Stuttgart

Kippa erwünscht

von Brigitte Jähnigen

»Wo ist eure Kippa?« Mit strengem Blick schaut Ari Moses auf mehrere unbedeckte Jungenköpfe und entdeckt so auch Marcs bloßen Haarschopf. Marc schnappt seinen Textilbeutel. »Nimm meine Kappe«, sagt Ari Moses liebevoll und setzt das abgebrochene »Shalom alejchem« fort. Mit seinem wohlklingenden Bass fasst der Kantor den uneinheitlichen Kindergesang zusammen.
Nach dem Entzünden der beiden Kerzen fragt er in die Runde der Zweitklässler: »Was ist Schawuot?« Mehrere Zeigefinger schnellen in die Höhe, Marc darf antworten: »Das ist der Tag, an dem die Juden die zehn Gebote bekommen haben.« »Richtig«, lobt der Kantor und fügt hinzu, dass Schawuot mit Pessach und Sukkot zu den drei Pilgerfesten zählt. Das Kinn auf die Hände gestützt, hört Marc aufmerksam zu. Vergessen die Blödelei am Anfang des Kabbalat Schabbat, zu spannend ist die Geschichte über Schawuot, in der die Pilger den Cohenim Dankesgaben in Form von landwirtschaftlichen Produkten in den Tempel von Jerusalem brachten.
Eigentlich mag der achtjährige Marc Sport am liebsten. Doch auch den wöchentlichen Kabbalat Schabbat findet er toll. »Wir singen Lieder, wir lernen kleine Abschnitte aus der Tora, wir hören Geschichten«, zählt er auf. »Für mich ist die Religion noch nicht so wichtig, aber sie könnte vielleicht später wichtig sein, wenn ich erwachsen bin«, denkt der Zweitklässler recht ernsthaft in die Zukunft.
Daniel und Simon sind Marcs beste Freunde in der Schule. »Daniel lebt streng religiös, Simons Vater ist Pfarrer«, stellt Marc seine Kumpels vor. Als Meilenstein für das jüdische Leben in Baden-Württemberg wurde am 8. September vergangenen Jahres die jüdische Grundschule wieder-eröffnet. Die Konzeption sah vor, dass sowohl jüdische als auch nichtjüdische Schüler auf der Schulbank sitzen werden. Inzwischen ist das erste Schuljahr fast geschafft und Landesrabbiner Netanel Wurmser, zugleich Schulleiter, zieht vorsichtig Bilanz: »Ich bin von den guten Impulsen bis hinein in die Gemeinde- und die Seniorenarbeit sehr überrascht.« Die Kinder kämen gern in die Schule, hätten sich an die didaktischen Prinzipien gewöhnt, und dass man beim Ivrit-Unterricht, beim Essen, bei Kabbalat Schabbat und im Fach Religion eine Kippa tragen müsse.
Wer seine Kinder in einer jüdischen Schule anmelde, erwarte jüdisches Leben. Sehr eng sei auch das Verhältnis zwischen den vier Lehrern und 15 Schülern geworden. »Wenn eine Lehrerin krank ist, fragen die Kinder nach«, erzählt Wurmser. Der Stundenplan in der jüdischen Grundschule ist mit dem der staatlichen Schulen identisch und wird nur um Fächer wie Ivrit und Religion ergänzt.
»Nach dem Unterricht gibt es Mittagessen, dann kann ich meine Hausaufgaben hier erledigen, das ist doch toll, wenn ich zu Hause nichts mehr zu tun brauche, oder?« sucht Marc nach Zustimmung. Marc will Arzt werden. Bis dahin wird er vielleicht auch seinen internen Krieg mit den Fächern Deutsch und Mathematik aufgegeben haben. »Ich mag die deutsche Sprache, aber mit der Grammatik klappt es nicht besonders«, gibt er zu, und dass er »diese blöden Malaufgaben« nicht immer versteht. Ein bisschen komisch an seiner Schule findet Marc, »dass hier alles überwacht ist und mit Panzerglas«. An seiner alten Schule hätte es das nicht gegeben.
An der Tafel in Marcs Klassenzimmer hängt eine Regeltafel. »Wir schreien nicht«, »wenn man etwas sagen möchte, meldet man sich« und »wir benutzen keine Schimpfwörter« steht dort. »Natürlich klappt das nicht immer«, sagt Marc. Und dann erzählt er ein kleines Klassengeheimnis: »Der eine Junge spricht nur Hebräisch, der andere nur Deutsch und Russisch, und wenn sie sich streiten, redet jeder in seiner Sprache. Aber es gibt eine Ausnahme. Der Junge, der nur Hebräisch spricht, kann auch ein ganz klein bisschen Russisch, aber nur Schimpfwörter.«
Irina Feldman, Marcs Mutter, beobachtet, dass ihr Sohn sehr gern in die Schule geht. Die Atmosphäre sei familiär und positiv, Vorstand, Schulleiter und Eltern arbeiteten eng zusammen. Ihr Judentum hat die Familie Feldman-Vinokurov nie nach außen getragen. »Wenn man es sagt, sind alle gleich ganz aufgeregt und wissen nicht viel damit anzufangen«, sagt die Einwanderin aus St. Petersburg. Sie hoffe, dass Marc in der neuen Schule »ein besserer Jude wird als wir«.

www.irgw.de/grundschule/

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026