Wolf Biermann

»Ich teile mit ihnen das Lebensschicksal«

Herr Biermann, Ihr neuer Gedichtband hat den Titel »Heimat«. Was ist Heimat?
biermann: Heimat sind die vertrauten Freunde. Aber auch die vertrauten Feinde. Das merkte ich erst, als ich vor dreißig Jahren aus der DDR ausgebürgert wurde. Mir fehlte nicht nur mein Freund Robert Havemann, mein Freund Jürgen Fuchs und mein Freund Jürgen Bötcher. Mir fehlte auch mein Feind Honecker, mein Feind Mielke.

Was kann man an Feinden vermissen?
biermann: Daß man sie so gut kennt und weiß, wo man hinschlagen muß, damit es wehtut. Wenn man als gelernter Ost‐Mensch, in meinem Fall als gelernter Drachentöter, aus einem totalitären Régime rausgekickt wird und plötzlich keinen Drachen hat, dann braucht man auch das Holzschwert nicht mehr. Da sind zwar sechs Seiten drauf, aber man weiß nicht, wo man mit der Gitarre hinschlagen soll.

Ist Heimat nur Freund und Feind?
biermann: Heimat ist auch die Stadt und das Land, mit dem man vertraut ist. Wo man weiß, wie die Bäume im Herbst ihre Blätter abwerfen, wie die Äpfel schmecken. Es ist ein Unterschied, ob man einen Himmel auf offenem Meer sieht oder ob man von Bergen umstellt ist. Zur Heimat gehört auch das politische System, die Kultur, die Sprache. In Deutschland ist das Wort Heimat zersaut, so schwammig, so kitschig, mißbraucht. Nicht nur in der Nazi‐Zeit, sondern auch in der zweiten Diktatur, die ich erlebt habe: in der DDR. Dort gab es ein schreckliches Lied, das sangen die jungen Pioniere wie ein Kastratenchor: »Unsere Heimat, das sind nicht nur die Berge und Täler (…), und wir lieben dich Heimat, du Schöne. Und wir schützen dich, weil du dem Volke gehörst (…)«

Wo befindet sich Ihre Heimat, hier in Deutschland, Hamburg‐Altona?
biermann: Ich bin vor wenigen Tagen aus Israel zurückgekommen. Dort habe ich in einer Stunde alle Probleme der Menschheit endgültig gelöst. Ausgenommen das kleine Nebenproblem: den Streit zwischen Ismael und Isaak, also den Streit zwischen Juden und Arabern. Und ich habe dort bei einer Rede mit einer Wahrheit gelogen: daß Israel jetzt meine Heimat geworden ist. Das habe ich meinen Zuhörern nicht gesagt, um ihnen ihre welken Knie zu tätscheln, um mich bei ihnen einzukratzen, bei ihnen beliebt zu machen. Sondern weil es wirklich so geworden ist.

In einem Ihrer neuen Gedichte heißt es über Israel: »Kein anderes Land finde ich schöner, kein anderes Land ist mir lieber.«
biermann: Ja.

Woher kommt diese Liebe?
biermann: Weil dort so viele Menschen leben, die mit meinem kleinen Menschenleben mehr zu tun haben, als alle Deutschen, die ich hier kenne.

Inwiefern?
biermann: Weil das Leute sind, die in der Nazizeit aus Deutschland rausgetrieben wurden, die nichts weiter wollten, als in Palästina am Leben bleiben und aus Versehen dort hängengeblieben sind. Und die sich wunderten, daß dort so viele Kamele und Araber rumlaufen. Mit denen habe ich zwar nicht die gemeinsame Sprache, aber das gemeinsame Lebensschicksal. Es ist eben ein Unterschied, ob man in Nazideutschland als Sohn eines SS‐Obersturmbannführers geboren wird oder als Sohn eines Kommunisten und Juden, der in Auschwitz ermordet wird. Und der einzige Überlebende einer großen jüdischen Familie ist. Das hat doch Folgen. Auch in der Seelenökonomie eines Menschen.

Wann ist Ihnen das bewußt geworden?
biermann: Auf Israel aufmerksam geworden bin ich durch den ersten Golfkrieg. Ich sah, daß das Land in einer Situation war, in der die Endlösung der Judenfrage vollendet werden soll.

Durch den irakischen Diktator Saddam Hussein?
biermann: Ja. Ich fand das irgendwie übertrieben. Ich will nicht, daß die Juden, die am Leben geblieben sind, jetzt von irgendjemandem ausgerottet werden. Das wollen viele Menschen nicht. Denn inzwischen haben die Deutschen den Juden verziehen, was sie ihnen angetan haben. Diesen gemeinen Satz habe ich auch bei meiner Rede in Israel gebraucht. Weil er wahr ist und nicht, weil ich was Keckes sagen will. Ich bin ja im doppelten Sinn kein Jude: Nach der Halacha bin ich keiner, weil »nur« mein Vater ein Jude war. Aber auch im geistig‐kulturellen Sinne bin ich kein Jude, weil alle Menschen meiner Familie, die aus mir einen Juden hätten machen können, ermordet wurden. Kein einziger hat überlebt. Und kein einziger ist ja ziemlich wenig.

