zuwanderer

„Ich werde es hinbekommen“

von Felix Lennertz

Treffen wir uns im Gemeindehaus? Nein, das möchte Ilja Kogan nicht. Es gehe doch um ihn „als Person und erst in zweiter Linie um ihn als Jude“, betont der junge Mann selbstbewußt. Viel netter sei doch neutraler Boden. Er sagt es mit Humor in der Stimme – und schlägt ein nahgelegenes Eiscafé vor.
Nicht weit vom Synagogenplatz befindet sich Aachens belebte Fußgängerzone, dort tummeln sich Menschen aus aller Herren Länder. Ilja Kogans Stimme verrät, daß auch er einer von ihnen ist. Er stammt aus Rußland. Satzbau und Wortwahl sind makellos, wenn er deutsch spricht, nur der warme russische Akzent und das gerollte R erinnern daran, daß der 20jährige nicht in Deutschland geboren ist.
Vor kurzem hat er mit Bravour sein Abitur bestanden, bald geht es zur Uni: Wirtschaftswissenschaften sollen es sein. Das Diplom wolle er sich in Maastricht holen, sagt er, Aachens niederländischer Nachbarstadt. Die dortige Hochschule ist im achten Jahr in Folge zur besten Universität der Niederlande gewählt worden, „ein Fakt, den vor allem Personalchefs zu würdigen wissen“. Und die 1.500 Euro Studiengebühren, die er dort jedes Jahr zahlen muß? „Studiengebühren hin oder her – ein gutes Diplom öffnet die meisten Türen im Leben.“ Er werde es hinbekommen, sagt der junge Mann entschieden. Unter seiner schwarzen Basecap leuchten blitzgescheite braune Augen, die nicht nur Klugheit, sondern auch Zuversicht ausstrahlen. „Ich werde es schaffen – auch dank meiner Eltern“, sagt der kleine drahtige Mann. Iljas Vater hat inzwischen wieder eine Anstellung als Ingenieur, die Mutter führt Haushalt und Familie.
Ilja Kogans Lebensgeschichte ist die Geschichte einer gelungenen Anpassung, einer im besten Sinne erfolgreichen Integration. „Meine Eltern sagen, man ist in einem Land mit der Seele erst dann angekommen, wenn man versteht, warum an bestimmten Feiertagen die Geschäfte geschlossen sind, und wenn man über die Witze im Fernsehen lachen kann.“ Der junge Mann sagt all das mit einer überaus präzisen Diktion, auf die sogar manch Muttersprachler stolz sein könnte. Seine Worte und Sätze wählt er mit Bedacht, und trotz des fremden Akzents klingen sie wie gemeißelt. Bewunderung für seine Sprachkenntnisse weist er zurück. „Das ist alles eine Frage des Willens.“
Vor zehn Jahren, 1996, kam Ilja Kogan mit seinen Eltern und der älteren Schwester von Tscheljabinsk, einer Millionenstadt im Ural, nach Deutschland. Die Gewöhnung an Land und Leute sei ihm viel leichter gefallen als seinen Eltern, sagt er. Als Zehnjähriger mußte er damals in Dessau, dort kam die Familie an, sogleich nach einigen Tagen in die Schule. „In Mathematik war ich der Beste in der Klasse, aber alles andere hat nicht so gut geklappt.“ Er schmunzelt.
In der Aachener jüdischen Gemeinde betreut der junge Mann seit Januar 2005 das Jugendzentrum. Es heißt „Kavanah Anne Frank“ und ist Anlaufstelle für bis zu 70 Kinder, die fast ausschließlich aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammen. So wie Ilja selbst.
