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jüdisches museum

ist das konzept des jüdischen museums in berlin gescheitert?

Es fehlt das Wesentliche
Das Thema Religion bleibt ausgespart

von Alan Posener

Gegen den Erfolg stinkt man nicht an. Und das »Jüdische Museum Berlin« ist ein Erfolg. Es hat zwar mit dem Judentum ungefähr so viel zu tun wie Klesmer, aber den hören wir doch auch gern. Das Jüdische Museum ist, wie das Holocaust-Denkmal, ein Ort, wo man gern hingeht. Juden aus aller Welt fühlen sich geschmeichelt, weil die Deutschen die Leistungen der Juden feiern, und die Deutschen fühlen sich gut, weil sich die Juden geschmeichelt fühlen. Und das ist doch der Zweck der Übung.
Oder nicht? »Zweitausend Jahre deutsch-jüdische Geschichte« lautet der Titel der Dauerausstellung. Aber wie ging das? Wie konnten die Juden in Deutschland so lange ihre Identität bewahren? Worin bestand und besteht sie überhaupt? Diese Frage stellt sich dem Besucher, aber das Museum stellt sich diese Frage nicht.
Vielleicht, weil die Antworten verstören könnten. Zum Beispiel diese: Daß die Juden überlebten, weil sie eine Parallelgesellschaft bildeten, 1.700 Jahre lang nur das Nötigste mit ihren unbeschnittenen Nachbarn regelten und sich weder sprachlich noch kulturell integrieren ließen. Was also sollte ein Türke aus der Geschichte der Juden in Deutschland lernen?
Eine weitere verstörende Antwort erhielte man, wenn man fragen würde: Was ist eigentlich »ein Jude«? Aber sie wird nicht gestellt. Und das in einem Land, das vor ein paar Jahrzehnten mit Hilfe von Kirchenbüchern und Schädelmessungen, feinsinnigen Literaturanalysen und dem weit gröberen Mittel des Hosenrunterziehens das Jüdische genau bestimmt und Juden in Voll-, Halb-, Viertel- und Achteljuden eingeteilt hatte. Sprechen wir das »R«-Wort aus: Sind sie eine Rasse? Auf die Frage antwortet das Museum mit einer Leerstelle, oder wie dessen Architekt Daniel Libeskind sagen würde, mit einem »Void«.
Wie denn die »Voids« und das ganze Museum umgedeutet worden sind. Ursprünglich sollte der Bau die Sammlungen des Stadtmuseums aufnehmen. Libeskind verstand die Stadtgeschichte, zu Recht oder Unrecht, als eine der Interaktion zwischen Juden und Christen. Er zog auf einem Stadtplan Linien zwischen die Adressen jüdischer und christlicher Berliner und entwarf aus dem entstandenen Muster »between the lines« den Bau. So die Legende. Die »Voids«, die häßlichen Betonschächte, die das Gebäude durchziehen, sollten jene Leerstellen symbolisieren, die das vertriebene und ausgelöschte Judentum hinterließ. Die Anwesenheit von Abwesenheit, in der verquasten Phraseologie der damals modischen Postmoderne. Nun symbolisieren sie die Lücken in der Erzählung, die das Jüdische Museum präsentiert.
Die entscheidende Leerstelle war, ist und bleibt das, was für die Juden immer das Entscheidende war: die Religion. »Zuerst kommt der Judaismus«, schreibt der Philosoph Leon Roth. »Er ist kein Produkt, sondern Programm, und die Juden sind das Instrument seiner Erfüllung.« Eben. »Auserwähltes Volk« meint nicht Herrenrasse, sondern unterworfene Rasse. Die Juden, verlangte Jahwe, mußten den Völkern ein Licht sein. Diesen Auftrag haben sie ernst genommen. Begreift man nicht, wie zentral dieses Konzept ist, begreift man vom Judentum nichts, schnurrt es zusammen zu einem Haufen merkwürdiger Bräuche. Die sind gut dokumentiert. Nur nicht, was die Tora ist; wie es sich verhält mit dem berühmt-berüchtigten »Aug’ um Auge«; was Jesus und Paulus aus dem Judentum machten und wie der arabische Prophet Mohammed das Judentum so umdeutete, daß es als Leitkultur eines neuen Imperialismus diente. Das könnte ja stören. Da aber das Museum nicht stören wollte, störte stattdessen die Geschichte.
Die Eröffnung war geplant für den 11. September 2001. Bis heute aber hat man im Libeskindbau nicht begriffen, daß die Flugzeuge, die ins World Trade Center rasten, auch das Wohlfühlkonzept zerstörten, das die Leitkultur dieses Museums ist.