Ihren Vater, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde, haben Sie nie richtig kennen‐ gelernt.
biermann: Trotzdem habe ich immer mit meinem Vater gelebt. Meine Mutter hat mir während der Nazizeit jeden Tag eine halbe Stunde von ihm erzählt. Auf raffinierte Weise hat sie mich so intensiv mit meinem Vater aufwachsen lassen, wie kaum ein Kind mit seinem Vater aufwächst. Ich bin fest davon überzeugt, daß ich diesen zwölf Jahre langen Streit mit der Obrigkeit in einem totalitären Régime wie der DDR nicht durchgestanden hätte, wenn mein kleiner Vater nicht immer auf der Wolke über Auschwitz gelegentlich hier vorbeigefahren wäre und gesagt hätte: »Los, kleiner Wolf, zeig es den Schweinen. Lass dich nicht einschüchtern!« Ich verdanke meiner jüdischen Familie, daß ich die Rolle des Drachentöters in der DDR spielen konnte. Ich hätte sonst nie die Chuzpe gehabt, mich mit so übermächtigen Verbrechern in einen solch langen und ernsten Streit einzulassen. Aber dadurch, dass ich mich als rechtmäßiger Erbe fühlte, als Arbeiter, Kommunistenbalg und Jüdlein, trat ich den totalitären Machtidioten des Regimes sehr unbescheiden entgegen.

»Jüdlein sein« spielte in ihrer DDR‐Zeit aber praktisch keine Rolle!
biermann: Ich war ja kommunistisch indoktriniert. Und die Kommunisten unter den Juden wie mein Freund Jurek Becker betonten immer wieder penetrant: »Ich bin kein Jude, ich bin ein Mensch, ein Kommunist. Ich will die Menschheit retten.«

Waren Sie denn anders?
biermann: Ja, ich war anders. Ich kannte durch meine Mutter die Geschichte meines Vaters vor dem »Volksgerichtshof«.

Er war im März 1937 verhaftet worden.
biermann: Die Verhandlung begann wie immer. Angeklagter, erheben Sie sich. Name? Dagobert Biermann. Geburtsdatum? 13. November 1904. Beruf? Schlosser, Maschinenbauer auf der Deutschen Werft in Hamburg. Religion? Und bei dieser Frage diktierte der Richter der Gerichtsschreiberin: Keine. Darauf sagte mein Vater in aggressivem Tonfall: »Ich bin Jude!« Meine Mutter bekam einen Krampf und dachte: Oh du kleiner, lieber, wunderbarer Idiot. Du hättest doch hier als Deutscher durchgehen können, der nur Hochverrat begangen hat. Dann kämst Du ins Gefängnis und nicht ins KZ. Sie bildete sich einfach ein, er hätte im Gefängnis überleben können. Aber die Nazis waren auf makabere Weise gerecht denkende Menschen. Sie sagten: Warum soll ein Jude, der gegen uns gekämpft hat, länger leben, als die netten Juden, die wir schon alle in die Grube geschos‐ sen haben. Also wurde er im Februar 1943 nach Auschwitz geschickt.

Warum hat Ihr Vater sich als Jude »geoutet«?
biermann: Mein Vater war nicht religiös. Er achtete aber die Haltung seiner Eltern, die richtige Juden waren.
Hatte das Auswirkungen auf den jungen Wolf Biermann in der DDR?
biermann: Ich glaube schon. Die DDR war ja ein Staat, in dem der Antisemitismus verboten war. Man mußte Antizionist sein. Das war die Form des Antisemitismus, die im SED‐Staat nicht nur erlaubt, sondern gefordert wurde.

Wie sind Sie damit umgegangen?
biermann:
Aus Gründen, die ich nicht durchschaue, habe ich instinktiv nicht ein einziges Mal irgendetwas gesagt oder auch nur geduldet, was gegen Israel ging. Mein jüdisches Gehirn saß mir im Rippenkäfig, wo das Herz schlägt. Damals schrieb ich im »Gesang für meine Genossen«: »Wie oft verschwieg ich / meine jüdische Angst, von der ich behaupte / daß ich sie habe – und von der ich fürchte / daß einst sie mich haben wird.« Mitte der 60er Jahre dichtete ich über den Weihnachtsmarkt in Ostberlin: »Deutsche Weihnacht, deutsche Weihnacht, Bratendunst aus jeder Bude, deutsche Weihnacht, deutsche Weihnacht, deutsche Weihnacht, ich bin Jude.« Als meine Frau Pamela die Zeilen in einem meiner alten Notizbücher fand, lachte sie und sagte: Na, das war wohl auch nicht nur des Reimes willen. Sie sehen an diesen Beispielen, in welch einer unentwickelten, embryonalen, dumpfen, fast unbewußten Art des Affektes ich meine Jüdischkeit hatte, die ich gar nicht hatte.