Trocken und ganz nebenbei erzählt er vom alltäglichen Antisemitismus in Rußland. Dort sei er kein Russe gewesen, sagt er, sondern Jude, das sei auch im Paß seiner Eltern so vermerkt gewesen. „Warum wir ausgewandert sind? – In Rußland sind Mißhandlungen bei jungen Menschen an der Tagesordnung, wenn sie zur Armee gehen.“ Und dann erzählt der junge Mann von den Chancen, die er jetzt in seinem Leben haben wird, und von Möglichkeiten, die es in Rußland niemals gegeben hätte. Wie zum Beispiel sein Einsatz für die Jungen Liberalen. „Politisches Engagement ist spannend“, sagt er, „aber für mich ist das auch ein Versuch, den Deutschen bei der Sozialisation über die Schulter zu gucken und zu sehen, wie man hier sich selber organisiert.“ Er schwärmt von der Freiheit der Studienwahl, die für ihn nicht selbstverständlich sei, und von der Freiheit, zu sagen, was man denkt. „Dies alles sind Freiheiten, die man nutzen muß“, betont er.
In vielem wirkt Ilja Kogan deutlich älter, als er ist. Manch 30jähriger könnte sich ihn zum Vorbild nehmen in seiner Entschlossenheit und seinem Drang nach Selbstverwirklichung.
Der junge Mann scheint es geschafft zu haben. Er hat sich in eine neue Gesellschaft integriert, ohne seine Identität aufzugeben. „Das sagt sich so einfach. War es aber nicht, denn da gehört Wille zu.“
Ob er sich hundertprozentig wohlfühle in Deutschland? Nein, das wohl nicht. „Die Stimmung ist kühl, und Jude zu sein in Deutschland, ist nicht immer einfach. Kühl sage ich, weil feindlich ein schwieriges Wort ist. Dadurch, daß ich bewußt mein Leben an der Gemeinde orientiere, habe ich etwas, wo ich mich heimisch fühle.“ Das sei kein geographischer Fixpunkt, eher ein seelisch‐geistiger. Den er aber unbedingt brauche. „Woran sonst sollte ich mich festhalten?“
Gibt es ein allgemeingültiges Rezept für erfolgreiche Integration? Nein, eigentlich nicht, meint Ilja. Es gebe eine Minimal‐ und eine Maximalversion. „Anfangspunkt und gleichzeitig der wichtigste Türöffner ist auf jeden Fall die Sprache. Ohne die kann man nicht Teil der Gesellschaft werden.“ Direkt danach komme die Bereitschaft, auf sein Umfeld einzugehen. Der Grad der Bereitschaft hänge vom Alter ab, aber auch vom sozialen Umfeld. „Besonders für Kinder ist es wichtig, daß sie das von den Eltern vermittelt bekommen.“
Gerade die jungen Leute müssen den Schritt in die Mitte gehen, erklärt Kogan. „Wer die Sprache, die Kultur nicht beherrscht, der macht eines Tages auch die entsprechenden miesen Jobs.“ Materielle Werte bieten eine gewisse Sicherheit, aber Freiheit erreiche man nur durch das, was man im Kopf hat und was einem keiner nehmen kann.
Heimat sei Deutschland nicht für ihn, sagt der junge Mann. Und wahrscheinlich werde es das auch nie so ganz. „Heimat ist für mich meine Familie. Und mein Judentum. Jüdisch zu sein, ist mehr als eine religiöse Angelegenheit.“ Und doch gibt Ilja Kogan zu: In Aachen, in Deutschland, da habe er Wurzeln geschlagen.
Nun müsse er sich verabschieden, sagt er, denn seine ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde warte auf ihn. Auch da macht er den Schritt in die Mitte. Die Arbeit mit den Kindern ist der Kitt, mit dem die deutschen und russischen Teile der Gemeinde langsam zusammenwachsen. Denn je mehr aus Russen Juden werden, desto besser lassen sich die ehedem so tiefen Gräben zwischen alteingesessenen und neuen Mitgliedern schließen.
Wo er sich in 20 Jahren sieht? Ein sympathisches Lächeln umspielt seine offenen, jungenhaften Gesichtszüge. „Wo, ist egal“, sagt er, „aber bestimmt als Vater einer Familie und als jemand, der sich in der Gemeinde engagiert.“

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