zuwanderer

»Ich wurde superlieb aufgenommen«

von Katharina Rögner

Es ist, als würde sie jeden Tag Interviews geben. Vollkommen selbstverständlich und ohne auch nur den leisesten Anflug von Unsicherheit sitzt Katia Novominska in der blau-weißen Küche ihrer Studentenwohnung in Dresden-Johannstadt und plaudert aus ihrem Leben. Blau-weiß – das liebt sie. »Es sind die Farben der Juden«, sagt die 20jährige Medizinstudentin stolz. Sie versteht sich als konservative Jüdin. »Doch bei den Orthodoxen fühle ich mich am wohlsten«, sagt die gebürtige Kiewerin. Sie hat sehr früh gelernt, Kompromisse zu schließen. Denn als Zuwanderin mußte die Tochter jüdischer Eltern bereits mit zwölf Jahren vieles aufgeben, was ihr teuer war. Nicht zuletzt ihre Heimat in der Ukraine.
Seit Ende 1997 lebt Katia Novominska in Dresden. Sie kam gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester. »Die vergangenen acht Jahre haben Spuren hinterlassen.« Ihre neue Lebenssituation in Deutschland habe sie aber nie als Problem empfunden, vielmehr als Bereicherung.
Zusammen mit einem Freund leitet Katia Novominska seit einigen Jahren die Jugendarbeit der Dresdner jüdischen Gemeinde. »Jeden Sonntagnachmittag treffen wir uns im Gemeindezentrum neben der Synagoge«, erzählt sie. An Feiertagen kommen bis zu 60 junge Leute, an normalen Sonntagen seien es ungefähr zehn. Aber auf die Zahl kommt es nicht an. Unter ihrem Gemeindedienst versteht Katia Novominska »mehr als nur religiöse Arbeit«. Für viele junge Zuwanderer in Dresden sei das jüdische Gemeindezentrum am Hasenberg ein zweites Zuhause geworden. Die junge Frau interessiert sich auch dafür, aus welchen Familien die Jugendlichen kommen. »Ich will einfach wissen, mit wem ich es zu tun habe.« Sie möchte den Mädchen und Jungen Mut machen. Denn es fehle ihnen ganz oft an einer Lebensperspektive.
»Die Basis für jede Integration ist das Erlernen der neuen Sprache«, sagt die Jugendleiterin. Aber das gelinge vor allem auch vielen jungen Menschen nicht, hat sie festgestellt. »Daher finden sie auch keine Freunde.« Es fehle ihnen an sozialen Kontakten, und das habe dann die klassischen Probleme wie Nikotin- und Alkoholmißbrauch zur Folge.
An eigene große Probleme mit ihrem Leben als Zuwandererin kann Katia Novominska sich nicht erinnern. Im Vergleich zu Kiew sei Dresden ein Dorf, sagt die junge Frau und lacht. Anschluß habe sie hier sofort gefunden. »In der Schule wurde ich superlieb und nett aufgenommen«, erinnert sie sich. Zu einer Freundin aus dieser Anfangszeit hat sie auch heute noch Kontakt.
Warum ihre Eltern ausgewandert sind? Der Antisemitismus in der Ukraine habe sie sehr belastet. Trotz des Sturzes der Diktatur hätten sich die Menschen nicht geändert, sagt Novominska. Die »Gemüter« seien noch immer dieselben. Außerdem sollten ihre Schwester und sie Chancen auf eine gute Ausbildung haben. Das sei den Eltern wichtig gewesen.
Katia Novominska, die inzwischen mühelos fünf Sprachen spricht – Russisch, Ukrainisch, Deutsch, Französisch und Englisch –, Medizin studiert, gern tanzt und redet, scheint es geschafft zu haben. Trotzdem weiß sie: »Es ist schwer, in den verschiedenen Gesellschaften, Sprachen und Kulturen sich selbst zu finden«. Denn bei aller Integration spürt auch sie, daß sie anders ist.
»Meine deutschen Kommilitonen und ich – das sind zwei verschiedene Welten.« Je älter sie werde, desto weniger könne sie mit ihnen etwas anfangen. Das ginge vor allem von ihr aus. Die Mentalität sei einfach eine andere. Und sie wolle nicht ständig erklären, wie sie die Welt betrachtet. Viele Zuwanderer versuchten massiv sich zu integrieren, erklärt sie. Das ginge sogar so weit, daß sie ihre Namen ändern, damit sie deutsch klingen. »Aber niemand soll verleugnen, woher er kommt«, sagt Novominska. Sie bekenne sich zu ihrer »Mischmentalität«, wie sie es nennt.
In ihrer Geburtsstadt Kiew hat sie heute keine Verwandten mehr. Alle sind inzwischen ansgewandert: nach Deutschland, in die USA, nach Kanada und Israel. Deshalb habe Katia selbst auch »keine so starke Beziehung mehr« zu ihrer früheren Heimat. Seit sie vor acht Jahren weggegangen ist, ist sie nicht mehr in Kiew gewesen.
Doch es gibt Dinge aus ihrer Kindheit, an die sie sich mit strahlenden Augen erinnert. Da ist ihre Ballettausbildung an einem der damaligen Pionierhäuser in Kiew. Und das Stadtfest im Frühjahr: »Ein Riesenereignis.« Das vermisse sie noch immer. »Mit etlichen Festen in Deutschland, wie dem Geballer an Silvester, kann ich nichts anfangen.«
Wenn Katia Novominska sich an ihre Kindheit erinnert, dann denkt sie auch an die Gute-Nacht-Geschichten ihrer Mutter, einer Lehrerin, die entweder Geschichten von Puschkin vorlas oder aus dem Leben der Großfamilie erzählt habe. Doch wenn der Vater, ein angesehener Physikprofessor, sie zu Bett brachte, sei es noch aufregender gewesen. »Der hat uns beiden Mädchen an dem einen Abend einen Vortrag über Glasherstellung gehalten und uns am nächsten Abend erklärt, warum der Himmel blau ist.«
Die Begeisterung für die Wissenschaft ist bei Tochter Katia geblieben. Ihre Vorliebe für Medizin habe sie jedoch von der Großmutter, sagt sie. Für die engagierte Ärztin habe sie schon immer geschwärmt. Nach ihrem Studium an der Dresdner Uni will sie am liebsten Kinderärztin werden. Aber sie könne sich auch Psychiatrie oder Dermatologie vorstellen. Aber festlegen will sie sich noch nicht. Schließlich ist sie erst im dritten Semester. Doch eines Tages Professorin zu sein, ist für die 20jährige auch ein vorstellbares Ziel.
Vor einem Jahr reiste Katia Novominska das erste Mal nach Israel. »Dieses Land wirst du lieben oder hassen«, sagt sie. Sie hat es lieben gelernt. Nicht auf den ersten Blick. Die Zuneigung für das Land habe sich in den zwei Wochen ihres Aufenthalts entwickelt. »In Israel habe ich mich zu Hause gefühlt«, sagt sie schwärmerisch. Sie könne sich vorstellen, dort einmal zu leben, obwohl ihr Hebräisch noch sehr mangelhaft sei. Sie mag zwar auch Berlin, aber das liegt in Deutschland. Und in Deutschland wolle sie nicht für immer bleiben.
Von ihrer Reise ins Gelobte Land hat Katia Novominska sich eine israelische Fahne mitgebracht: blauer Stern auf weißem Grund. Die will sie demnächst in ihrer Küche aufhängen. Israel – ihre neue Liebe in Blau-Weiß.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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