Kritik an Israel

In der Solidaritätsfalle

von Michael Wuliger

Mord an Benazir Bhutto. Unruhen in Ke‐
nia. Rauchverbot in deutschen Gaststätten. Ölpreis bei 1.000 Dollar. Die Nachrichten dieser Tage sind schlecht. Das ist gut für die Juden. Angesichts frischerer Katastrophen ist der Nahe Osten in der Berichterstattung nach hinten unter die Kurzmeldungen gerutscht. Damit bleibt einem derzeit der übliche morgendliche Spießrutenlauf im Büro erspart. Sie kennen das vielleicht: Wenn am Vorabend die Tagesschau mit der neuesten israelischen Militäraktion in Gasa oder der Westbank aufgemacht hat, steht, kaum hat man den Mantel aufgehängt, schon ein Kollege neben einem und fragt vorwurfsvoll: „Was habt Ihr denn da schon wieder gemacht?“
Dieselbe Frage hat man sich am Abend zuvor selbst auch gestellt, sogar schärfer formuliert: „Was für einen Mist bauen die denn da schon wieder?“ Doch das war intern, unter uns. Jetzt ist es etwas völlig anderes. Sicher, der da fragt, ist ein netter Kollege, mit dem man sich normalerweise gut versteht, fast schon auf freundschaftlichem Fuß ist. Der Mann ist auch kein Hardcore‐Antizionist, im Gegenteil: Gern erzählt er, dass er Israel mag, seit er dort als Jugendlicher in einem Kibbuz Apfelsinen gepflückt und den ersten Sex hatte. Er tritt auch nicht aggressiv auf, eher mit sorgenvoll zerfurchter Miene.
Und trotzdem: Wie bei Pawlows Hunden, denen, wenn sie eine Glocke hörten, automatisch der Speichel aus dem Maul lief, greift bei manchen Diasporajuden, wenn es um Israel geht, in Hundertstelsekunden der Solidaritätsreflex. Egal, was man selbst wirklich denkt – wenn es ein Goj ist, der fragt, geht man in die Verteidigungsstellung. Zu sagen „Finde ich auch ziemlich fragwürdig, was geschehen ist“, verbietet sich da von selbst. Das wäre Feigheit vor dem Feind. Wer das tut, ist min‐destens ein Assimilationist, wenn nicht gar ein selbsthassender Jude. Man möchte ja nicht erleben, dass ein (tatsächlicher oder nur vermeintlicher) Feind Israels abends am Stammtisch triumphierend sagen kann: „Sogar Herr Löwenstein bei uns im Büro kritisiert das. Und der ist Jude.“
Also rechtfertigt oder relativiert man, was man eigentlich selbst peinlich, ja ka‐tastrophal findet, von überzogenen Militäraktionen über korrupte Politiker bis zu abstrusen Spinnereien irgendwelcher Charedim. Anfangs argumentiert man noch: Israel ist von mörderischen Feinden umgeben und muss hart handeln, wenn es nicht untergehen will; viel Zeit zum Abwägen hat man da nicht. Korrupt sind andere Politiker in anderen Ländern auch, sogar noch viel korrupter; die Ultraorthodoxen tun auch viel Gutes. Verfängt das nicht, sprich, das Gegenüber stimmt einem nicht sofort zu und entschuldigt sich für die dumme Frage, wird der Ton unwillkürlich schärfer. Gegenfragen werden gestellt, die dem Fragesteller selektive Wahrnehmung nachweisen sollen, wenn es um Israel und Juden geht. Warum er sich über 12 tote Araber in Gasa aufregt, aber noch nie ein Wort über hunderttausend Tote in Darfur verloren hat? Was mit Korruption zum Beispiel in der politischen Partei ist, deren Mitglied der Fragesteller ist? Ob Zeugen Jehovas wie Frau Pfleiderer aus der Buchhaltung nicht allemal irrationaler sind als alle Chassidim zusammen – aber die Kollegin würde man nie so anklagend ansprechen.
Dass man einen Großteil der Kritik insgeheim selbst teilt, ist im Eifer des Gefechts längst verdrängt. So ist es denn auch nicht mehr weit bis zum finalen Totschlagsargument: Der Fragesteller ist Antisemit! Dass er das vehement abstreitet, beweist es aufs Trefflichste. Ihm ist eben nicht bewusst, welche judenfeindlichen Affekte er aufgrund 2.000 Jahre abendländischer Geschichte mit sich herumschleppt. Von seiner familiären Sozialisation ganz zu schweigen. Wozu sind wir schließlich in Deutschland: „Was hat Ihr (Groß-)Vater eigentlich im Krieg gemacht?“ An dieser Stelle endet in der Re‐
gel die Unterhaltung. Das kollegiale Einvernehmen meist auch. Immerhin, ein Gutes hat das Ganze: Auf den Nahostkonflikt wird man mit Sicherheit nie wieder angesprochen werden.
Aber den diskutieren wir eh lieber unter uns. Viele Juden fahren unter anderem auch deshalb gern nach Israel, weil sie hier offen sagen können, was sie denken. Denken sie. Erstens reagieren viele Israelis auf Kritik von Diasporajuden haargenau so wie diese auf Kritik von Gojim. Zweitens kommt man meist nicht einmal dazu, Fragen zu stellen, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, sich Vorwürfen gegen die eigene Person zu erwehren. Vorneweg die mittlerweile schon in dritter Generation formulierte Anklage gegen deutsche Juden: „Wie kannst Du nur ausgerechnet in dem Land leben?“ Dabei geschieht oft etwas Paradoxes: Derselbe Solidaritätsreflex wie daheim meldet sich, nur diesmal zugunsten Deutschlands. Neonazis? Gibt es in anderen Ländern auch, sogar bei euch. Wirtschaftliche Unterstützung antizionistischer Regimes? Die Franzosen sind viel schlimmer. Ab einem bestimmten Punkt verfällt der deutsche Jude, der daheim nicht distanziert genug sein kann, sogar in die erste Person Plural: „Wir stimmen in der UNO immer für Israel.“ „Unsere Regierung unterstützt die jüdischen Gemeinden aufs Großzügigste.“ Und – das soll so wirklich einmal gefallen sein: „Ohne unsere Wiedergutmachung stündet Ihr Israelis ganz schön schlecht da.“ Dazu passt der von Herzen kommende Satz eines deutschen Juden beim Landeanflug einer EL AL‐Maschine in Frankfurt. „Puh, bin ich froh, wieder zu Hause zu sein!“ Aber zitieren Sie das bitte nicht, wenn wir nicht unter uns sind.

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