Berlinale 2007

Im Mainstream angekommen

von Jessica Jacoby
und Michael Wuliger

Diese Berlinale ist anders als alle bisherigen – jedenfalls was Filme mit jüdischer und/oder israelischer Thematik angeht. Gab es von denen in den vergangenen Jahren, wenn überhaupt, gerade mal einen Beitrag in der wichtigsten Kategorie, dem Wettbewerb, so sind es 2007 gleich vier.
Auf das größte Publikumsinteresse wird dabei wohl Steven Soderberghs The good German stoßen, schon wegen seines Hauptdarstellers George Clooney. Clooney spielt den amerikanischen Journalisten Jake Geismar, der 1945 ins zerstörte Berlin kommt, um über die Potsdamer Konferenz zu berichten – und um Lena Brandt (Cate Blanchett) wiederzufinden, die er als Vorkriegskorrespondent in Berlin kennengelernt hatte. Lena, eine deutsche Jüdin, hat die Schoa überlebt – als Gestapospitzel, die untergetauchte Juden denunzierte. Soderberghs im Film‐Noir‐Stil gedrehte Adaption von Josef Kanons gleichnamigem Roman stieß in den USA auf hauptsächlich ablehnende Kritiken.
Stefan Ruzowiztkys deutsche Produktion Die Fälscher erzählt die wahre Geschichte des Nazi-„Unternehmens Bernhard“. Um die alliierte Kriegswirtschaft zu sabotieren, wurden 1942 die besten Fälscher Europas im KZ Sachsenhausen zusammengezogen, wo sie falsche Pfund‐ und Dollarnoten im Wert von Hunderten von Millionen produzieren mussten. Bei Versagen drohte der Tod. Karl Markovics spielt die Hauptfigur, den genialen russisch‐jüdischen Fälscher Salomon Sorowitsch.
Eine linguistische Première ist Cao Hamburgers O ano em que meus pais saíram de férias (Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren) dar: Der brasilianische Film wurde in Portugiesisch und Jiddisch gedreht. Held des Streifens ist der 12‐jährige jüdische Junge Mauro aus Sao Paulo, dessen Eltern ihn 1970, im Jahr der Fußball‐WM, hastig bei ihrem mürrischen und sehr orthodoxen Nachbarn Schlomo unterbringen, als sie vor der herrschenden Militärdiktatur fliehen müssen.
Zum ersten Mal seit Jahren ist auch wieder eine israelische Produktion im Wettbewerb vertreten: In Beaufort geht es um den 22‐jährigen Kommandanten eines israelischen Militärstützpunktes und seinen Männern, die vor dem Abzug aus dem Libanon im Mai 2000 ihren Stützpunkt zerstören, für dessen Verteidigung ihre Kameraden jahrelang ihr Leben ließen. Regisseur Joseph Cedar: „Der Film handelt von jungen Leuten, von denen verlangt wird, ihr Leben für einen Hügel zu opfern, der schon bald seine Bedeutung verliert. Und er handelt von Angst: ansteckender, umfassender, fühlbarer Angst.“
Während jüdische Themen 2007 im Berlinale‐Mainstream angekommen sind, sind sie diesmal, anders als sonst, in den innovativen Nebenreihen Forum und Panorama nur spärlich vertreten. Dort, wo junge, noch nicht etablierte Filmemacher ihre Dokumentar‐, Essay‐, oder „kleinen“ Spielfilme zeigen, sind nur drei jüdische oder israelische Produktionen zu sehen: ein historischer Tiefstand.
Zwei der drei Filme stammen von israelischen Regisseuren und alten Berlinale‐Hasen: Eythan Fox und Ron Havilio variieren ihre alten Themen, ohne neue Wege einzuschlagen. Fox’ neuer Film The Bubble läuft im Panorama‐Programm und kreist nach Yossi & Jagger und Song of the Siren wieder um das Thema Männerliebe, diesmal im Kontext des Nahostkonflikts. Zwischen Ashraf, einem junger Palästinenser, und Noam, einem gleichaltrigen Israeli aus Tel Aviv, der als Soldat an einem Checkpoint Dienst tut, funkt es. Ashraf zieht bei Noam ein. Doch dann kommt die Katastrophe – und das im doppelten Sinn. Ashrafs Schwester wird bei einer Razzia von Israelis erschossen, woraufhin er aus Rache zum Selbstmordattentäter wird und seinen Geliebten mit in den Tod nimmt. Fox scheint Ingmar Bergmanns Filmschnitt‐Rat „Kill your darlings“ etwas zu wörtlich genommen zu haben. Der schwule Liebestod im Film ist ein Doppel‐Whopper geschmacklicher Entgleisung, die Moral von der Geschicht’ reaktionär: Selbst der zahmste schwule Palästinenser kann zum Terrorristen werden.
