Jewish Studies

Jobbörse und Elfenbeinturm

von Thomas Meyer

Seit 38 Jahren findet, unmittelbar vor oder zu Beginn von Chanukka, die Jahreskonferenz der amerikanischen »Association for Jewish Studies« (AJS) statt. Was anfangs fast ein Familientreffen war, ist eine Großveranstaltung geworden, die Wissenschaftler aus Asien, Australien, Europa und natürlich Israel anzieht. Im kalifornischen San Diego machte dieses Mal der Tross halt, und so gab es Gelegenheit, direkt am Meer die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen. Im riesigen zweitürmigen Hotel hatten die etwa 550 aktiven Teilnehmer jedoch so viel Innovatives und Spannendes zu bieten, dass mancher nach drei Tagen abreiste, ohne einen Gang durch das ebenso schöne wie teure Gaslampenviertel gemacht zu haben.
Es gehört zum Programm dieser Konferenz, dass keine thematischen Schwerpunkte ausgegeben werden. Dennoch sorgen »Komitees« für Qualität und Originalität der Sektionen. Insgesamt zwanzig Abteilungen mit ihren jeweiligen Fachreferenten prüfen bereits im Frühjahr die eingereichten Papiere und entscheiden über die Teilnahme. Neben den normalen Panels mit Vorträgen von 20 Minuten pro Teilnehmer gibt es besondere Diskussionszirkel, die oft der Prominenz vorbehalten sind.
So drängten sich die Interessierten zu einem Zusammentreffen der feministischen Philosophin Judith Butler und des postmodernen Talmudforschers Daniel Boyarin, die das Denken des Jubilars Emmanuel Levinas, der im vergangenen Jahr 100 geworden wäre, kritisch unter die Lupe nahmen. Perfektes zweistündiges Entertainment konnte man erleben, dargeboten von zwei Superstars der intellektuel- len Szene nicht nur in den USA, gewürzt mit einem Schuss Absurdität und Lächerlichkeit. Leicht konnte man in dem Pointenreigen vergessen, dass mit Levinas’ Denken einerseits die alte Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit »jüdischer Philosophie« aufgerufen war und andererseits, welche Rolle die aus Griechenland importierte Weisheitslehre für den Talmud und seine Interpretation bedeute. Boyarin erklärte, nach hartnäckigen Nachfragen zu Auskünften bereit, Levinas’ Talmudstudien für bedeutungslos, und Butler erteilte seinem Projekt einer jüdischen Philosophie eine deutliche Absage, weil es auf rhetorische und tatsächliche Gewalt setze.
Sieht man von solchen Auftritten der Etablierten ab, wurde in San Diego sehr hart gearbeitet. Etwa an der Grundsatzfrage, ob von Studenten der Jüdischen Studien verlangt werden solle, das Hebräische zu beherrschen. Viele arbeiten mit Quellen und Themen, die von dieser Sprache und Kultur weit entfernt sind. Deutsch, Jiddisch, Polnisch und anderen osteuropäischen Sprachen, seltener Französisch, wurde ein zumindest gleichwertiger Rang zugesprochen, um jüdische Geschichte und Kultur analysieren zu können. Zu beobachten war in diesem Zusammenhang, dass sich die »Holocaust Studies« zunehmend auf pädagogische Fragen beschränken und versuchen, das Bild der so genannten »zweiten« und »dritten Generation« als intensiv durch die Shoah vorgeprägt zu modellieren. Welche Rolle innerhalb solcher stark politisierter Identitätsprogramme das Hebräische spielen könne, vermochten seine Befürworter nicht zu sagen.
Neben Grundsatzfragen drängten die ortsansässigen Forscher mit ihren Expertisen in den Vordergrund. Damit die vielfältigen, für Außenstehende oft skurril anmutenden Themen nicht im Elfenbeinturm verbleiben, führte man »Poster Sessions« durch, in denen junge Forscher ihre Thesen vortragen konnten. So lauschte man interessanten Bemerkungen zur Gemütslage syrischer Juden in Mexico City oder klassischen Interpretationen von Halacha und Haggada im Traktat »Berachot«.
Man darf bei all dem nie vergessen, dass die AJS noch mindestens eine weitere wichtige Funktion hat: Sie ist ein Jobmarkt. Hier werden in geräumigen Suiten Interviews geführt, um die Besten für die Universitäten und Colleges auszuwählen. Nicht wenige kommen, um noch einen Platz im auch in den USA immer kleiner werdenden Stellenangebot zu finden. Auch hier, trotz zum Teil gewaltiger Spenden von Privatleuten, beginnt man zu sparen. Vor allem Spitzenuniversitäten wie Harvard, Princeton oder Yale können es sich leisten, den Kandidaten nur Zeitverträge anzubieten. Nach zwei bis drei Jahren wartet oft nicht die begehrte Festanstellung, sondern nur ein Klaps auf die Schulter und ein Empfehlungsschreiben.
Doch von schlechter Laune war zumindest während der Diskussionen nichts zu spüren. Neben den zahlreichen Veranstaltungen zum Themenfeld »Was hieß oder heißt es, jüdisch zu sein?« gab es eine Rückkehr der deutschen Themen. So fand eine merkwürdige Figur wie der wenig bekannte Gelehrte Jacob Taubes große Aufmerksamkeit, und über das Verhältnis von Hannah Arendt zum Zionismus wollten mehr Teilnehmer diskutieren als der Raum Platz bot. Dass Martin Buber noch immer ein Thema ist, schien dagegen weniger überraschend. Warum dieses Interesse an deutschen Autoren, zu denen auch Alexander Altmann, Eduard Gans und Leo Strauss zählten? Es ist wohl nicht zuletzt der Versuch, den Gründungsvätern – unter Vernachlässigung der Mütter – des »jüdischen Projekts der Moderne« (Shulamit Volkov) näher zu kommen. Dass sie vorerst nur in Deutschland vermutet werden, ist dann wieder ein Thema für sich.
Die »Rückkehr der Religionen« (Friedrich Wilhelm Graf) ist auch in den Jüdischen Studien zu registrieren. Auch, dass man gerne entlang extremer Oppositionen streitet. Doch nicht nur die bekannten Pole Halacha und Haggada, Philosophie und Gesetz, Juden und Palästinenser, Juden und Nichtjuden traten als historische und systematische Gegensätze auf, die in ihrer radikalen Andersheit analysiert wurden. Auch Zwischenfiguren wie dem »Lehrer«, dem »Kollaborateur« oder Isaac Deutschers »Nonjewish Jew« wurde ein Platz im jüdischen Kosmos zugewiesen. Nächstes Jahr in Toronto geht es weiter – sicherlich mit nicht weniger Engagement und Witz organisiert und mit mindestens ebenso überraschenden und verwirrenden Neuigkeiten aus der jüdischen Welt.

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