Treibt Sie diese unbewußte Art des Affektes an, wenn Sie Israel verteidigen?
biermann:
Nein. Ich war zu Beginn des Golfkrieges einfach geschockt: Da gibt es Leute, die allen Ernstes jetzt den Rest auch noch endlösen wollen. Das war mehr als ich ertragen konnte. Ich weiß gar nicht, was da alles in mir hochkam. Jedenfalls schrieb ich einen Essay, der zuerst in der »Zeit« erschien und dann ins Hebräische übersetzt wurde.

Und dann wurden Sie nach Israel zu einem Konzert eingeladen.
biermann:
Ich sollte im Jerusalemer Theater Khan auftreten. Die wollten sich den deutschen Vogel mal auf die Stange setzen und ihn zwitschern lassen. Dann sang ich in Haifa, Tel Aviv, am Carmel. Aber verjudet im allerbesten Sinne hat mich ein Freund: Arno Lustiger.
Wie das?
biermann:
Arno Lustiger hatte sein erstes Buch als Historiker über Juden im Spanischen Bürgerkrieg geschrieben, Shalom Libertad, und stellte es in Hamburg vor. Aus ganz privaten Gründen ging ich hin. Denn mein Vater, statt seinen kleinen Judenhintern zu retten, was ja schon schwer genug war in der Nazi‐Zeit, hatte ja Sabotageakte gegen Schiffe verübt, die vom Hamburger Hafen aus Waffennachschub für die Legion Condor lieferten. Ohne deren Hilfe hätte Franco sein eigenes Volk nie besiegen können. Und wegen dieser Sabotageakte war mein Vater verhaftet worden. Indirekt ist er also im Spanischen Bürgerkrieg gefallen. Deshalb ging ich zur Buch‐ vorstellung und kaufte gleich einen Packen Bücher, was jedem Autor gefällt und ihn korrumpiert. Und wir haben uns übertrieben angefreundet. Das ging nämlich gleich soweit, daß Arno, der Auschwitz, Todesmärsche und das Sonder‐KZ Langenstein im Harz überlebt hatte, mir anbot, ich sollte jetzt sein Sohn sein.

Wie haben Sie reagiert?
biermann: Ich sagte: Du bist wohl verrückt. Schau’ dich doch mal an. Du kannst doch nicht mein Vater sein. Du bist grad mal 13 Jahre älter als ich. Du bist ein frecher junger Kerl. Du kannst doch nicht mein Vater sein. Doch er hatte das ganz pathetisch gemeint. So kriegte ich mit letzter Eleganz noch die Kurve und sagte: Wir machen das. Aber nur unter einer Bedingung. Du bist von nun an mein Vater und ich dein Großvater. Also du mußt auf mich hören, und ich mache das, was du sagst.

Und das zog Sie in die Jüdischkeit?
biermann: Ja. Arno Lustiger gab mir sofort den Auftrag, das Ende des Poems von Jizchak Katzenelson »Großer Gesang vom ausgerotteten Jüdischen Volk« in ein starkes Deutsch zu übertragen. Diese Schlußverse handeln vom Beginn des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Den Text brauchte Lustiger als Beweis dafür, daß sich die Juden nicht haben abschlachten lassen. Ich beschloß dann, das ganze Buch zu übersetzen. Und dadurch kam ich in einer ganz anderen Weise mit Israel in Kontakt. Durch meine Recherchen traf ich einfach sehr viele Leute, berühmte und unberühmte. Seitdem bin ich sehr viel in Israel.

Suchen Sie dort etwas?
biermann: Nö, ich finde.

Was?
biermann: Menschen.

Und diese Menschen leiden unter dem Nahostkonflikt. Müssen sie sich damit abfinden?
biermann: Das ist ein romanhaftes Thema. Um es kurz zu machen: Der Konflikt zwischen den Nachfahren der Halbbrüder Isaak und Ismael, beides Söhne von Abraham, der eine Urvater der Juden, der andere Urvater der Araber, dieser Konflikt wird immer noch ausgekämpft. Ich habe das in einem meiner neuen Gedichte, Roter Mond über Banyuls sur Mer, versucht zu schildern. Im zweiten Teil heißt es:
Das sind Tragödien der anderen Art
Da hilft kein gutgemeinter Rat
Da hilft kein Treueschwur,
Kein frommer Fluch
Kein kluggeschissnes Friedens‐Buch
Da hilft kein Aufschrei in der Welt
Kein feige abgedrücktes Geld
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So etwas hört man aber hierzulande nicht gerne.
biermann: Die Deutschen, und nicht nur die, müssen endlich begreifen, daß es eben geschichtliche Tragödien gibt, die man nicht so flott mit Happy‐End wie im Hollywood‐Film lösen kann. Den Menschen in Israel, die mittendrin sind in diesem blutigen Drama und täglich Todesängste ausstehen, daß sie von einer Atombombe, auf einem persischen Teppich dahergeflogen, ausgelöscht werden, diesen Leuten muß man das Gegenteil beibringen. Daß dieser unlösbare Konflikt lösbar ist. Damit sie wenigstens Feinde bleiben, die noch miteinander streiten können.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

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