vielfalt

Jung, jüdisch, schwarz

Alysa Stanton wurde als Kind christlicher Eltern in Cleveland geboren. 45 Jahre später ist sie jetzt die erste afro‐amerikanische Rabbinerin der Vereinigten Staaten. Vor drei Monaten wurde sie am Hebrew Union College in Cincinnati ordiniert, im vergangenen Monat trat sie ihre Rabbinerstelle in der Gemeine »Bayt Shalom« in Greenville, North Carolina, an. Ein weiter Weg für Alysa Stanton, und ein Meilenstein für eine Religionsgemeinschaft mit einer sich stets verändernden demografischen Basis.
Schwarze Amerikaner machen heute 13,5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. In der jüdischen Gemeinschaft ist ihr Anteil deutlich geringer. Von den rund 5,2 Millionen Juden in den USA sind Schätzungen zufolge etwa 135.000 Afroamerikaner. »Auf der ganzen Welt gibt es Juden jeder Farbe und Schattierung, aber das Mainstream‐Judentum in Amerika ist eindeutig angloamerikanisch«, meint Alysa Stanton. »Rein optisch passe ich eindeutig nicht dazu.«
Stanton wurde 1964 geboren, ihre El‐
tern gehörten der christlichen Pfingstbewegung an. Sie ist in Cleveland in einem überwiegend jüdischen Viertel aufgewachsen. So habe sie bereits als Kind den Weg zum Judentum gefunden, sagt sie. Im Alter von 24 Jahren konvertierte sie bei einem konservativen Rabbiner in Denver.
Bevor sie ihre rabbinische Ausbildung begann, studierte Stanton Sozial‐ und Neu‐
psychologie an Universitäten in England und den USA. Danach das Studium am Hebrew Union College, dem Rabbinerseminar der Reformbewegung, in Ohio und in Jerusalem. In Israel musste sie die schwie‐
rigsten Moment ihrer religiösen Selbstfindung überstehen. Ihr Glaube wurde auf eine harte Probe gestellt, als sie erlebte, dass sie als schwarze Jüdin nicht akzeptiert wurde, berichtete sie dem Guardian: »Hier war ich in Israel, hatte alles, was ich kannte, hinter mir gelassen, um mich unserem Volk zu widmen. Und dann wurde mir nicht nur gesagt, ich sei keine Jüdin, man wollte mich auch nicht haben.«
Während ihres Studiums in Jerusalem erlebten die alleinerziehende Mutter und ihre Adoptivtochter Shana, die damals sieben Jahre alt war, rassistische Diskriminierung. Ihre Tochter wurde in der Schule gehänselt und geschlagen, erzählt Stanton der britischen Tageszeitung. »Sie sagten zu ihr, sie sei hässlich, sie sei nicht schön. Sie sagte: Ich bin schwarz und schön und gut. Mir steigen immer noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Wir sprechen ja nicht über einen Hund, sondern über ein siebenjähriges Kind.«
Damals habe sie begriffen, dass sie und ihre Tochter stärker waren, als sie es jemals für möglich gehalten hatten. »Ich verstand, dass der menschliche Geist sehr beharrlich ist.« Sie habe sich von ihren religiösen Zielen und ihrer Liebe zu Israel nicht abbringen lassen.
Ihre Beharrlichkeit und ihr Kommunikationstalent hat ihr nun auch bei der Bewerbung um die Rabbinerstelle geholfen, wo sie eine ganze Reihe anderer Kandidaten aus dem Feld schlug. Der Präsident der Synagoge von Greenville, Michael Barondes, erklärte: Ihre Fähigkeit, »sich Menschen zu verbinden und mit ihnen zu kommunizieren, von der Kanzel und von An‐
gesicht zu Angesicht«, sei der ausschlaggebende Faktor gewesen, warum sich die Gemeinde für sie entschieden habe. »Sie weiß instinktiv, wie man Menschen zuhört. Und als Kleinstadt mit nur einer Synagoge brauchen wir eine Rabbinerin, die Kontakt zu allen unseren Mitgliedern aufnehmen kann.« Die Bayt‐Shalom‐Synagoge dient sowohl Konservativen als auch der Re‐
formgemeinde. Diese Konstellation erfordert einen religiösen Leiter mit besonderen Eigenschaften, erklärte Barondes. »Rabbinerin Stanton hat diese Gemeinde über alle Fraktionen hinweg auf eindrucksvolle Weise belebt. Ich glaube, sie ist ein ganz besonderer Mensch.«
Dass der kleinen Gemeinde ausschließlich weiße Mitglieder angehören, stellt für Rabbinerin Stanton kein Problem dar. Verschiedene Zeitungen haben schon auf Pa‐
rallelen zu US‐Präsident Barack Obama hingewiesen. Der bereits zitierte Guardian schrieb zum Beispiel, dass beide, sie 45 und er 47 Jahre alt, Grenzen überwunden und gesellschaftliche Tabus gebrochen hätten. Stanton meint, sie sei sichtbarer Ausdruck der neuen Vielfalt des amerikanischen Judentums. »Als ich sagte, ich würde Rabbinerin werden, wollte ich nicht eine Geistliche nur für gepunktete oder grüne oder weiße oder schwarze Menschen sein. Ich bin Rabbinerin und stolz darauf.«

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