Darwin-Jahr

In der Natur der Sache

von Malte Oberschelp

Als Charles Darwin am 12. Februar 1809 geboren wurde, befand sich die Wissenschaft weitgehend in Übereinstimmung mit der Tora. Das Alter der Erde von 6.000 Jahren stand für die meisten Naturforscher außer Zweifel. Die Sintflut war für viele Geologen ein Ereignis, das tatsächlich die Oberfläche der Erde geformt hatte. Die Entstehung der Welt wurde durch die Schöpfungsgeschichte erklärt. Das betraf besonders die Überzeugung, alle Tiere und Pflanzen hätten sich seit ihrer Erschaffung nicht verändert.
Diese biblischen Erklärungen setzte Darwin außer Kraft. Sein Buch Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein bewies, dass die Natur im Laufe vieler Generationen neue Arten hervorbringen konnte. Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl setzte den Menschen als Krone der Schöpfung ab. Und Darwins geologisches Werk erklärte die Entstehung der Erde als unendliche Abfolge minimaler Veränderungen, was die Bedeutung von Na‐
turkatastrophen minimierte.
Ähnlich wie bei der Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes zwei Jahrhunderte zuvor gerieten die Religionen erneut in Erklärungsnot. „Natürlich hat auch das Judentum diese Erschütterung mitgemacht, genau wie bei Kopernikus“, sagt Tom Kucera. Er ist promovierter Biochemiker und zugleich Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde München. „Aber das Judentum hatte immer eine undogmatische Sichtweise“, sagt Kucera, „deshalb war die Erschütterung durch Darwin nicht so groß wie im Christentum.“
Als Beispiel nennt er die Midrasch‐Literatur, eine Sammlung der einfallsreichen Geschichten des rabbinischen Judentums, die die Gedankenlücken der Tora nach und nach ergänzten. „Die Midrasch‐Literatur konnte die Schöpfungsgeschichte so erweitern, dass sie mit der modernen Wissenschaft übereinstimmt.“ Die Angleichung an Darwins Theorie wurde außerdem dadurch erleichtert, dass in den jüdischen Quellen eine Welt vor der heutigen Welt existierte. „Es gibt in der lurianischen Kabbala sogar Andeutungen, dass es bereits viele Welten vor unserer gab, dass Gott experimentiert hat“, sagt Kucera.
Zunächst wollte Darwins Vater, ein angesehener Arzt, dass sein Sohn Medizin studiert. Doch der junge Charles verließ 1827 die Universität Edinburgh ohne Abschluss. Seine Passion war die Jagd. „Du kümmerst dich nur ums Jagen, um Hunde und Rattenfangen, du wirst eine Schande für die ganze Familie sein“, schimpfte der Vater. Er schickte seinen Sohn nach Cambridge. Doch Darwins Leistungen ließen weiter zu wünschen übrig. Stattdessen wurde er ein leidenschaftlicher Käfersammler und lernte den Botanikprofessor John Stevens Henslow kennen. Das Interesse an Naturforschung war geweckt.
Henslow war es auch, der Darwins Leben die entscheidende Wendung gab: Nur wenige Monate nach dem Examen empfahl er ihn als wissenschaftlichen Begleiter auf dem Vermessungsschiff „Beagle“. Ohne diese Weltreise von 1831 bis 1836 wäre aus Darwin nie der bedeutende Wissenschaftler geworden, als den wir ihn heute kennen: Alle wichtigen Denkanstöße zur Evolutionstheorie gewann Darwin in dieser Zeit. „Ich machte die Entdeckung, dass das Vergnügen zu beobachten, zu schließen und zu urteilen viel höher stand als das der Geschicklichkeit des Jagens“, schrieb er.
Der wichtigste Abschnitt der Reise war der Aufenthalt in Südamerika. Während die „Beagle“ die Küsten vermaß, unternahm Darwin ausgedehnte Landpartien. Dabei stellte er fest, dass der Kontinent aus dem Meer aufgestiegen sein musste. Diese langsame Veränderung wurde später die Blaupause für die Mutation von Tieren und Pflanzen. Auch fand Darwin versteinerte Gürteltiere, die lebenden ähnelten, aber wesentlich größer waren. Und schließlich stellte Darwin auf dem Galapagos‐Archipel fest, dass Finken oder bestimmte Schildkrötenarten auf jeder Insel ein wenig anders aussahen. Wie war das ohne Veränderung möglich?
