Debatten

In aller Öffentlichkeit

von Katrin Richter und
Heide Sobotka

Fünf getötete Kinder im schleswig-holsteinischen Darry. Wie kann so etwas geschehen? In Talkrunden diskutieren Politiker, Psychologen und Polizeikommissare, prominent und auf hohem Niveau. Doch wie sieht es im kleinen Rahmen aus? Wo bleibt die rabbinische Stimme? Sollen sich Rabbiner auf lokaler Ebene zu gesellschaftsrelevanten Themen zu Wort melden?
»Das wäre doch ganz normal«, findet Natalia Jarkovskaia. »Mir gefällt die Vorstellung, weil ich persönlich kaum Gelegenheit habe, einem Rabbiner zu begegnen«, sagt die Frau eines Kleinunternehmers in Frankfurt am Main. »Ich gehe nicht in die Synagoge. Wenn ich in einer Talkrunde die Argumente und Ansichten eines Rabbiners kennenlernen würde, vielleicht würde ich dann auch wieder zum Glauben zurückfinden«, sagt die 49-Jährige.
Der Rabbiner sei schließlich Vertreter einer anerkannten Gemeinde und müsse sich nicht verstecken, sagt Zanel Fruchtmann aus Köln. »Repräsentanten von Religionen sollten sich gesellschaftspolitisch ins öffentliche Leben einbringen«, sagt der ehemalige Journalist und nennt als Beispiel das Thema Integration. Eine stärkere Präsenz der Rabbiner im öffentlichen Leben würde seiner Meinung nach auch das gegenseitige Verständnis fördern, betont der 78-Jährige.
Auch Frania Merten ist dafür, dass sich die Rabbiner nicht nur auf ihre religiösen Funktionen konzentrieren. »Da bleibt der Blickwinkel zu eng«, sagt die zweifache Mutter. In einer Gesellschaft, die immer offener werde, komme es nach ihrer Ansicht weitaus mehr darauf an, aufeinander zu hören, zu sehen und voneinander zu lernen. Die 60-Jährige ist davon überzeugt, dass Rabbiner durch ihr Auftreten, etwa in einer politischen Diskussionssendung, dazu beitragen würden, Misstrauen und Unverständnis abzubauen.
In Braunschweig ist aus der Theorie schon längst Praxis geworden. Als im vergangenen Sommer das Thema Kinderarmut diskutiert wurde, haben christliche Wohlfahrtsverbände und jüdische Gemeinde einen gemeinsamen Spendenaufruf verfasst. Dabei ging es nicht nur um Geld, sondern auch um ganz praktische Dinge wie Schulbücher, Hefte, Stifte und Unterstützung für Klassenfahrten. Inzwischen hat auch der Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche einen Vortrag in der jüdischen Gemeinde gehalten. Umgekehrt wird Rabbiner Jonah Sievers demnächst im Dom einen Vortrag halten. »Die jüdische Ethik ist auch für die nichtjüdische Welt wichtig. Wenn wir gefragt werden, sollten wir unsere Ansichten über Abtreibung oder Gentechnik durchaus kundtun«, unterstützt die Gemeindevorsitzende Renate Wagner-Redding die Arbeit des Rabbiners.
Ein Gemeindemitglied aus Kassel möchte es dem Selbstverständnis des Rabbiners überlassen, ob er sich zu Wort meldet oder nicht. »Es ist seine freie Entscheidung, wann er sich zu welchen Themen öffentlich äußert.« Die Meinung des Rabbiners interessiere ihn, vor allem, wenn es um ethische und moralische Fragen geht. Standpunkte von Personen, die ein gewisses Ansehen genießen, egal, ob es Politiker, Bischöfe oder Rabbiner seien, halte er für wichtig.
David Reusmann aus Düsseldorf meldet Bedenken an. »Meiner Meinung nach muss ein Rabbiner sich zu Wort melden, wenn er etwas zu sagen hat. Doch ich glaube, das Problem liegt darin, dass nicht alle Rabbiner reif sind, um über etwas zu entscheiden oder etwas zu sagen, was die Öffentlichkeit interessiert«, sagt der 72-Jährige.
Ein Kölner Gemeindemitglied glaubt nicht, dass es Rabbiner gibt, die eloquent genug sind, eine gesellschaftspolitisches Thema vertreten zu können. »Das Judentum insgesamt hat nicht das Gewicht in der Gesellschaft wie zum Beispiel das Christentum.«
Mikhail Tanaev ist nicht der Meinung, dass Rabbiner sich unbedingt öffentlich zu gesellschaftlichen Themen äußern sollten. »Das könnte eine falsche Wirkung haben«, sagt der Dresdener Student. Eine eigene Meinung könnten sie haben, sie aber nicht als verbindlich deklarieren.
Diese Gefahr sieht auch Heiner Olmer, Gemeindevorsitzender in Bamberg. Wenn sich Rabbiner äußerten, müsse immer die religiöse Pluralität gewahrt bleiben, betont er. »Wir müssen uns mit unseren ethisch jüdischen Positionen nicht verstecken, sondern Position beziehen.« Prinzipiell sei er dafür, dass sich Rabbiner zu Themen wie Abtreibung, Genforschung und Organverpflanzungen zu Wort melden.
Grundsätzlich wünsche er sich rabbinische Stellungnahmen, sagt der Freiburger Biochemiker Ilia Polian. Der Rabbiner müsse dabei aber immer für sich sprechen und nicht im Namen der Gemeinde. »Rabbiner sind ja auch Bürger dieses Landes und haben eine eigene Meinung zu vertreten.«
Eine solche dezidierte Ansicht hat der sächsische Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl. Ihm ist es wichtig, sich zu Themen, die nicht nur die Gemeinde anbelangen, zu äußern. »Wir müssen uns mit der Öffentlichkeit verständigen und mit ihr einen Dialog führen. Ich denke, dass ist ganz wichtig für die Entwicklung unserer Gemeinde. Wir sind keine anderen Menschen als andere und haben die gleichen Probleme wie sie.«
Er werde sehr häufig zu Diskussionsrunden eingeladen, sagt der 61-Jährige. Offensichtlich gibt es doch Bedarf, die rabbinische Stimme zu hören.

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