Erster Zugang
Hilfreich, um Judentum kennenzulernen

von Jochen Feilcke

Wie schön, daß heute darüber gestritten werden kann, ob das Jüdische Museum Berlin alles richtig oder alles falsch macht oder vielleicht einfach ein sehr bedeutender, attraktiver und immer weiter zu verbessernder Ort ist. Wie schön, daß heute jährlich etwa 700.000 Besucher aus aller Welt diesen Ort besuchen – wegen seiner aneckenden Architektur, wegen seiner Größe und allein schon auf Grund der Tatsache, daß es in Berlin da existiert und neugierig macht. Wer weiß, ob nicht drei Millionen der bisher 3,5 Millionen Besucher durch dieses Haus und nur dadurch erstmalig an das Thema »Judentum« herangeführt werden? Wer weiß, ob nicht gerade die Art und Weise der Präsentationen das Museum zu einer Erfolgsgeschichte gemacht haben?
Zunächst erschien mir die Planung eines Jüdischen Museums in Berlin eher Ausfluß der »political correctness« zu sein; sie wirkte fast wie eine lästige Pflichtübung. Es gab das Projekt »Berlin-Museum/Jüdisches Museum«, was an sich schon ein Erfolg war. Die Berliner Museumsverantwortlichen waren peinlich darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu behalten, die Ausweitung des Berlin-Museums mit einer größeren Abteilung Jüdisches Museum als eine Aufwertung ihres Status zu verstehen. Jede Eigendynamik wurde im Keim erstickt – ja, der Gründungsdirektor Amnon Barzel wurde 1997 fristlos entlassen, weil er unbequem war und vernehmlich eine weitgehende Autonomie des Museums forderte. Ich erinnere mich nicht an sehr viele Unterstützer seiner damaligen Konzepte. Diejenigen, die hinterher alles schon vorher besser gewußt haben wollen, sollten diese Hintergründe kennen. Zu den wenigen, aber heftigen Unterstützern gehörte Andreas Na- chama, der am Tag der Entlassung Barzels zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt wurde.
Erstaunlicher- und erfreulicherweise ist es W. Michael Blumenthal in relativ kurzer Zeit gelungen, das Jüdische Museum seiner Bedeutung entsprechend aus der kleinkarierten Berliner Diskussion herauszuführen. Heute ist es eine Stiftung des Bundes mit einer Ausstrahlung von Kreuzberg aus in die ganze Welt. Neben anderen Einrichtungen wie dem Centrum Judaicum, das 1995 in Anwesenheit des amerikanischen Präsidenten eröffnet wurde, der Etablierung des American Jewish Committee und dem Engagement der Lauder Foundation gehört das Jüdische Museum Berlin heute zu den Einrichtungen, die die wachsende Vielfalt jüdischen Lebens selbstverständlich widerspiegeln.
Schön, daß heute darüber gestritten werden kann, wie alles noch besser sein könnte. Während Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, beispielsweise kritisiert, die »Konzepte seien zu wissenschaftlich und von intellektueller Schönrederei bestimmt«, bemängelt wiederum Alan Posener, daß vom Zeugnis »metaphysischer Vorstellungen«, von der Erfindung des ethischen Monotheismus über das Christentum bis hin zur modernen Heilslehre der Psychoanalyse im Jüdischen Museum fast nichts zu spüren sei. Er kritisiert also die nicht ausreichende Wissenschaftlichkeit. Einerseits postuliert Generalsekretär Stephan Kramer »Jüdisches Leben in Deutschland ist ohne den Holocaust und seine furchtbaren Folgen nicht darstellbar.« Andererseits begrüßt Posener: »Es ist gut, daß die jüdische Geschichte in Deutschland einmal nicht verkürzt wird auf den Holocaust.« So kann man und so sollte man die Dinge durchaus von verschiedenen Seiten, aus verschiedenen Blickwinkeln und im Ergebnis unterschiedlich sehen. Das spricht für das Jüdische Museum Berlin, und das ist gut für das Jüdische Museum Berlin. Es ist der Kontrapunkt für das von den Nazis geplante Museum eines ausgerotteten Volkes. Es stellt jüdisches Leben »ohne Kloß im Hals dar, ohne Verschweigen«, sagte Cilly Kugelmann einmal.
Welche Erwartungen, welche Anforderungen soll das Jüdische Museum Berlin außerdem erfüllen? Posener sagt: »Man erfährt rein gar nichts über Religion als Religion.« Mag sein, daß es mehr sein muß – aber das Jüdische Museum ist keine Synagoge und kein Centrum Judaicum. Auch nach meiner Meinung sollte sich das Jüdische Museum immer als Teil des öffentlich wahrgenommenen Judentums begreifen. Dazu gehört zum Beispiel, daß es sich nicht gehört, eine Ausstellung am Schabbat zu eröffnen. Solche Punkte der Kritik wird das Jüdische Museum sicher ernst nehmen. Ich bin sicher, daß der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Salomon Korn, als Mitglied des Kuratoriums darauf achtet.
Die Kritik darf und soll öffentlich ausgetragen werden. Die großartige Einrichtung verträgt sie nicht nur, sie benötigt sie. Ich bin zuversichtlich daß Berlins Jüdisches Museum in den kommenden fünf Jahren nicht nur architektonisch, sondern auch politisch und kulturell aneckt – in den besten Traditionen des Judentums.

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