jüdische Delis

Katz's und Co.

von Tanja Schwarzenbach

Es gibt gewisse Regeln. Erstens: Das Ticket nehmen. Ohne Ticket kein Essen. Das gilt für Touristen, Einheimische und Prominente gleichermaßen. Zweitens, sofern prominent: nett lächeln. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dieses Lächeln auf einem Foto landen wird und das Foto an einer Wand. Der Wand von „Katz’s Delicatessen“ an der Lower East Side in New York. Von den Wänden dort lächeln bereits eine ganze Menge Prominenter. Milla Jovovich zum Beispiel (ungeschminkt), Danny de Vito (mit Sonnenbrille), Barbra Streisand, Al Gore, Bill Clinton. Jedes Mal, wenn ein berühmter Gast das Deli betritt, macht einer der Mitarbeiter ein Foto.
Katz’s ist das älteste jüdische Delikatessen‐Restaurant in New York. Es eröffnete 1888 und wird dieses Jahr 120 Jahre alt. Nicht, dass die Einrichtung auch so alt wäre. Sicherlich wurde sie hier und da erneuert. Trotzdem aber zeichnen sich an den dunklen Tischen, Stühlen und Holzleisten deutliche Gebrauchsspuren ab. Neonlampen an der Decke verbreiten ein kaltes Licht. Ja, Katz’s ist ziemlich ungemütlich, aber die New Yorker lieben es und sehen offenbar großzügig über das Erscheinungsbild hinweg. Man kommt auch nicht hierher, um ein paar schöne Stunden beim Abendessen zu verbringen, sondern um ein Pastrami‐Sandwich zu essen, von denen Katz’s angeblich 1.000 Stück am Tag verkauft. Den New Yorkern zufolge gibt es hier das beste Pastrami der Stadt. Außerdem, sagt Matthew Goodman, Autor des jüdischen Kochbuchs World at a Table und Essenskolumnist der Zeitung The Jewish Daily Forward, sei Katz’s das authentische New York, denn: „Es ist groß und laut.“
In der Tat erinnert Katz’s an ein Restaurant für Busreisende mit Platz für 270 Gäste, und wäre vor der Tür ein Highway anstelle der East Houston Street, es wäre nicht verwunderlich. Stattdessen schieben sich an den Schaufenstern von Katz’s neugierige Touristen entlang und versuchen, an den zahllosen Salamis vorbei, die im Schaufenster hängen, einen Blick nach Innen zu erhaschen. Dort ist es fast immer ziemlich voll, weil Katz’s in nahezu jedem Reiseführer steht und eine Tour durch die Lower East Side keine echte Tour wäre, würde sie nicht in einem jüdischen Deli enden.
Katz’s bietet Kinofreunden noch eine andere Attraktion. Ende der 80er‐Jahre täuschte Schauspielerin Meg Ryan in dem Kinofilm Harry und Sally hier einen Orgasmus vor und wurde damit berühmt. Genau an diesem Tisch steht heute auf einem Schild: „You are sitting at the table where Harry met Sally“: Sie sitzen an dem Tisch, an dem Harry Sally traf.
Im Katz’s herrscht großes Gedränge. Der Geräuschpegel ist entsprechend hoch. An dem langen Tresen, an dem Männer mit weißen Hütchen auf den Köpfen die Bestellungen entgegennehmen, bilden sich Schlangen. Es sind auch New Yorker unter den Gästen, die auf ihrer Einkaufstour durch die Lower East Side Heißhunger auf ein Sandwich, Corned Beef, Knoblauchwurst oder Cheesecake bekommen haben und an einem Tisch Platz nehmen. Dabei werden dann wahlweise die jungen Angestellten beobachtet, die immer mal wieder mit den Kunden scherzen, oder die Bildergalerie an der Wand wird betrachtet.
