Lala Süsskind

Jede Menge Zukunft

von Christine Schmitt und Detlef David Kauschke

Ihre drei Telefone klingeln »eigentlich ständig«. Und das gehe bereits seit 7 Uhr so, sagt Lala Süsskind am Montagnachmittag. »Jetzt trete ich wieder in die Gemeinde ein«, »nun wird alles besser«, das seien die Kommentare, die sie am häufigsten höre. Unzählige E-Mails habe sie auch bekommen, und zwar so viele, dass sie am Montag erschöpft beschloss, sie erst am nächs-ten Tag zu beantworten, zumal sie für den Abend alle »Atid«-Kandidaten zu sich nach Hause eingeladen hatte, »um die Sektkorken knallen zu lassen«.
Lala Süsskind ist voller Freude: die 61-jährige wird aller Voraussicht nach neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die erste Frau in dieser Position. So haben es die Wähler am Sonntag bei der Gemeindewahl entschieden. Ihr Bündnis »Atid« (hebr.: Zukunft) war mit 14 Kandidaten ins Rennen gegangen, von denen 13 in die Repräsentantenversammlung (RV) gewählt worden sind. Das ist die absolute Mehrheit und reicht, den neuen Vorstand zu stellen, der dann wiederum den oder die Vorsitzende bestimmt. Dem 21-köpfigen Parlament werden noch die Einzelkandidaten Natan Del und Alexander Brenner angehören, fünf Kandidaten des Bündnisses »Hillel«, darunter auch der amtierende Gemeindechef Gideon Joffe, und Michail Kantor von der Gruppierung »Neue Namen«. Für das Bündnis »Tachles« um den bisherigen stellvertretenden Gemeindevorsitzenden Arkadi Schneiderman hat es nicht gereicht, kein einziger Kandidat hat den Sprung in die RV geschafft.
Aus der bisherigen RV sind nur Brenner, Joffe, Süsskind und Benno Bleiberg in der nächsten Legislaturperiode mit dabei. Ansonsten nur neue Gesichter. Gemeindevertreter unterschiedlichster Herkunft: Sechs gewählte Parlamentarier sind in Deutschland geboren, vier in Lettland, vier in der Ukraine, drei in Israel, zwei in Polen, einer in Russland und einer in Finnland.
Der frühere Gemeindevorsitzende Andreas Nachama bezeichnet das Ergebnis als eine sehr gute Wahl: »Die 21 Gewählten bieten die Gewähr dafür, dass es jetzt einen freundschaftlichen und von Sachlichkeit geprägten Umgang in der RV geben wird.« Ex-Gemeindechef Albert Meyer freut sich über »die Rückkehr der Gemeinde ins alte Fahrwasser«.
Alexander Brenner, der das beste Stimm-
ergebnis holte und dem sein Erfolg »persönlich sehr gut tut«, erwartet nun nach Jahren des Streits in der Gemeindeführung so etwas wie einen Neubeginn: »Ich hoffe, dass es besser wird. Schlechter kann es nicht werden.« Der ehemalige Gemeindechef glaubt, dass die persönlichen Streitigkeiten durch eine konstruktive Zusammenarbeit ersetzt werden können. »Und ich drücke die Daumen, dass es nicht so wird wie bei der Kadima, wo es nach einer Zeit der Euphorie bald zu Konflikten innerhalb der Gruppe kam. Aber ich bin Optimist.«
Weniger optimistisch zeigte sich dagegen der amtierende Gemeindevorsitzende. Gideon Joffe ließ am Montag eine Pressemitteilung verbreiten, in der er »Atid« zur Wahl gratulierte: »Der nächsten Vorsitzenden wünsche ich eine starke Hand. Denn unsere Gemeinde steht vor riesigen Problemen. Eines steht jetzt schon fest: Die nächs-te Zeit wir für sie ganz sicher kein Zuckerschlecken.«
Als »einen Schritt in die richtige Richtung« bezeichnete Ilja Zofin von der Gruppierung »Neue Namen« das Ergebnis. Dass das »Tachles«-Bündnis keine Chance hatte, rechnet er auch seiner Gruppierung an, da auch »Neue Namen« verstärkt die Zuwanderer ansprechen wollte.
