Hannover

In der Mitte

Im vergangenen Jahr wurde hier noch Reis serviert – jetzt wird gebetet. Ein koreanisches Restaurant befand sich in den Räumen, in die jetzt das Ge-
meindezentrum der ersten und einzigen bucharischen Gemeinde Deutschlands eingezogen ist. Am Haus Göttinger Chaussee 43, mitten in Ricklingen, dem historischen Arbeiter- und Industriestadtteil Hannovers, in dem heute vielmehr Studenten und Migranten, aber auch alteingesessene Hannoveraner leben, weist ein schlichtes Messingschild auf die neuen Mieter hin.
Es ist ein einfaches Reihenhaus aus der Vorkriegszeit, in das die Sefardo-Bucharische Jüdische Kulturelle Religionsgemeinde e.V. eingezogen ist. Dunkelrote Back-
steinfassaden, Lindenbäume am Straßenrand, gegenüber die denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Telefunkenwerke.
Marina Cealaia, die junge Gemeindesekretärin, bittet den Besucher freundlich herein. Nein, das ist kein Problem. Sie wohne ganz in der Nähe und wird gern alles zeigen. Man ist ganz offensichtlich stolz auf das Erreichte.

Unterricht Von dem koreanischen Res-
taurant ist außen wie innen nichts mehr zu erkennen. Von einem Empfangsraum aus geht es links zum Büro, in die Küche und in einen Raum für die Jugendarbeit. Rechts öffnet sich eine braune Falttür zur Betstube. Iryna Daychman schließt sich der kleinen Führung an. Sie ist Lehrerin und hat gerade zwei kleine Schüler verabschiedet, die bei ihr Englisch lernen. Sprach- und Nachhilfeunterricht, dazu Schach, Musik und Kunst und mithilfe eines Lehrernetzwerks Mathe und Physik, bietet die bucharische Gemeinde seit fünf Jahren an. »Un-
sere Kinder haben immer gute Noten, besser als die anderen«, sagt die Lehrerin stolz.
Der Umbau des Zentrums hat ein halbes Jahr gedauert. »Das war sehr viel Arbeit«, sagt Marina Cealaia. »Unser Vorsitzender hat praktisch auf der Baustelle gewohnt.« Seit Februar dieses Jahres ist man nun präsent. Inzwischen ist auch die Synagoge eingerichtet, sodass am 9. September die Einweihung stattfinden kann. Die Vorberei-
tungen laufen auf Hochtouren. In der Kü-
che stapeln sich die Kartons mit koscherem Wein. Die Liste der geladenen Gäste ist lang. Zu ihnen wird auch eine Delegation der bucharischen Gemeinde aus Wien ge-
hören, die sich den Buchara-Juden in Hannover besonders verbunden fühlt. Kostbare Geschenke wie die Torarollen, der Vorhang vor dem Toraschrank und der Wanddekoration schenkte die Wiener Gemeinde.
Die größte Gruppe der Festtagsgäste aber wird die Jüdische Gemeinde Hannover stellen, mit der man gemeinsam feiern will. Hier gibt es ganz enge Bindungen, denn bis zu ihrem Einzug in die Göttinger Chaussee war die bucharisch-jüdische Gemeinde ebenfalls in der Haeckelstraße zu Hause, eigenständig zwar, aber unter einem Dach vereint.
Bucharische Juden lebten schon 200 Jahre vor der Zeitrechnung im Gebiet des heutigen Usbekistan und Turkmenien. Sie sind die Nachfahren der Juden, die in babylonische Gefangenschaft gerieten. Die bu-
charische jüdische Gemeinde ist eine der ältesten Gemeinden der Welt. Sie lebte über längere Zeit völlig isoliert vom übrigen Judentum, konnte jedoch ihren Glauben und ihre nationale Identität bewahren. Seit Anfang der 90er-Jahre kamen bucharische Juden nach Hannover. »Die Jüdische Gemeinde Hannover ermöglichte uns die Durchführung des Minjans im gemeinsamen Bethaus. Als die bucharische Gemeinschaft wuchs, wurde es vor allem wegen des anderen Gottesdienstritus notwendig, eine eigenständige Gemeinde zu gründen«, erläutert Mikhail Davydov.

Anspruch Das geschah im November 2002. »Heute gehören ihr in Deutschland mehr als 200 Mitglieder an, von denen jedoch etwa 80 nicht in Hannover, sondern im übrigen Bundesgebiet leben«, zitiert der Vorsitzende Mikhail Daydov aus der Chronik. Man wolle die bucharischen Juden zusammenführen, hatte es vor sieben Jahren in der Gründungsversammlung geheißen. Die Aufgabe dieser kulturell-religiösen Gemeinde sei darüber hinaus die Integration in das kulturell-wirtschaftliche Leben Deutschlands und der gleichzeitige Erhalt der Kultur und Religion. Ziel sei es, so Davydov, die Heranwachsenden zum Engagement zu motivieren und über die bucharische Lebensweise aufzuklären. Das Feiern der traditionellen Festtage solle ihren Kulturschatz und das geistliche Vermögen der Mitglieder mehren helfen. So gründete die Gemeinde ein Jugendzentrum, einen Frauenrat und einen Ältestenrat. Seit 2004 gibt es das Kulturelle Aufklärungszentrum für den Erhalt ihrer Sitten und und Traditionen in Deutschland.
Die Jüdische Gemeinde Hannover benötigte ihrerseits die Räume in der Haeckelstraße für ein Jugendzentrum und die Kindertagesstätte. »Allerdings haben wir uns nur ungern von der bucharischen Gemeinde getrennt, denn das Ganze ist natürlich eine Kostenfrage«, sagt Vorsitzender Michael Fürst. »Für den Landesverband wird es nun teuerer. Die Buchara-Gemeinde hatte in der Haeckelstraße bereits eine eigene Betstube und eigene Räume, aber zu niedrigeren Kosten.«
In der Göttinger Chaussee ist man froh über die Entwicklung. »Der Umbau war teuer, aber wir bekamen Spenden von Ge-
meindemitgliedern«, sagt Marina Cealaia. Entstanden ist ein zentraler Treffpunkt. »Wir Buchara-Juden haben einen engen Zusammenhalt. In der Sowjetunion lebten wir alle in der Nähe der Synagoge. Das geht hier nicht, denn wir sind über alle Stadtteile verstreut. Aber die neue Synagoge liegt genau in der Mitte. Sie ist für alle gut.«

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