Katz’s lag einst inmitten des jüdischen Einwandererviertels. Nicht weit entfernt in der Orchard Street priesen jüdische Händler ihre Waren an. Heute stehen dort zwar auch Verkaufsstände, gefüllt vor allem mit billigem Ramsch. Doch es gibt in der Gegend auch viele nette Cafés und Boutiquen, die man anderswo nicht findet. „Lolli by Reincarnation“ zum Beispiel, ein Modegeschäft, dessen Designer aus Second‐Hand‐Kleidung neue Mode fertigen. In diesem Laden sitzt samstags Shiba Kayo auf dem Sofa, eine hübsche junge Dame, und strickt Mützen, die sie – teuer – verkauft. Immer noch gibt es in der Orchard Street das „Lower East Side Tenement Museum“, in dem den Besuchern das Immigrantenleben Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts nahegebracht wird. Ab und zu kommen auch junge Menschen ins Museum, ansonsten interessieren sie sich nicht allzu sehr für die jüdische Geschichte des Viertels. Sie haben den Staub vergangener Tage längst zusammengekehrt und der Gegend neues Leben eingehaucht.
Anders bei Historikern. Sie verlieren naturgemäß nie das Interesse an der Vergangenheit. Geht es dabei ums Essen, spielt auch noch eine persönliche Note hinein, die eigene Essensvorliebe. Hasia Diner ist Professorin für amerikanisch‐ jüdische Geschichte an der New York University und Autorin von Hungering for America. Italian, Irish and Jewish Foodways in the Age of Migration. Ihr Büro ist in ei‐ nem Gebäude der New York University am Washington Square untergebracht. Draußen röhrt der übliche New Yorker Lärm, ein Gemisch aus Autohupen, Sirenen, Piepen. Innen ist es still. Diners Büro hat die Größe einer Abstellkammer ohne Fenster, dafür mit Regalen voller Bücher. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen. Etwas halbherzig schiebt sie ein paar Blätter beiseite.
Diner ist eine kleine, zierliche Frau mit grauen Haaren und grüner Kapuzenjacke. Spricht sie vom Essen, leuchten ihre Augen und kräuselt sich die Haut an den Wangen, weil sie gleichzeitig lächelt. Diner hat die Essensgewohnheiten jüdischer Einwanderer untersucht. Die Neuankömmlinge, sagt Diner, hätten, je nachdem aus welchem Land sie kamen, eigene Kochgewohnheiten mitgebracht, die im Laufe der Jahrzehnte zu einer einzigartigen Mischung verschmolzen seien. Deshalb spreche man in New York auch nicht von jüdischem Essen, sondern von New York Jewish Food, New Yorker jüdischem Essen. Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in New York noch einige Hundert jüdische Delis. Die Einwanderer gingen dorthin, um zu essen, die Delis waren aber auch ein Treffpunkt der jüdischen Gemeinschaft. Heute gibt es nur noch eine Handvoll jüdischer Deli‐Läden in New York wie das Katz’s. „Es ist“, sagt Diner, „zu einer Pilgerstätte geworden.“
Zurück zur Lower East Side. Abenddämmerung. Inmitten des New Yorker Lichtermeeres von Ampeln und Autoscheinwerfern ragt der beleuchtete Schriftzug von Katz’s empor. Die Szene hat etwas Filmreifes. Die Menschen hasten die Straße entlang, ohne der cineastischen Qualität dieses Moments Beachtung zu schenken. Vielleicht gehen sie nach Hause, vielleicht treffen sie Freunde zum Abendessen. Nicht weit von Katz’s entfernt, befindet sich in der East Houston Street das Büro eines anderen Delis, dem Second Avenue Deli. Es wurde erst in den 50er‐Jahren an der Second Avenue eröffnet, war nie Kult wie es Katz’s ist, aber dennoch sehr bekannt, auch wegen eines tragischen Vorfalls. Es ist Hasia Diners Lieblings‐Deli und wurde mehrmals zum besten koscheren Deli der Stadt gekürt. Leider, sagt Diner, musste es im Jahr 2006 schließen, und das sei ein schlimmer Verlust gewesen, denn das Second Avenue Deli spiegelte das jüdische Leben im Viertel wider.
In dem Büro im ersten Stock eines alten Wohnhauses arbeitete man monatelang an der Wiedereröffnung. Jeremy Lebewohl, der Neffe des ursprünglichen Eigentümers Abe Lebewohl, kaufte zu diesem Zweck einen Laden in der 33. Straße. Als sich das herumsprach, klingelte das Telefon pausenlos. Denn jeder, der das Deli vermisste, wollte wissen, wann es dort wieder etwas zu essen geben würde. Ende Dezember war dann Eröffnung.
