Spanien

Kabbala an der Costa Brava

von Baruch Rabinowitz

In Sonnenlicht getaucht liegt zwischen den Pyrenäen und dem Mittelmeer die Stadt der Mystiker: Girona. So wie viele andere Städte in Spanien weist auch sie zahlreiche Spuren ehemals blühenden jüdischen Lebens auf. Anders als im Süden des Landes genossen die Juden im Norden während des Mittelalters zahlreiche Privilegien und lebten unter dem Schutz der Fürsten.
Viele jüdische Mystiker hatten sich in Girona niedergelassen. Dort entstanden die bedeutendsten kabbalistischen Schulen Europas. Einer der wohl wichtigsten Rabbiner und Mystiker der jüdischen Geschichte, Mosche ben Nachman (Nachmanides, Ramban) wurde 1194 dort geboren und lehrte in der Stadt. Dort verfasste er auch Grundlagen der Kabbala. Die Mystische Gesellschaft von Ramban machte Girona schnell berühmt und sorgte dafür, daß sie zu einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden der Iberischen Halbinsel wurde.
Noch heute ist die Stadt wie ein Labyrinth. Die Spuren jüdischen Lebens sind nicht besonders monumental. Vielmehr sind sie verborgen und in dunklen, verwinkelten Gassen zu finden. Vor dem Dom erstreckt sich eine gewaltige barocke Treppe. Am unteren Ende der 90 Stufen liegt die Carrer de la Força (»Straße der Stärke«), die das Viertel durchzieht. 600 Jahre lang war sie Zentrum des geistigen Lebens und strahlte auf die jüdischen Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum aus. »Mutterstadt Israels« lautete deshalb ein Beiname Gironas.
Heute hat die ostkatalanische Stadt keine jüdische Gemeinde mehr. Nur eine Handvoll Juden lebt noch dort. Die meisten sind nach Barcelona gezogen. Das liegt nur eine Autostunde entfernt. Mehrere Museen bieten einen Einblick in das einzigartige jüdische Leben, das früher in Girona pulsierte: das Haus, in dem Nachmanides geboren wurde, die Synagoge und der Hof, in dem seine Mystische Gesellschaft sich versammelte.
Die Jüdische ist dennoch in Girona sichtbar. Immer wieder hört man Hebräisch und sieht Menschen mit Kippot, wenn man durch die schmalen mittelalterlichen Gassen geht. Das Schaufenster der jüdischen Buchhandlung überrascht die Vorbeigehenden. Es ist überladen mit jüdischen Symbolen: Davidssterne in allen Größen, Menorot, Mesusot, Halladeckchen und Schmuck. Der Laden bietet eine bemerkenswerte Auswahl von Büchern und religiösen Gegenständen, wie sie in einer jüdischen Metropole kaum größer sein könnte. Man sieht viele hebräische Ausgaben, obwohl die meisten Titel in spanischer Übersetzung vorhanden sind. Zahlreiche Nachschlagewerke über das Judentum und jüdische Kultur lassen vermuten, daß es in Spanien ein reges Interesse an diesem Thema gibt. Die Verkäuferin spricht fließend Spanisch und Hebräisch. Immer wieder kommen Kunden, um zweisprachige Gebetbücher, Tora und Kommentare zu kaufen. Ein junges Paar fragt nach Megilat Esther, dem Buch Esther, auf Hebräisch mit spanischer Übersetzung. Noch ist es nicht erhältlich. »Vielleicht in zwei Jahren«, sagt die Verkäuferin.
Viele sefardische Juden, die auf der Suche nach ihrer Familienvergangenheit sind, kommen nach Spanien, um eine Verbindung zu ihren Wurzeln herzustellen. So auch Sami, ein junger Israeli, dessen Vorfahren aus Girona stammen. Er ist hierher gekommen, um seine Familiengeschichte zu erforschen. Wenn es ihm gelingt, seine spanische Herkunft zu beweisen, kann er die spanische Staatsbürger- schaft bekommen und im Land bleiben. Er lernt die Sprache und ist ein häufiger Besucher der Buchhandlung. Diesmal kauft er einen zweisprachigen Siddur. Aber hebräische Gebete auf Spanisch erscheinen ihm seltsam. »Es erinnert irgendwie an katholische Liturgie«, sagt er und grinst.
Für viele Besucher ist die besondere Atmosphäre der Stadt das Wichtigste. Sie kommen in Verehrung für die wohl größten europäischen Meister der Mystik, die diese Stadt mit ihrem Leben für immer geprägt haben. Man sagt, daß Girona und die nahe liegenden Pyrenäen der Geburtsort der Kabbala seien. Von der Landschaft fasziniert, suchten die Kabbalisten dort nach geistiger Erfahrung und Verbindung zum Übersinnlichen. Auch heutzutage reisen Menschen nach Girona, um durch die erleuchtete Vergangenheit eine Verbindung zur geistigen Welt zu finden. Häufig trifft man auf Menschen, die konzentriert und vertieft wirken. Ein Kontrast zum hektischen Urlaubs- und Badetourismus der stets überfüllten Costa Brava.
Während die einen in der Sonne brutzeln, geht für die anderen die Reise weiter, nicht zur Küste, sondern in die Pyrenäen. Dort können sie sich für ein paar Tage der Meditation widmen, in der Hoffnung auf ein spirituelles Erlebnis. Vielleicht ist es möglich, ähnliche Erfahrungen zu machen wie die großen Meister der Vergangenheit, deren Geist für manch einen auch heute noch zu spüren ist.

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