Italien

Israelfreundlich

von Gerhard Mumelter

Zur Presse hatte Turins Bürgermeister Sergio Chiamparino schon immer ein distanziertes Verhältnis. Der »Nahostkrieg am Po« sei eine »pure Erfindung der Medien«, knurrte der nüchterne Linksdemokrat, als er von Journalisten auf die Auseinandersetzungen um die Buchmesse angesprochen wurde. Was Chiamparino besonders verstimmte, waren jene Fotos, die nach der Turiner Kundgebung zum 1. Mai die Titelseiten der italienischen Zeitungen zierten. Sie zeigten ein paar Jugendliche autonomer Gruppen, die israelische und amerikanische
Fahnen in Brand steckten. Die »isolierte Aktion von drei Hitzköpfen« sei von den zahlreichen Teilnehmern gar nicht bemerkt worden, weil sie erst zwei Stunden nach Ende der Kundgebung stattgefunden habe, ärgerte sich Chiamparino.
Was die Protestaktion einiger linker Jugendlicher endgültig zum Politikum ausarten ließ, war ein brisanter Kommentar des neugewählten Parlamentspräsidenten Gianfranco Fini. »Das Verbrennen israelischer Fahnen sei «schwerwiegender» als die Attacke von fünf Nazi-Skins, die kurz zuvor in Verona einen unbeteiligten Jugendlichen mit Fußtritten getötet hatten. Die Äußerungen des prominenten Postfaschisten lösten einen Sturm aufgebrachter Proteste aus. «Ich teile Finis Einschätzung nicht. Beide Vorfälle können nicht im Entferntesten miteinander verglichen werden», erklärte der jüdische Abgeordnete des Partito Democratico, Roberto Della Seta. Zu spät versuchte Fini, seine unbedachte Äußerung zu korrigieren. Während es sich bei den Nazi-Skins um «ein Grüppchen Krimineller ohne politisches Gefolge» handle, sei die antiisraelische Bewegung «sehr wohl organisiert und politisch gefährlicher». Schützenhilfe erhielt Fini vom israelischen Botschafter, Gideon Meir: «Kritik an der Politik unseres Staates ist legitim», so Meir, «doch mit dem Boykott der Turiner Buchmesse ist eine Delegitimierung des Staates Israel verbunden.»
Dass sich eine wachsende Zahl italienischer Juden heute von der Rechten eher verstanden fühlt als von der Linken, lässt sich am jüngsten Wahlergebnis ablesen. Im römischen Ghetto etwa erhielt Gianni Alemanno deutlich mehr Stimmen als sein linker Rivale Francesco Rutelli. Dabei hatte die jüdische Gemeinde Alemanno vor der Stichwahl explizit davor gewarnt, die Unterstützung des ultrarechten Hardliners Francesco Storace zu akzeptieren. Zu den ersten Amtshandlungen des neuen Bürgermeisters gehörte ein Besuch bei der jüdischen Gemeinde.
Warum stimmen jüdische Wähler für einen ehemaligen faschistischen Schläger, den die britische «Sunday Times» kürzlich «Rome’s Duce» nannte? «Vieles hat sich geändert», versichert Viktor Magiar, der 1993 auf der Liste Rutellis in den Gemeinderat der Hauptstadt gewählt worden war. «Die israelfreundliche Haltung ist ein Grundpfeiler der Außenpolitik des Rechtsbündnisses. Dagegen misstrauen viele in der jüdischen Gemeinde der Nahostpolitik von Außenminister Massimo D’Alema», erklärt Magiar. «Auf der pro-israelischen Kundgebung 2002 haben wir Rutelli vermisst», erinnert sich der jüdische Unternehmer Dario Coen. «Mein 15-jähriger Sohn hat erschrocken gefragt, warum man in Italien israelische Fahnen verbrennt.»
Tobia Zevi, 24, linkes Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Roms, kann der aktuellen Lage durchaus Positives abgewinnen: «Dass die Juden heute zwischen rechts und links entscheiden können, ist ein positiver demokratischer Faktor», sagt er.
Alemanno hat indessen in einem Interview mit der «Sunday Times» klargestellt, er dass er kein Faschist sei. «Doch die Modernisierung Italiens ist ohne Mussolini nicht vorstellbar», erklärte der neue Bürgermeister.
Ende gut, alles gut: Die Kundgebung für Palästina am Wochenende in Turin verlief ohne den geringsten Zwischenfall. Und Bürgermeister Chiamparino zog es vor, sein harsches Urteil über die Journalistenmeute nicht zu wiederholen. Denn das Getrommel der Medien hatte auch einen positiven Effekt: Trotz Boykott verzeichnete die Buchmesse einen neuen Besucherrekord.

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026