Steve Cohen, 24 Jahre lang der Manager des Second Avenue Deli, kramt in einer Ecke des Büros nach alten, eingerahmten Bildern, die unsortiert in Pappkartons stecken. Auf den Bildern sind bekannte und unbekannte Gäste des Delis zu sehen. „Das Restaurant“, erinnert sich Cohen, „war ein besonderer Ort, weil man dort ein einfacher Mensch sein und neben dem größten Footballspieler sitzen konnte. Oder neben dem größten Gauner der Stadt. Ein Millionär saß neben einem Sozialhilfeempfänger. Es gab keine Unterschiede. Man konnte einfach man selbst sein.“
Es war nicht die Leidenschaft für Essen, die Abe Lebewohl dazu bewogen hatte, 1954 das Deli zu eröffnen, nachdem er mit seiner Familie vor dem Holocaust nach New York geflohen war. Es geschah aus einer Not heraus. Der Not, Geld zu verdienen. Doch die Gäste entdeckten bald sein großes Herz und seine Mitmenschlichkeit. War ein Kunde krank, brachte er kostenlos Suppe an die Wohnungstür. Einen Obdachlosen holte Abe von der Straße, ging mit ihm zum Friseur, kaufte ihm einen Mantel und stellte ihn als Portier des Delis ein. Nach einem Tag machte sich der Obdachlose samt Mantel und neuer Frisur aus dem Staub und wurde nie wieder gesehen.
Das Feinkost‐Lokal wurde zum Wohnzimmer der Second Avenue, einst die jüdische Theatermeile. An den Wänden des Restaurants hingen die Fotos der Gäste, ein Raum war der jüdischen Schauspielerin Molly Picon gewidmet – mit Postern, Songtexten und Bildern. Es war ein gemütliches Lokal, kein Schnellimbiss wie Katz’s. Viele der Gäste waren prominent: Gwyneth Paltrow aß hier, Alec Baldwin, Danny Glover und Mohammed Ali. Jerry Seinfeld brachte die Bedeutung des Delis in einer Folge der gleichnamigen Comedyserie auf den Punkt: „Lasst uns zum Deli gehen!“
„Welchem Deli?“
„Zum Second Avenue Deli.
Welchem sonst?“
Es war ein Schock, als der gutmütige Abe Lebewohl 1996 auf grausame Weise aus dem Leben schied: Er war auf dem Weg zur Bank, als er ausgeraubt und ermordet wurde. Das Gebäude, in dem sich das alte Second Avenue Deli befand, beherbergt heute ausgerechnet ein Geldinstitut, die Chase Bank. Einzig der „Walk of Fame“ auf dem Gehweg davor erinnert noch an das legendäre Deli. Mit den in den Boden eingelassenen Sternen gedachte Abe Lebewohl einst der jüdischen Schauspieler. Das Neue, Polierte der Bank aber, inmitten der bunten Geschäfte und Gebäude mit ihren Feuerleitern und verzierten Fassaden, lenkt schnell von den Erinnerungen am Boden ab.
In der Mittagszeit können die Bankangestellten ins Café Centosette mit den dunkelgrünen Markisen gehen und sich einen Salat, eine Suppe oder ein Sandwich bestellen. Auch Pasta gibt es dort. Das italienische Essen ist zwar nicht sehr viel gesünder als das jüdische, trotzdem haftete dem New Yorker jüdischen Essen stets der nicht gerade schmeichelhafte Ruf an, besonders ungesund zu sein. Aßen die Einwanderer, Hunger und Armut hinter sich lassend, doch besonders gerne Fleisch und Fett. Glücklicherweise, so die Theorie von Jeremy Lebewohl, Eigentümer des neuen Second Avenue Deli, würden die New Yorker keinen übertriebenen Wert mehr auf eine gesunde Ernährung legen.
Vor ein paar Jahren noch hätten sie nur Salat zu sich genommen. Heute sei es ihnen wichtiger, sich essend wohl‐ zufühlen. Selbst bei fettiger Hühnchenkruste mit Zwiebeln – „dem wahrscheinlich ungesündesten Gericht der Welt“.
Auch Abe Lebewohl nahm den Ruf des New Yorker jüdischen Essens mit Humor. Er sagte gerne: „Mein Essen wird Sie umbringen!“

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