye Kapelye Klezmer Band“ aus Ungarn, sowie die Anwesenheit berühmter einheimischer Schauspieler jüdischen Glaubens, wie Maia Morgenstern, sollen die jüdische Kultur in Klausenburg wieder bekanntmachen.
Für die Juden in der Stadt ist das Tranzit‐Haus aber nur eine der Möglichkeiten ihre Kultur zu pflegen und zu erhalten. Besonders aktiv erweist sich die Jugendorganisation der Juden, die seit ihrer Gründung vor sechs Jahren aktiv ist. Neben dem Singen im Chor oder dem Spielen von Theaterstücken wird der jüdische Geist auch durch Seminare, Tanzkurse und Ausflüge wachgehalten. Für die jungen Leute zählt dabei nicht nur der eigene Spaß, sondern auch das Wohl der Senioren. Viele der über 60jährigen leben alleine, haben ihre Familie in der Schoa verloren oder ihre Angehörigen sind nach Israel ausgewandert. Die Rente ist klein, Medikamente sind teuer, Hilfe ist bitter nötig. So sind die regelmäßigen Besuche der rund 50 Mitglieder der Jugendorganisation ein Geschenk Gottes für die Alten.

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