Amy Winehouse

In acht Stunden clean

von Sabine Brandes

Sie war schon mal hier. Mehrfach. Letzten Purim stakste Amy Winehouse über die Straßen von Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Beim näheren Hinsehen freilich war es nicht die Soulsängerin selbst, sondern verkleidete Teenager, bei denen die hoch aufgetürmten Haare meist gefährlich windschief lagen und die superknappen Minis auch nicht wirklich gut saßen.
Doch keine Frage, die Winehouse hat großen Eindruck auf die Israelis gemacht. Im jüdischen Karneval zumindest war es der Hit, ihr Lookalike zu sein – verklärter Blick inklusive. Nun sollen es nicht mehr nur Doppelgängerinnen im Heiligen Land sein, wahrscheinlich wird sie bald höchstpersönlich anreisen. Zur großen Trauer ihrer Fans jedoch nicht für ein Konzert. Amy, so brodelt die Gerüchteküche, will sich in Aschkelon einer besonderen Drogentherapie unterziehen.
Die 25-Jährige aus einer Londoner jüdischen Familie ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme und eines sicher nicht: »ein gutes jüdisches Mädchen«. Mit ihrer grandios-rauchigen Stimme gelang ihr der Durchbruch in der ganzen Welt. Der unverwechselbare 60er-Jahre-Stil in Sachen Musik und Aussehen unterscheidet sie angenehm von anderen glatt gekämmten musikalischen Eintagsfliegen. Mittlerweile hat es Winehouse auf fünf Grammys gebracht, bei deren Verleihung in den USA sie jedoch lediglich per Satellitenübertragung anwesend sein konnte. Die amerikanischen Behörden hatten der Britin die Einreise verweigert. Denn auch in Sachen Benehmen ist sie alles andere als gewöhnlich: Schlägereien, zertrümmerte Hotelzimmer, ein Ehemann hinter Gittern und immer wieder Drogenexzesse prägen das Auftreten der Sängerin.
Vielleicht aber verläuft ihr Leben schon bald in geordneten und vor allem gesünderen Bahnen. In der ANR-Klinik des Barzilai-Krankenhauses von Aschkelon könnte Amy Winehouse praktisch über Nacht von ihrer Drogensucht befreit werden. Ob sie tatsächlich schon einen Termin hat, wird geheim gehalten, Schutz und Privatsphäre der Patienten stehen über allem. Lea Malul, Pressesprecherin des Barzilai, hat demzufolge nicht mehr als ein knappes »kein Kommentar« parat.
Dr. André Waismann, Leiter der ANR-Klinik, würde sie sofort behandeln. Wie jeden anderen Drogensüchtigen auch, ob Star, Sternchen oder Normal-Sterblichen. Den Abhängigen eine effektive Heilungsmethode anzubieten, bei der sie nicht verurteilt, sondern wie kranke Menschen behandelt werden, ist seine Mission. Wais-
mann kommt ursprünglich von der Intensivmedizin und ist heute eine Koryphäe auf dem Gebiet der Opiatabhängigkeit. ANR steht für Accelerated Neuroregulation, eine beschleunigte Methode, bei der die Sucht und ihre Symptome umgekehrt werden. Der Arzt entwickelte sie vor 14 Jahren selbst und hat mittlerweile mehr als 11.000 Menschen aus aller Welt behandelt. Seine Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent.
Bislang ist Israel das einzige Land, in dem ANR in einem staatlichen Krankenhaus angeboten wird. Die Behandlung ist privat und kostet um die 8.600 Euro.
»Es gibt ein Missverständnis, wenn es um Drogensucht geht«, erläutert Waismann. »Sie ist kein soziales oder psychologisches Problem, sondern ein neurologisches. Süchtige nehmen Drogen, um high zu sein. Sonst nichts. Sie werden abhängig und daraus resultiert eine Fehlfunktion des zentralen Nervensystems, die neurologisch behandelt werden kann.«
Waismanns Patienten werden innerhalb von Stunden clean, nicht in Tagen oder Wochen. Bei ANR werden die Narkotika aus dem Gehirn des Patienten gewaschen, während er sich in einer sechsstündigen Vollnarkose befindet.
Der »Waschvorgang« dauert etwa eine Stunde. In den verbleibenden fünf durchlebt der Abhängige die extrem schmerzhaften Entzugserscheinungen, ohne etwas davon mitzubekommen. »Das ist der erste Schritt, nicht rückfällig zu werden, denn der Patient kann ja nicht weglaufen«, so der Mediziner.
Auch gegen das sogenannte »mentale Verlangen«, das bei herkömmlichen Therapien zu einer Rückfallquote von bis zu 98 Prozent führt, hat Waismann ein Rezept. Er blockiert die überflüssigen Rezeptoren im Hirn, die bei Drogenabhängigen vervielfacht sind. »Wenn sie aufwachen, fühlen sich die Menschen müde, aber wieder in Balance. Es gibt keine Entzugserscheinungen und kein Verlangen mehr nach der Droge. Sie sind gesund.«
Ist ANR die Antwort auf die Millionen Menschen weltweit, die abhängig und fast kaum therapierbar sind? Eine Revolution auf dem Gebiet der Drogenabhängigkeit? »Ja«, ist er überzeugt. Ein Wunder aber sei es nicht. »Meine Methode ist schlicht die Anwendung moderner Medizin«, sagt
Dr. Waismann, »wogegen sich die gewöhnliche Therapie Drogenabhängiger innerhalb der vergangenen 60 Jahre nicht wei-
terentwickelt hat«.
Er möchte noch viel mehr Menschen helfen, die ein Problem mit Heroin, Me-
thadon oder anderen Opiaten haben. Am liebsten würde er Ärzte unterrichten, damit seine Methode in alle Welt getragen wird. Denn immer noch wüssten viel zu wenig Menschen, dass es Hilfe gibt.
Und wenn Amy Winehouse tatsächlich bereit ist, sich hier helfen zu lassen, dann kann aus ihr vielleicht endlich das werden, was sie eigentlich ist: ein tolles jüdisches Mädchen mit einem ungewöhnlich großen Talent.

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026