Lichtigfeldschule

In alten Mauern ganz neu

von Annette Wollenhaupt

Es ist Montag, der 28. August. Schulbeginn in Hessen. Vor dem alten, imposanten Philanthropin in Fankfurt am Main stehen drei mit Bauschutt und ausgemustertem Lehrmaterial gefüllte Container. Sicherheitskräfte der jüdischen Gemeinde und Polizeibeamte halten die Augen auf, zwei Über- wachungskameras auf metallenen Stelzen flankieren das Gebäude. Ein ungewohntes Bild für die Anwohner im Frankfurter Nordend. Diente das Haus doch lange Jahre Dr. Hochs Konservatorium als Domizil: Schüler mit Kontrabässen, Geigen, Bratschen und Celli gehörten zum gewohnten Bild – Schüler, die keines besonderen Schutzes bedurften.
Eltern passieren mit ihren Kindern den Eingang, schauen sich um. Alles ist neu. Im Foyer erinnert eine prachtvolle Marmorgedenkplatte mit goldenen Lettern an Siegmund Geißenheimer, den Gründer des Philanthropin. Arbeiter transportieren eine Brandschutzplatte für das Dachgeschoß, der Geruch frisch verlegten Linoleumbodens durchzieht das vierstöckige Gebäude. Alexa Brum, die Schulleiterin, ist aufgeregt und zugleich voller Freude. Kollegen und Freunde schauen vorbei, umarmen sie und wünschen ihr alles Gute am neuen Ort. Es liegt Aufbruchstimmung in der Luft, überall: im Lehrerzimmer, im Sekretariat und in den langen Fluren, in denen Eltern – ihre Kinder an den Händen – bestrebt sind, sich nicht zu verlaufen.
Noch ist vieles improvisiert. An der Wand zu Füßen der großen Haupttreppe geben handbeschriftete bunte Pappschilder Auskunft über die Lage der einzelnen Räume. Deren Zahl ist mit dem Umzug eindrucksvoll gestiegen: Zwei Räume für den naturwissenschaftlichen Unterricht, einen Spiegelsaal, eine Mensa, eine Caféteria, einen zusätzlichen Musikraum, eine Aula, zwei Medienräume und drei Teeküchen.
In der Hektik hat Alexa Brum glatt vergessen, für die sieben neuen Lehrer und zwei Referendare Schlüssel anfertigen zu lassen. – Macht nichts, wird nachgeholt. Dafür stehen im Lehrerzimmer vier Kuchen und Torten, die die Schulleiterin für das Kollegium gebacken hat. Alexa Brum ist glücklich. Die vergangenen Wochen waren angefüllt mit Planungen, Coaching und Supervision, mit dem Erstellen pädagogischer Konzepte zur Ganztagsschule und zur Sekundarstufe.
Ein Ort im Gebäude, den die Schulleiterin besonders ins Herz geschlossen hat, ist der Erker im Lehrerzimmer. Oberhalb der Fenster wurden alte Wandgemälde freigelegt. Ein Eichhörnchen und mehrere Paradiesvögel tummeln sich inmitten von Weinreben. »So etwas bindet zurück an die Zeit, da das Philanthropin entstand«, sagt Brum. Es sei schön, zu sehen, daß schon damals so viel Sorgfalt an den Tag gelegt wurde, wie wir es heute erneut tun. Auf diese Weise schließe sich ein Kreis.
Von einem »historischen Moment« spricht am Dienstag bei der Einschulungsfeier der Erstklässer Dieter Graumann, der Schuldezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er betont, es sei »die erste, die allererste Einschulung in unserer neuen Schule, in der Lichtigfeldschule im Philanthropin«. Bewegt schaut er zurück: »Wie haben wir für diesen Tag gearbeitet, geschuftet. Wie haben wir von diesem Tag geträumt!« Vor gut zehn Jahren sei die Idee, das Philanthropin als jüdische Schule zurückzugewinnen, zunächst nur wilde, wirre Phantasie gewesen, erinnert Graumann. Dann sei daraus eine Vision geworden, dann ein Projekt, ein Plan. »Und in diesen Tagen wird das alles tatsächlich Wirklichkeit.«
Mit dem Umzug hat sich die Schule nach außen geöffnet, ist aus ihrer unmittelbaren Nähe zu anderen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde herausgetreten. Eine Entwicklung, die Direktorin Alexa Brum sehr begrüßt. »Jetzt treten wir richtig in die Gesamtgesellschaft ein!« Viele Eltern denken ähnlich. Doron Israel zum Beispiel, der an diesem ersten Tag nach den Ferien seinen Sohn Albert zur Schule bringt. »Das Philanthropin hat eher den Charakter einer normalen Schule und nicht mehr den eines Ghettos«, sagt er. Er wünscht sich, daß mit der Zeit noch mehr nichtjüdische Schüler aufgenommen werden.
Mit dem Umzug ins Philanthropin beginnt eine große Herausforderung: Ab sofort konkurriert die Schule ganz direkt mit anderen. Damit beginne ein neues Spiel, betont Dieter Graumann: »Der exzellente Ruf unserer Schule muß wieder ganz neu erarbeitet und erkämpft werden.« Doch der Schuldezernent ist zuversichtlich: »Ich habe keinen Zweifel.« Daß die Schule ab jetzt auch Gymnasium sei und obendrein Ganztagsschule, und das gleich alles auf einmal, dies sei zwar »mehr als eine anspruchsvolle Aufgabe«, sagt Graumann. Doch: »Das wird gelingen. Denn unsere Schule wird getragen von einem Kollegium, das ein einzigartiges pädagogisches Kompetenzzentrum ist, von einer Schulleitung mit einem Einsatz, der seinesgleichen sucht und von Eltern, die engagiert und hilfsbereit sind, wie es besser nicht geht.«
Auch Schulleiterin Brum ist voll des Lobes über die Eltern. »Sie haben beim Umzug jede Panne mit Gelassenheit und Freundschaftlichkeit hingenommen.« Der Abschied vom alten Gebäude fiel ihr selbst durchaus schwer. »Ich habe mich dort geborgen gefühlt«, sagt sie. Doch es sei eben wie in jeder Familie, man werde groß und verlasse sie schließlich.
Den Schritt ins geschichtsträchtige Philanthropin, das die Nazis 1942 schlossen, bezeichnet Alexa Brum als »ungeheuer mutig«. Man müsse ihn gehen, »dabei aber ganz wachsam sein«. Und immer wieder von neuem fragen, »wie weit Integration gehen darf und wie weit sie möglich ist«.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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