Klassische Musik zur Entspannung gönnte sich am Montag Josef Latte, noch amtierender Vorsitzender des Präsidiums und Mitglied bei »Tachles«. Er nahm sich Zeit, über das schlechte Abschneiden nachzudenken. »Unsere Gruppe wollte man überhaupt nicht. Man hatte wohl die Nase voll von uns.« Latte räumt ein, »ein biss-chen enttäuscht und über das eindeutige Ergebnis verwundert« zu sein.
Ganz andere Stimmung bei Arkadi Schneiderman: »Ich nehme das Ergebnis ganz gelassen hin.« Endlich habe er mal wieder eine Nacht durchschlafen können und sei richtig entspannt. Er – abgeschlagen auf Platz 32 gelandet – ein Wahlverlierer? »Ich habe nichts verloren.« Wenn man ihn brauche, stehe er nach wie vor zur Verfügung. Ansonsten sei er jetzt mit seinen 72 Jahren endlich in der Lage, sich etwas auszuruhen, schließlich sei er »zermürbt und müde von den andauernden Verleumdungskampagnen«. »Wer ständig gegen Korruption und Misswirtschaft ankämpft, macht sich eben nicht nur Freunde«, meint Schneiderman. Das sei wohl mit ein Grund für sein Abschneiden. »Insgesamt«, so glaubt er, »haben wir uns mit den drei Bündnissen Tachles, Hillel und Neue Namen aber auch die russischsprachigen Wähler gegenseitig weggenommen.« Der »lachende Dritte« sei die Gruppe »Atid«. Doch die habe es nur mit einem Verstoß gegen die Wahlordnung zur absoluten Mehrheit in der RV geschafft, meint Schneiderman. Denn »Atid« hatte Wahlwerbung per Post an die Gemeindemitglieder versandt. »Von wem hat die Gruppe alle 6.500 Adressen bekommen und sie widerrechtlich an Dritte weitergegeben?«, will Schneiderman jetzt wissen.
Dazu »Atid«-Mitglied Benno Bleiberg: »Auch andere Gruppen haben Wahlwerbung verschickt. Und wir haben die Adressen garantiert nicht aus der Gemeindeverwaltung.«
Der Wahlausschuss wird sich mit der Adressennutzung und mit anderen Beschwerden, die zur Wahlanfechtung führen könnten, beschäftigen. Wichtig ist dabei, ob diese Fälle »wahlrechtlich relevant« sind, erläutert Wahlleiter Andreas Schmidt von Puskás. »Ich würde mich eher zurück-
haltend in der Frage äußern, ob die Wahl angefochten wird.« Aber alles weitere – wie auch die Beschwerde über eine eventuell nicht satzungsgemäße Kandidatur eines Mitgliedes des Bündnisses »Neue Namen«– müsse der Wahlausschuss besprechen. Kommt es zur Wahlanfechtung, landet der Fall vor dem Schiedsausschuss. Ei-
ne Wiederholungswahl, wie vor vier Jahren, könnte die Folge sein. »Doch das halte ich für eher unwahrscheinlich«, meint Schmidt von Puskás am Dienstag. »Es melden sich zwar immer ein paar Kritiker zu Wort, aber es dürfte keine wesentlichen Mängel am Wahlablauf gegeben haben.«
Der Wahlausschuss trifft sich am kommenden Montag. Werden die Beschwerden abgewiesen, wird das bislang vorläufige Wahlergebnis für endgültig erklärt und ein Termin für die konstituierende Sitzung der RV festgelegt, wahrscheinlich der 9. oder 16. Januar.
Bis dahin hat Lala Süsskind noch einiges vor. Die Wahl ist für sie gelaufen, aber nicht die Vorbereitungen auf die kommenden Aufgaben. Dabei denkt sie sogar da-ran, sich Verstärkung von außen zu ho-
len. Die Satzung erlaubt, eine nicht in die RV gewählte Person in den Vorstand zu berufen. Wer das sein wird, will weder sie noch die anderen »Atid«-Mitstreiter verraten. Nur so viel: »Es ist eine interessante Personalie.«

Anita Lasker-Wallfisch

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