medizin

Kiffen auf Krankenschein

Die klassische Kifferkarriere sieht anders aus: Im Alter von 75 Jahren konsumierte D. aus Tel Aviv seinen allerersten Joint. Zur Première stopfte er im Kreise der Familie die getrockneten Blätter der Marihuana‐Pflanze in eine jamaikanische Pfeife und rauchte sie anschließend. »Mein Enkel hat mich darauf gebracht«, erklärt er. »Er studiert Kindermedizin und hatte von Cannabis als Heilpflanze gehört.« Schließlich griff D. nicht aus reinem Vergnügen zum Joint, sondern weil er seit vielen Jahren Krebspatient ist. Die Chemotherapie hatte die Krankheit zwar zeitweilig in ihre Schranken verweisen können, doch vor einigen Monaten kehrte sie zurück. »Schwindelanfälle und Übelkeit waren an der Tagesordnung, dazu kam der rapide Gewichtsverlust.« Genau gegen diese Symptome hal‐ fen die Wirkstoffe der Cannabispflanze, die der passionierte Hobbygärtner nun zu Hause selbst anbaut. »Ich habe ein Stück Lebensqualität zurückgewonnen.«

legaler rausch D. gehört zu einer rapide wachsenden Zahl von Patienten in Israel, denen aus therapeutischen Gründen Cannabis verschrieben wird. Seit zehn Jahren ist dies nun ganz legal möglich. Anfänglich erlaubte das Gesundheitsministerium den Einsatz nur bei Personen mit extremen Schmerzsymptomen. Mittlerweile empfehlen Ärzte auch vielen Parkinson‐, Krebs‐ oder Aids‐Patienten das Kiffen. Denn neben einer entspannenden Wirkung wird immer wieder auf die Tatsache hingewiesen, dass der Konsum ein starkes Hungergefühl auslöst. Somit kann man dem Gewichtsverlust gegensteuern, der bei diesen Krankheiten oft zu beobachten ist. »Mit einer Handvoll Patienten fing es 1999 an«, erinnert sich Dr. Jehuda Baruch, Leiter der Psychiatrischen Klinik »Abarbanel« in Bat Jam und Vertrauensarzt des Gesundheitsministeriums in Sachen Kiffen auf Krankenschein. »Mittlerweile sind es bald 1.200. Jeden Monat stelle ich über 40 Rezepte aus und verschreibe pro Patient dabei im Durchschnitt 100 Gramm Cannabis.«
Doch das Problem liegt in der Beschaffung. Apotheken dürfen Cannabis nämlich nicht abgeben. Und die wenigsten haben einen Drogendealer im Bekanntenkreis. Auch die Vorstellung, mit illegal ins Land geschmuggeltem Haschisch womöglich die Hisbollah im Libanon zu finanzieren, gefällt niemandem. Registrierten Patienten erlaubt die Behörde daher das Betreiben einer eigenen kleinen Cannabis‐Plantage in den eigenen vier Wänden, die aus maximal zehn Pflanzen bestehen darf, sowie den Besitz von bis zu 200 Gramm Marihuana ausschließlich für den persönlichen Gebrauch. Doch es ist nicht nur ein wenig absurd, seine verordneten Medikamente selbst anzubauen, vielen Kranken fehlt dafür auch schlichtweg die Kraft. Bis dato gab es nur einen einzigen anonymen Zulieferer, der mit Genehmigung des Gesundheitsministeriums irgendwo im Norden Israels Cannabis anbaut und den seine Kunden nur »Angelface« nennen. Er versorgt mittels einer Initiative namens »Tikkun Olam« bedürftige Kranke umsonst. Neuerdings ist mit Jochai Golan‐Gild, der in den 90er‐Jahren eher dafür bekannt war, Parties zu organisieren, auf denen reichlich Psychodrogen konsumiert wurden, ein zweiter Anbieter auf dem Markt. Gemeinsam mit zwei Partnern investierte er bereits rund eine Million Schekel, also rund 230.000 Euro, in Gewächshäuser und Ausrüstung. Aus Angst vor Diebstahl oder Drogentouristen bleibt deren Lage geheim.
Und das Ministerium plant in Zukunft noch weitere Hanffarmer zuzulassen, um so den Nachschub an ärztlich verordnetem Dope zu sichern und die Preise dank Konkurrenz halbwegs niedrig zu halten. »Rund fünf bis zehn Schekel kostet ein Gramm Cannabis im Schnitt, je nach Patient sind das fünf bis zehntausend Schekel im Jahr«, so Baruch. Golan‐Gild veranschlagt eher 15 Schekel pro Gramm an Produktionskosten.

rauchen gegen kriegstrauma Die Freigabe erscheint sinnvoll, weil Ärzte in Israel immer mehr Krankheiten recht erfolgreich mit Cannabisprodukten zwar nicht zu heilen, aber zu lindern vermögen. Im Hadassah‐Hospital in Jerusalem behandelt beispielsweise Professor Reuven Or Patienten für Knochenmarktransplantationen mit einem speziell aus Cannabis gewonnenen Öl. »Es gibt keinerlei Nebenwirkungen«, sagt Or, der sogar Kinder und Babys damit behandelte. Auch gegen das Tourette‐Syndrom kommt der Joint zum Einsatz. Und seit geraumer Zeit gibt es an der Hebräischen Universität Jerusalem ein Projekt, das Soldaten mit posttraumatischen Stresssyndromen helfen soll, mit Cannabis wieder ihr Leben in den Griff zu bekommen. Das Militär, das normalerweise gegen jeden Kiffer in den eigenen Reihen knallhart vorgeht, hat das Experiment gebilligt. Schlaftabletten und Psychopharmaka erhoffen die Forscher durch den im Cannabis vorhandenen Wirkstoff Delta‐9 Tetrahydrocannabinol (THC ) ersetzen zu können. Die Soldaten erhalten keine Joints, sondern den extrahierten Wirkstoff, der zuvor in Olivenöl aufgelöst wird. Leiter der Versuchsreihe ist niemand Geringeres als der 1930 geborene Raphael Mechoulam, der bereits zu Beginn der 60er‐Jahre erstmals den Wirkstoff THC isolieren konnte. Golan‐Gild können diese Entwicklungen nur freuen, sie hoffen mit dem Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke auf eine Goldader gestoßen zu sein.

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