Atomwaffen

In Reichweite

von Bruno Schirra

Erleichterung alleorten – gepaart mit Häme. So konnte man Ende vergangenen Jahres die Reaktionen auf die unverhoffte Vorweihnachtsüberraschung aus Wa-shington zusammenfassen: den NIE-Bericht von 16 amerikanischen Geheimdiensten zum Stand des iranischen Nuklear- programms. Der Bericht gab, so schien es, im Konflikt um die iranische Nuklearrüstung überraschend Entwarnung. Viel Lärm um nichts, das haben wir ja schon immer gesagt. So die eilige und mehr als nur erleichterte Reaktion in den Medien und den Amtsstuben europäischer Hauptstädte.
Eine allzu bequeme Interpretation der NIE-Analyse – denn die umfasst mehr als 130 Seiten sowie zwei Dutzend erläuternde Anhänge zu den Quellen und Beschaffungswegen der amerikanischen Geheimdienste. Grundlage der politischen wie medialen Analyse des US-Berichts in Europa war jedoch lediglich eine 16-seitige Zusammenfassung. Aber auch die gab keineswegs Entwarnung. 2003 sei lediglich die Arbeit am Waffendesign der Bombe »angehalten« worden, das Atomwaffenprogramm des Gottesstaates also mitnichten beendet. Der Iran halte sich die atomare Option weiterhin offen.
Dass das öffentliche Aufatmen im Wes-ten vorschnell war, stellen jetzt zwei Institutionen fest, die nicht im Verdacht stehen, Interessen Washingtons oder gar Je- rusalems zu vertreten. Ausgerechnet das gemeinsame Forschungszentrum der EU-Kommission im italienischen Ispra (JRC) geht mit einer alarmierenden Expertise an die Öffentlichkeit: Der Iran könne noch in diesem Jahr genügend hoch angereichertes, also waffenfähiges Uran für den Bau einer Atombombe herstellen. Mit einer peniblen Computersimulation der Anreicherungszentrifugen der Urananlage in Natanz demonstrierten die EU-Experten, dass die 3.000 dort derzeit installierten Zentrifugen den Iran binnen Monaten in den Klub der Atommächte katapultieren können. Noch besorgniserregender ist eine weitere Erkenntnis der EU-Wissenschaftler in Ispra. Ihre theoretischen Berechnungen haben die überalterten P1-Zentrifugen in Natanz zur Grundlage. Wenn Teheran genügend P2-Zentrifugen zu Anreicherungskaskaden hintereinanderschaltet, verkürzt sich der Zeitraum, in dem der Iran Atommacht werden kann, dramatisch. Die P2-Zentrifuge arbeitet zweieinhalb Mal so schnell wie die P1.
Die Simulation der europäischen Experten wird aus berufenem Munde als »absolut realistisch« eingeschätzt: »Wir wissen, dass der Iran unmittelbar vor dem technischen Durchbruch steht, ab dem er die jetzt schon installierten 3.000 P1-Zentrifugen auf gleichbleibend hohem Niveau laufen lassen kann«, erklärte ein Inspektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) am Rande der Sitzung des Gouverneursrates der Behörde, die am Freitag vergangener Woche in der österreichischen Hauptstadt begann. »Wenn das geschieht, haben die Mullahs ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk in petto: 25 Kilogramm waffenfähiges Uran.«
Dass dies nicht der Zynismus eines unzufriedenen Atominspekteurs ist, legen öffentliche Äußerungen des britischen Botschafters bei der IAEO in Wien, Simon Smith, nahe. Smith zufolge verfügt die Behörde über konkrete Informationen, Dokumente und Videos, die eindeutig den militärischen Charakter des iranischen Nuklearprogramms beweisen. Der Chefinspekteur der IAEO, Olli Heinonen, hatte dem Gouverneursrat am Montag konkrete Hinweise vorgelegt, dass der Iran an der Bestückung von Raketen mit nuklearen Gefechtsköpfen geforscht hat. Botschafter Smith geht davon aus, dass diese Aktivitäten auch nach dem Jahr 2003 weitergeführt wurden. Alle Informationen über den Umbau der Shahab-3-Raketen durch das iranische Militär, sowie dessen Forschungen zur Wirkung und Detonation von Nuklearsprengköpfen haben, so jedenfalls Ollie Heinonen im Briefing der Diplomaten, nur einen Sinn: Die Shahab-3-Rakete soll nuklear bestückt werden. Die Reichweite der Shahab-3 ist so ausgelegt, dass sie schon jetzt jeden Ort in Israel erreichen kann. Das Nachfolgemodell, die Shahab-4, kann hingegen Europa erreichen.

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