Ron Havilios Potosi, le Temps du voyage (Potosi, Zeit der Reise) im Forum verlangt wie schon sein erster, preisgekrönter Dokumentarfilm Fragments Jerusalem dem Publikum viel Geduld ab. 246 Minuten, sprich, vier Stunden ist der Streifen lang, der zeigt, wie der Regisseur, seine Frau Jaqueline und ihre drei Töchter nach Buenos Aires reisen, wo Jaqueline aufwuchs und wo ihre verwitwete Mutter lebt. Von dort geht es weiter in die heruntergekommene bolivianische Minenstadt Potosi, wo die beiden zuletzt 1970 auf ihrer Hochzeitsreise waren. Anders als in Fragments Jerusalem gelingt Havilio die Verbindung aus Familien‐ und Stadtgeschichte diesmal nicht, trotz faszinierender Bilder und Musik. Ein bisschen mehr Schnittdisziplin hätte da gutgetan.
Entschädigt wird man im Panorama durch eine nette, überraschende Entdeckung: Deux jours à Paris (Zwei Tage in Paris), bei dem die Schauspielerin Julie Delpy Regie führt und auch die weibliche Hauptrolle spielt. Diese pointiert‐witzige Komödie handelt vom Kulturkonflikt eines französisch‐amerikanischen Paares, der während eines Besuchs in Paris bei den Eltern der Frau explodiert. Der Schwiegersohn ist jüdischer Herkunft, aber peinlich berührt, wenn man ihn darauf anspricht. „Religion ist in Amerika Privatsache, und außerdem ist nur mein Vater Jude“, antwortet er dem jüdischen Exfreund seiner Liebsten auf dessen direkte Frage. „Das hätte die Nazis während der Besatzung kaum davon abgehalten, dich zu deportieren“, gibt dieser zurück.
Das traditionelle Berlinale‐Kinderfilmfest heißt jetzt „Generation“ und hat zwei israelische Langfilme und einen Kurzfilm im Programm. Letzterer heißt Camping, stammt von Dana Blankstein und erzählt von einem geschiedenen Vater und seiner Teenagertochter, die bei einem Campingurlaub ihr Verhältnis neu ordnen. Die beiden Spielfilme Sipur hati Russi (Love & Dance) von Eitan Anner und Adama Meshuga’at (Sweet Mud) von Dror Shaul haben auf den ersten Blick das Thema gemeinsam: In beiden Filmen müssen die jeweils zwölf Jahre alten Helden ihre depressiven Mütter beschützen; alleingelassen mit dieser viel zu großen Verantwortung erleben sie unter diesen schwierigen Vorzeichen ihre erste Liebe. Doch wo Eitan Anner seiner Hauptfigur, dem jungen Chen, und seinen Eltern im öden Ashdot ein im wahrsten Sinne des Wortes tanzendes Happy End gönnt, und die erfolgreiche Integration der russischen Einwanderer wenigstens im Film Wirklichkeit wer‐
den lässt, zeigt Shaul die Lebenswelt des gleichaltrigen Dvir als engherzig und gnadenlos brutal. Diese Lebenswelt ist ein Kibbuz um 1970, ein Gefängnis, aus dem man nur noch ausbrechen kann, wenn man daran nicht irre werden und zugrunde gehen will wie Dvirs Vater, der sich das Leben nahm. Regisseur Dror Shaul ist selbst auf einer Kollektivfarm aufgewachsen. Sein Film ist eine bittere Abrechnung mit dem oft glorifizierten Kibbuzsystem, die allerdings durch ihre dramatische Überspitzung an Glaubwürdigkeit verliert.
Das Berlinale Special, eine Sonderreihe mit zeitgeschichtlich besonders wichtigen Filmen, zeigt Richard Tranks Dokumentation I have never forgotten you – the Life and Legacy of Simon Wiesenthal. Nicole Kidmans Stimme erzählt die Lebensgeschichte des 2005 verstorbenen Schoa‐Überlebenden und Nazijägers. Langjährige Mitstreiter Wiesenthals, Prominente aus aller Welt sowie Freunde und Familienmitglieder kommen zu Wort. Wiesen‐thals einziges Kind, seine Tochter Pauline, gibt das erste Interview über ihre Eltern und deren fast 70 Jahre währende Beziehung. Gedreht an Schauplätzen in Österreich, England, Deutschland, Italien, Polen, der Schweiz, der Ukraine und in den USA, enthält der Film bisher unveröffentlichte Archivfilme und -bilder.
Zum Schluss die gute Nachricht für alle, die nicht extra wegen der Filmfestspiele nach Berlin kommen wollen oder können: The good German und Die Fälscher werden kurz nach Ende der Berlinale in die deutschen Kinos kommen. Auch I have never forgotten you soll, versprechen die Produzenten, in absehbarer Zeit für das hiesige Publikum zu sehen sein.

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