Als Darwin 1836 nach England zurückkehrte, ließ er sich als Privatgelehrter nieder. Der Reichtum seiner Familie ermöglichte es ihm. In den folgenden zehn Jahren schrieb er einen Reisebericht sowie drei geologische Bücher über Korallenriffe, Vulkane und Südamerika, gab eine fünfbändige Reihe seiner Sammlungen heraus – und arbeitete in Notizbüchern die Evolutionstheorie aus. 1842 und 1844 fasste er die Ergebnise in zwei Essays zusammen, die das Grundgerüst der Entstehung der Arten bilden.
Doch das Buch kam erst 1859 heraus. Und auch das nur, weil ein anderer Naturforscher, Alfred Russel Wallace, die gleiche Idee gehabt hatte und Darwin zuvorzukommen drohte. Abgesehen von der Reaktion der Kirche fürchtete Darwin um seine wissenschaftliche Reputation, weil alle seine Kollegen Anhänger der alten Lehre waren. Er brauchte Beweise – und bessere Zoologiekenntnisse. Also schrieb er zunächst eine vierbändige Monografie über fossile und lebende britische Entenmuscheln.
Nebenbei arbeitete Darwin seine Theorie aus. Er war ein fantasievoller Experimentator und legte etwa Samen in Salzwasser ein, um die Verbreitung von Pflanzen über das Meer zu erklären. Der wichtigste Motor der Mutation aber war die Selektion. In einer Umgebung voller Feinde konnten kleinste Adaptionen einen Vorteil verschaffen, der das Überleben der Nachkommen sicherte.
Als Die Entstehung der Arten erschien, gab es eine große Kontroverse. Darwin hielt sich komplett heraus und überließ es seinen Mitstreitern Joseph Hooker und Thomas Huxley, die Diskussion mit den empörten Bischöfen und Wissenschaftlern zu führen. Der Mann, der in Südamerika Hunderte von Meilen geritten war und die Anden überquert hatte, war ein vorsichtiger Einzelgänger geworden, der wissenschaftlichen Kontroversen aus dem Weg ging. Darwin lebte zurückgezogen auf dem Land und litt an einer chronischen Krankheit. Im Arbeitszimmer hatte er einen Spiegel angebracht, der den Blick auf den Fußweg zur Haustür ermöglichte.
Weil ihm der Trubel um sein Buch lästig war, wandte Darwin sich in den nächsten Jahren der Botanik zu. Seine enorme Bedeutung auf diesem Gebiet wird heute kaum wahrgenommen. Insgesamt verfasste er ein halbes Dutzend Bücher über Kletterpflanzen, insektenfressende Pflanzen und die Befruchtung von Orchideen.
Allerdings nahm die Öffentlichkeit, wie Darwin befürchtet hatte, die Entstehung der Arten zum Anlass, so offen wie nie über die Genealogie des Menschen zu spekulieren. In London gab es eine Gorillahysterie, und Werke über die Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen erschienen. Darwin hatte das Thema bisher peinlich vermieden, doch der Druck auf ihn nahm zu: 1871 veröffentlichte er Die Abstammung des Menschen. Wieder gab es eine Diskussion, die Darwin so gut es ging vermied. Danach beschäftigte er sich, von Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren einmal abgesehen, nur noch mit unverfänglichen Themen wie Pflanzen und der Rolle der Regenwürmer im Erdreich.
Darwin starb am 19. April 1882. Er wollte in seinem Wohnort Down bestattet werden, doch war sein Renommee inzwischen so groß, dass er einen Platz in der Westminster Abbey bekam – neben Isaac Newton. Das Staatsbegräbnis wurde in England als Versöhnung von Wissenschaft und Glauben aufgefasst.
Heute gibt es im Christentum starke Bestrebungen, die Evolutionslehre aus dem Schulunterricht zu verbannen. Im Judentum ist das nicht so. „Natürlich haben viele traditionelle Juden Probleme mit der darwinistischen Theorie, manche Rabbiner haben eine andere Meinung“, sagt Tom Kucera. „Aber ich würde da nicht von Strömungen sprechen, sondern von individuellen Persönlichkeiten.“

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