Amira Hass

»Journalisten sollten fair sein«

»Journalisten sollten fair sein«
Amira Hass über
ihre Arbeit in Gasa

Frau Hass, herzlichen Glückwunsch, Sie sind von der Organisation »Reporter ohne Grenzen« zur Journalistin des Jahres gewählt worden. Was haben Sie empfunden, als Sie die Auszeichnung in Paris entgegennehmen durften?
Es war ein ambivalentes Gefühl.

Inwiefern?
Einerseits habe ich den Preis wegen meiner Berichterstattung über den Krieg in Gasa erhalten. Und der Krieg dort war schlecht. Anderseits ermuntert es mich, dass meine Artikel über Gasa nicht als Nebensache abgetan wurden. Im Ausland werden sie stärker beachtet als in Israel. Mit der offiziellen Version konnten meine Berichte nicht konkurrieren.

Die Mehrheit der Israelis hatte Mühe, Ihrer Version über den Gasakrieg zu folgen. Kann es objektive Berichte überhaupt geben?
Es wäre falsch, davon auszugehen, dass Journalisten objektiv seien. Jeder hat seine Meinung und einen ideologischen Hintergrund, der die Wahl und die Schilderung des Themas bestimmt. Die Palästinenser halten meine Reportagen in der Regel für durchaus objektiv. Das ist bemerkenswert, denn ich bin ja Israelin. Aber zwischen objektiv und fair gibt es Unterschiede. Journalisten sollten fair sein, wenn sie sich eines Themas annehmen.

Haben Sie denn den Krieg vor Ort erlebt?
Nein, drei Wochen vor dem israelischen Angriff wurde ich von der Hamas ausgewiesen. Sie könne nicht mehr für meine Sicherheit garantieren, behauptete sie. Ich bin dann nach Ramallah gegangen.

Hatten Sie Angst in Gasa?
Nein, das mit der Sicherheit war vermutlich eine Ausrede der Hamas. Denn die Ausweisung geschah genau einen Tag, nach dem ich dabei war, als ein Militärgericht tagte. Es ging um Fatah-Aktivisten, denen vorgeworfen wurde, einen Anschlag auf Premierminister Ismail Hanija vorbereitet zu haben.

Seither waren Sie wieder längere Zeit in Gasa. Was ist Ihr Eindruck: Ist die Bevölkerung an einem Frieden interessiert?
Das Wort Frieden hat für mich einen schlechten Beigeschmack. Ich bin überzeugt, dass in der Oslo-Zeit Israels Politik darauf aus war, den Palästinensern einen Friedensvertrag zu diktieren, der sie in die Knie gezwungen hätte.

Haben Sie in Gasa Feindschaft erlebt?
Das ist die falsche Frage.
Wie müsste sie denn lauten?
Man muss sich fragen, ob Israel Frieden will. Meine Antwort darauf lautet: Nein.

Wie kommen Sie darauf?
Weshalb fragen Sie zum Beispiel nicht, warum israelische Soldaten in Gasa Graffiti mit »Tod den Arabern« hinterlassen haben, und zwar in Häusern, in denen Palästinenser getötet wurden? Wieso stellen Sie kritische Fragen über die Opfer, statt die Taten der Täter zu hinterfragen?

Immerhin hat die Hamas bis heute das Existenzrecht Israels nicht anerkannt.
Die Palästinenser in Gasa sind eingeschlossen. Als Flucht bleibt ihnen nur, von Groß-Palästina zu träumen und die Hamas zu unterstützen. Aber es gibt auch viele, die an- ders denken und handeln. Doch sie haben keinen politischen Einfluss.

Welche Leute sind das?
Das sind diejenigen, die mir auf Hebräisch gesagt haben, sie würden gerne wieder nach Israel zurückkehren, um dort zu arbeiten.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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